ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Therapieprozess: Vergleich psychoanalytischer und verhaltenstherapeutischer Prozessvariablen

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Therapieprozess: Vergleich psychoanalytischer und verhaltenstherapeutischer Prozessvariablen

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 130

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LNSLNS Psychoanalytisch und verhaltenstherapeutisch begründete Psychotherapien wurden schon häufig im Hinblick auf ihre Wirksamkeit (outcome) verglichen. Jetzt haben Psychotherapieforscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf auch einen Vergleich von Elementen des Therapieprozesses durchgeführt. Sie werteten die Ergebnisse von sechs Studien aus, bei denen zur Behandlung psychischer Störungen einerseits psychodynamisch-interpersonale und psychoanalytisch orientierte, andererseits behaviorale und kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren angewandt wurden. Die Forscher konzentrierten sich bei ihren Analysen vor allem auf therapeutenbezogene Prozesselemente, das heißt Interventionen, Inhalte und Stile, da diese in direkter Verbindung mit den jeweiligen Therapiekonzeptionen stehen. Bei Sichtung der Studien fiel ihnen auf, dass die beiden klassischen Grundverfahren Psychoanalyse und Verhaltenstherapie deutliche konzeptionelle Unterschiede aufweisen. Im Rahmen psychoanalytisch orientierter Verfahren stellen beispielsweise Übertragung, Beschäftigung mit der Vergangenheit und mit Emotionen, Konfrontation und Interpretation sowie Neutralität und Abstinenz des Therapeuten zentrale Bestandteile dar. Im Gegensatz dazu spielen in der kognitiven Verhaltenstherapie Psychoedukation, Strukturiertheit, Direktivität, Exploration, Bearbeitung von Kognitionen, Verhaltensänderung und Förderung der Selbstwirksamkeitserwartung eine zentrale Rolle. Dementsprechend gehen Verhaltenstherapeuten im Vergleich zu psychoanalytisch orientierten Psychotherapeuten direktiver vor, und sie initiieren in einem größeren Ausmaß Interventionen mit behavioralem und kognitivem Fokus. Verhaltenstherapeuten werden außerdem als unterstützender und empathischer beschrieben, und sie vermitteln mehr störungsbezogene Informationen. Psychoanalytisch orientierte Therapeuten fokussieren hingegen in einem stärkeren Maß Beziehungsthemen, Emotionen sowie biografisch länger zurückliegende Inhalte. Es gibt jedoch auch Gemeinsamkeiten. So spielt die therapeutische Beziehungsgestaltung, insbesondere die Schaffung eines guten therapeutischen Bündnisses, für beide Ansätze eine wichtige Rolle. Auch im Hinblick auf die Prozesselemente Exploration, Strukturierung und Übertragung fanden sich keine Unterschiede zwischen den Therapieverfahren. „Der generelle Befund der theoriekonformen Unterschiedlichkeit der Verfahren kann als robust eingeschätzt werden“, so die Wissenschaftler. Das bedeutet, dass sich die Behandlungsverfahren tatsächlich wie intendiert unterscheiden und dass die Konzeptionen der Therapien auch umgesetzt werden. Die Forscher weisen darauf hin, dass diese Ergebnisse nur vorläufigen Charakter haben, da insgesamt nur wenige und kaum aktuelle Studien vorliegen. Außerdem wurde in nahezu jeder Studie ein anderes Prozessverfahren eingesetzt, sodass eine Vergleichbarkeit der Studien nur eingeschränkt gegeben ist. Künftige Forschungen sollten nach Meinung der Autoren klären, wie kompetent die therapiespezifischen Prozessvariablen umgesetzt werden und in welchem Ausmaß Therapeuten in der Praxis eher eklektizistisch vorgehen und sich von ihrer ursprünglichen Therapierichtung in ihren Behandlungen entfernen. ms

Watzke B, Koch U, Schulz H: Zur theoretischen und empirischen Unterschiedlichkeit von therapeutischen Interventionen, Inhalten und Stilen in psychoanalytisch und verhaltenstherapeutisch begründeten Psychotherapien. Psychother Psych Med 2006; 56: 234–48.

Dr. Birgit Watzke, Dipl.-Psych., Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie, Martinistraße 52, 20246 Hamburg, E-Mail: watzke@uke.uni-hamburg.de
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