ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Psychiater: Skandalöser Vorgang
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LNSLNS Der Artikel ist in hohem Maße besorgniserregend. Er handelt von einem skandalösen Vorgang, dessen Tragweite nur nebenbei zum Ausdruck kommt. Weil Logik und Sprache des Beitrags systemkonform sind, wird der – der Systemlogik zu verdankende – Skandal nicht in der nötigen Deutlichkeit benannt.
Errungenschaften der Psychiatriereform, die gesellschaftlichem Protest und Engagement zu verdanken waren, werden aus Kostengründen abgebaut. Weil Kontrollmaßnahmen, Verwaltung und Gesundheitsindustrie immer größere Anteile an dem zur Verfügung stehenden Gesundheitsetat auffressen, werden ärztliche/therapeutische Tätigkeiten immer geringer bewertet und damit dequalifiziert.
Bedroht durch Insolvenz wegen völlig unzureichender Honorierung ihrer Leistung werden Psychiater gegen ihre fachliche und gesellschaftliche Überzeugung gezwungen, Fortschritte in der Behandlung psychisch Kranker rückgängig zu machen: „Wir werden häufiger in die Klinik einweisen müssen“, was deswegen folgenreich für die Behandlungsverläufe sein wird, weil auch Übergangseinrichtungen unterfinanziert sind und deswegen immer weniger qualifizierte Behandlungsangebote zwischen Klinikversorgung und ambulanter Betreuung in der Praxis angeboten werden.
Das ist ein skandalöser Vorgang im sogenannten Gesundheitsversorgungssystem: Fachlich gebotene psychiatrische Behandlung – möglichst sozial- und gemeindeintegriert – wird erschwert und damit werden die bekannten Begleiterscheinungen von Klinikbehandlungen, die bis zum Hospitalismus und zur sozialen Verelendung reichen, wieder in Kauf genommen.
Eine Steigerung des Skandalösen liegt darin, dass sich engagierte Ärzte in ihrer Not eines Vokabulars bedienen müssen, dessen Logik ihr fachliches Wissen und Können (zusammen mit ihrem Ethos) bedroht: Weil „rund 40 Prozent“ ihrer Leistungen nicht mehr bezahlt werden – was bei dem sowieso geringen Honorar nicht zu kompensieren ist –, muss ein System ausgedacht werden, das die Leistungseinschränkungen rechtfertigt.
Das Konzept wird „Preisadaptierte Qualitätssteuerung (PaQS)“ genannt. Dahinter verbirgt sich eine Betreuungsverlagerung psychiatrischer Patienten aus der Gesellschaft in die isolierte Welt der Klinik.
Mit der Bezeichnung „PaQS“ entsteht eine Unklarheit, weil wir im Sprachgebrauch der Gesundheitswirtschaft gewohnt sind, mit QS „Qualitätssicherung“ zu verbinden. So stellt sich hier eine – vielleicht intendierte – Mehrdeutigkeit her. Hier geht es aber nicht um Sicherung oder gar Verbesserung der Qualität ärztlicher Behandlung, wie man mit dem Kürzel QS verbinden könnte, QS heißt hier nicht Qualitätssicherung, sondern Qualitätssenkung. Man sollte ungeschönt von Quantitätssenkung ambulanter Behandlungen reden, die fachlich geboten sind, aber nicht mehr finanziert werden.
Dass der stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes der Nervenärzte, Dr. med. Gunter Carl, betonen muss, dass das PaQS die Patienten gesundheitlich nicht gefährden wolle „oder in ärztlich nicht vertretbarer Weise den medizinischen Standard“ unterschreite, versteht sich von selbst, was bleibt ihm anderes übrig?
Die hippokratische Verpflichtung gilt bis in die Insolvenz. Aber seine Warnung, dass das neue System die Drehtür der Psychiatrie wieder in Schwung setzen werde, ist dem gegenüber ein deutlicher Hinweis auf zu erwartende Folgen für die Behandlung von psychisch Kranken.

Jürgen Hardt, Präsident der Landeskammer für Psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten (LPPKJP) Hessen, Gutenbergplatz 3, 65187 Wiesbaden
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