ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Psychosomatik und Gynäkologie: Väter trauern anders

WISSENSCHAFT

Psychosomatik und Gynäkologie: Väter trauern anders

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 129

Bühring, Petra

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LNSLNS Nach Totgeburten entwickeln Männer und Frauen unterschiedliche Copingstrategien. Wichtig ist eine offene Kommunikation des Paares über den Verlust.

Ging man vor 30 Jahren noch davon aus, dass es für die Eltern das Beste sei, ein tot geborenes Kind schnell zu vergessen, so ist heute bekannt, dass Trauerreaktionen nach dem Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft oder nach der Geburt vergleichbar sind mit solchen nach anderen Verlusten (2, 3). Glaubte man früher, dass die Bindung der Väter an ihre ungeborenen Kinder weniger intensiv sei als die der Mutter, zeigen aktuelle Untersuchungen, dass viele Väter eine intensive Beziehung zu ihrem ungeborenen Kind haben. Dies berichtete Priv.-Doz. Dr. Anette Kers-ting beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) 2006 in Berlin. Dabei können auch die fortschreitenden medizinischen Möglichkeiten die Bindung der Eltern zum ungeborenen Kind beeinflussen. Johnson und Puddifoot (1) wiesen darauf hin, dass die Trauerreaktion damit zusammenhänge, ob Männer ein Ultraschallbild ihres ungeborenen Kindes gesehen hätten und auch mit der Lebendigkeit ihrer visuellen Erinnerungen. Männer, die ihr Kind stärker visualisierten, zeigten intensivere Trauer.
Angst und Depression versus höheren Alkoholkonsum
Trotz der großen individuellen Variabilität des Trauerverlaufs scheint es Hinweise darauf zu geben, dass sich Männer und Frauen hinsichtlich ihrer Copingstrategien des Verlusts voneinander unterscheiden. So zeigen Frauen signifikant höhere Werte an Angst und Depression im Zeitverlauf, während Männer einen erhöhten Alkoholkonsum angaben. Diskordante weibliche und männliche Copingstrategien können auch zu einer Belastung für die Partnerschaft werden. Während Frauen das Bedürfnis haben, über den Tod ihres Kindes zu sprechen, fällt es vielen Männern schwer, ihre Gefühle auszudrücken (Swanson et al. 2003). Im Vergleich zu Frauen neigen Männer eher dazu, den Verlust zu verleugnen (Stinson et al. 1992) oder sich durch ein erhöhtes Arbeitsengagement abzulenken (Beutel et al. 1996). Dies kann zu Fehlinterpretationen der Frauen führen, wenn sie die Zurückhaltung ihres Partners, über den Verlust zu sprechen, als Ausdruck mangelnder Emotionalität und Empathie interpretieren. Viele Männer hingegen fühlen sich aufgrund der größeren Intensität und längeren Dauer der Trauerreaktionen ihrer Partnerinnen verunsichert. Um sie nicht zusätzlich zu belasten, versuchen sie, ihre eigenen Gefühle zu kontrollieren. In einer retrospektiven Untersuchung zeigten Korenromp et al. (2005), dass Paare, bei denen sowohl Männer als auch Frauen pathologische Trauerwerte zeigten, diese nie gleichzeitig angaben. Dieses Ergebnis könne auf eine wechselseitige Unterstützung der Partner hinweisen, vermutet Kersting. In vielen Partnerschaften wird eine offene Kommunikation vermieden, um dem Partner keinen weiteren Schmerz zuzufügen. Schaap et al. (1997) zeigten in ihrer Untersuchung, dass mehr als 50 Prozent der Eltern, deren Kind intrauterin verstorben war, ihre Emotionen nicht teilen oder diskutieren konnten. Diskongruente Trauerprozesse zwischen den Partnern waren ein Risikofaktor für verlängerte oder abnorme Trauerreaktionen.
Eine Aufgabe der therapeutischen Begleitung besteht nach Ansicht der Psychiaterin darin, beide Partner zu einer offenen Kommunikation anzuregen und so die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass beide die Perspektive des Partners einnehmen, um Unterschiede im Erleben der Trauer akzeptieren zu können. So können Fehlinterpretationen korrigiert und die Partner darin unterstützt werden, gemeinsame Ziele und Werte nicht aus den Augen zu verlieren.
In der klinischen Literatur wurde mehrfach auf die Notwendigkeit einer spezifischen psychotherapeutischen Begleitung zur Prävention und Reduktion pathologischer Trauerreaktionen oder psychosozialer Langzeitfolgen hingewiesen (5). Dennoch zeigte eine umfassende Cochrane-Übersicht (Chambers 2004), dass bisher keine randomisierten kontrollierten Studien publiziert wurden, die unter Berücksichtigung aktueller Forschungsstandards die Effektivität entsprechender psychotherapeutischer Behandlungsprogramme für Eltern nach der Geburt eines toten Kindes nachweisen. Vor diesem Hintergrund entwickelten Kersting und Rohde (4) unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede des Trauerverlaufs ein manualisiertes themenzentriertes Kurzinterventionskonzept für Eltern nach Totgeburt, dessen Wirksamkeit derzeit evaluiert wird.
Petra Bühring

Kontakt:
Priv.-Doz. Dr. Anette Kersting, Universitätsklinikum Münster, E-Mail: Anette.Kersting@ukmuenster.de


Literatur
1. Johnson MP, Puddifoot JE: Miscarriage:
Is vividness of visual imagery a factor in the grief reaction of the partner? British Journal of Health Psychology 1998; 3: 137–46.
2. Kersting A, Fisch S, Bäz E: Psychosocial care of mothers after stillbirth. Lancet 2002; 16, 3 60 (9345): 1600.
3. Kersting A, Dorsch M, Kreulich C, Reutemann M, Ohrmann P, Bäz E, Arolt V: Trauma and grief 2–7 years after termination of pregnancy because of fetal anomalies –
a pilot study. J Psychosom Obstet Gynecol 2005; 26 (1): 9–14.
4. Kersting A, Rohde A: Kurzinterventionsprogramm für Eltern nach der Geburt eines toten Kindes. 2005; unveröffentlichtes Manuskript.
5. O’Leary J: Grief and its impact on prenatal attachment in the subsequent pregnancy. Arch Womens Mental Health 2004; 7: 7–18.
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