ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Comics zur Prävention: Ernste Themen anregend aufbereitet

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Comics zur Prävention: Ernste Themen anregend aufbereitet

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 131

Schmid-König, Nelia

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Zwei gelungene Bildgeschichten für Jugendliche zu den Themen Depression und Magersucht


Der Schweizer Journalistin Susanna Heimgartner und der Zeichnerin Karin Schneider kommt das Verdienst zu, zwei für Jugendliche brisante Themen in Form von Comics aufgegriffen und in kompetenter Form dargestellt zu haben: Depression und Anorexie.
In „Schwarze Schatten – Comic für Jugendliche in depressiven Krisen“ zieht sich die Jugendliche Laura zunehmend von ihrer Umwelt zurück. Die geschiedene Mutter sieht darin lediglich pubertäres Gebaren und genießt es, selber wieder verliebt zu sein. Es kommt bei Laura zu einem langsamen Abzug allen Interesses, was sie in dürftige Rationalisierungen kleidet. Nur einer, der neue Partner ihrer Mutter, lässt sich davon nicht ablenken: „Hier stimmt etwas nicht.“ In einem parallelen Handlungsstrang wird die agierte Depression eines Jugendlichen, Fabio, gezeigt. Fabio gefällt Laura, doch rechnet sie sich bei ihm, im Vergleich zu ihrer selbstbewussten Freundin, keine Chance aus. Fabio wird zu Hause vom Vater entwertet, klein gemacht, die Mutter schweigt verängstigt. Der schon lange Zeit schwelende Konflikt entlädt sich dann allerdings nicht zu Hause, sondern am Arbeitsplatz des Jugendlichen. Er greift seinen Lehrmeister an und verliert die Lehrstelle. Zu Hause gibt es als Folge nur Vorwürfe und neue Erniedrigungen. Fabio glaubt seinem Vater, ein Versager zu sein – und erschießt sich. Daraufhin beginnt auch Laura, den Tod als Erlösung zu fantasieren. Doch im Gegensatz zu Fabios Eltern erwacht die Mutter aus ihrer abwehrenden und verleugnenden Haltung. Laura kann plötzlich auf ein Netz an Unterstützung und Zuwendung hoffen (Mutter und Lebensgefährte, Freundin, Klinik, Therapie). Sie findet zurück in einen wieder lebendig gewordenen und freudvollen Alltag.
Die Bildergeschichte wird begleitet von einem zurückhaltenden, doch kompetent abgefassten Text, der jugendlichen Lesern die Spirale der Depression in einfachen Worten zusammenfasst und die Geschehnisse einfühlsam und zurückhaltend kommentiert. Er macht auf Signale aufmerksam und zeigt Jugendlichen (und Erwachsenen), wie sie als Mitbetroffene die Sprache der Depression lesen lernen und – ganz wertvoll – handeln können. Die Stärke dieser empathisch dargestellten Jugendlichendepression ist die ausdrucksvolle Bildersprache, das Sichtbarmachen der Auslöser bei Laura (geringes Selbstbewusstsein, typische pubertäre Identitätskonflikte, neue Partnerschaft der Mutter, nicht verarbeitete Trennung der Eltern, ein bis anhin „braves“ Mädchen und gute Schülerin – ein funktionierendes Mädchen, die „tolle“ Freundin schnappt ihr den Jungen weg et cetera) und die konkreten Bewältigungsmöglichkeiten. Die Jugendlichen-Depression verliert ihre Schrecken in diesem Präventionscomic.
Der zweite Comic „Durch Dick und Dünn“ zeigt, wie das Mädchen Eva langsam, angeregt und angestachelt durch eine neue Freundin, in die Magersucht abgleitet. Eva ist umgezogen, muss sich in einer neuen Umgebung und Schule zurechtfinden, hat noch keine Freunde. Ihr Bruder kommt mit der Umstellung problemlos zurecht, findet sofort Anschluss, ist ein Kind, auf das die Eltern spürbar stolz sind. Dann begegnet Eva der bereits magersüchtigen Sarah, die gerade eine „Sportdiät“ macht und ihr in allen sportlichen Leistungen überlegen ist. Evas Mutter achtet ebenfalls sehr auf ihre Kleidergröße. Als Projektionsfigur für einen hässlich gefühlten Körper, hinter dem man alle fantasierten und realen Unzulänglichkeiten verbergen kann, tritt Oli auf, ein Klassenkamerad, der übergewichtig ist.
Wegschauen in der Familie
Sarah und Eva beginnen einen Wettlauf um das erfolgreichere Abnehmen, stacheln sich gegenseitig an, der „Traumfigur“ entgegen. Dann spaltet sich die Geschichte in zwei Entwicklungswege auf: Sarahs Mutter wird aufmerksam, schaltet eine Frauenärztin ein, die nicht um den Brei herumredet und Sarah mit ihrer Erkrankung sehr ernst nimmt. Sarah möchte weiterleben – und beginnt zögerlich, wieder zu essen. In Evas Familie wird weggeschaut. Dass die Tochter ein wandelndes Skelett ist, wird verleugnet. Eva muss für kurze Zeit in die Klinik. Nachdem sie sich gewichtsmäßig stabilisiert hat, darf sie nach Hause. Doch das Zuhause wird nach ihrer Rückkehr ein Schlachtfeld, auf dem erbittert um jede Kalorie gefeilscht wird. Kontrolle, Lügen, gegenseitiges Misstrauen tragen den Sieg davon . . .
bis Eva in der Schule endgültig zusammenbricht. Der Schulpsychologe informiert die Eltern. Ein langer Aufenthalt in einer Spezialklinik für Magersüchtige und Bulimikerinnen folgt. Es läuft nicht gut. Die ganze Palette von Tricks, wie Magersüchtige sie in ihrem Wahn aufzubieten wissen, wird heraufbeschworen. Der Wendepunkt kommt über ein Schockerlebnis, als Evas Zimmernachbarin stirbt. Und Eva wacht plötzlich auf: Sie will doch gar nicht sterben . . . sie wollte nur schön sein für sich und wichtig für andere. Sie hat noch einen langen Weg vor sich, doch mithilfe ihrer Familie und der Therapie wird sie es schaffen.
Auch dieser Comic ist gut recherchiert. Die Psychodynamik der Anorexie wird in starken und einprägsamen Bildern wiedergegeben. Die Entwicklung der Anorexie wird anhand von Konfliktsituationen aufgezeigt, wie sie für Genese und Dynamik dieser Krankheit typisch sind: labiles Selbstwertgefühl, äußere Belastungssituation, ungünstige familiäre Wechselwirkungen (Bruder wird bevorzugt), starke Leistungsorientierung, fragwürdige Vorbilder, noch unsichere Geschlechtsidentität, mütterliches Kontrollverhalten und Overprotecting, ein Vater, der am Bild einer erfolgreichen, starken Familie eisern festhält.
Der Blick der Jugendlichen für die eigene Gefährdung oder das Gefährdetsein anderer wird durch diesen Comic geschärft. Auch hier findet man eine hilfreiche Phänomenologisierung der Anorexie mit einem differenzierten Fragenkatalog zur Selbstbeobachtung. Hervorragend, weil er alle relevanten Mechanismen im Verhalten einer Magersüchtigen anspricht. Den Abschluss bilden jugendlichengerecht besprochene Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen.
Dr. Nelia Schmid König,
Analytische Kinder- und Jugendlichentherapeutin Gräfelfingerstraße 59, 81375 München

Literatur
„Schwarze Schatten“ von Susanna Heimgartner (Text) und Karin Schneider (Bild). Schulverlag blmv AG, Bern 2004.
„Durch Dick und Dünn“ von Susanna Heimgartner (Text) und Karin Schneider (Bild), schulverlag blmv AG, Bern 2006.
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