ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Bundeskunsthalle: Das Lächeln Angkors

KULTUR

Bundeskunsthalle: Das Lächeln Angkors

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 133

Krannich, Stephanie

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Porträtplastik des Königs Jayavarman VII. Prasat Preah Kan, Kompong Svay Angkor- Periode, Bayon- Stil, Ende 12. Jahrhundert, Sandstein, Höhe: 41 Zentimeter, Nationalmuseum Kambodscha, Phnom Penh, Foto: J. Gollings, St. Kilda, Australien. Foto: Bundeskunsthalle
Porträtplastik des Königs Jayavarman VII. Prasat Preah Kan, Kompong Svay Angkor- Periode, Bayon- Stil, Ende 12. Jahrhundert, Sandstein, Höhe: 41 Zentimeter, Nationalmuseum Kambodscha, Phnom Penh, Foto: J. Gollings, St. Kilda, Australien. Foto: Bundeskunsthalle
140 zum größten Teil aus dem Nationalmuseum in Phnom Penh entliehene Schätze geben einen tiefen Eindruck in die Kultur des Khmer-Reiches.

Bereits mit dem ersten Schritt in die üppige, hervorragend inszenierte Ausstellung befindet sich der Besucher direkt am Ort des Geschehens: den geheimnisvollen Tempelanlagen mitten im Dschungel Kambodschas. Meterhohe, auf schwarz-weißen Fotostreifen festgehaltene Bäume krallen ihre Wurzeln in altes Mauerwerk, und ihr Blätterdach erzeugt ein bewegtes Spiel von Licht und Schatten in einem imaginären, im Halbdunkeln liegenden Gewässer.
Neben drei großen Lingas (Phallussymbolen), als absolute Form des Gottes Shiva und Zeichen seiner Schöpfungskraft zu verstehen, findet sich eine nur zwölf Zentimeter hohe Darstellung eines Linga auf einem Opferbecken. Diese symbolisiert die Vereinigung des männlichen und weiblichen Prinzips Linga und Yoni, die das Leben hervorbringt. Sie gilt als das zentrale Kultbild eines Shiva-Tempels. Dort beginnt die spannende Zeitreise durch die Kultur Kambodschas vom 7. Jahrhundert n. Chr. bis zur Gegenwart. 140 zum größten Teil aus dem Nationalmuseum in Phnom Penh entliehene Schätze, in der Mehrzahl Stein- und Holzskulpturen, Bronzefiguren sowie einige Silberarbeiten und Malereien geben einen tiefen Einblick in die einzigartige Kultur des Khmer-Reiches. Mit Naturschätzen gesegnet und durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, das bis zu drei Reisernten pro Jahr ermöglichte, gelangte das Land zu Reichtum und Macht. Es erstreckte sich während seiner Blütezeit, der Angkor-Periode (9. bis 13. Jahrhundert) über das heutige Kambodscha hinaus bis nach Thailand, Laos und Vietnam. Die Ausstellung bringt die wichtigsten kulturgeschichtlichen Themen nahe, beleuchtet den historischen, sozialen und religiösen Hintergrund der Exponate.
Besonders faszinierend sind die Bildhauerarbeiten. Die brahmanischen und buddhistischen Kultbilder zeichnen sich durch ein sensibles Gespür für ästhetisch plastische Formen in sich ruhender, schlanker Gestalten aus und vermitteln ein Gefühl innerster Zufriedenheit. Mittelpunkt der Ausstellung ist die Angkor-Periode. Der vermutlich während der Regierungszeit des Königs Suryavarman II. zwischen 1113 und 1150 erbaute Tempelpalast von Angkor Wat ist ein architektonisches Meisterwerk. Als größter Sakralbau der Welt zählt er zum Weltkulturerbe und ist das Wahrzeichen Kambodschas. Er war gleichzeitig Tempel des Gottes Vishnu und Heiligtum für den König. Eine Computer-Animation der Technischen Universität Darmstadt gestattet einen didaktisch hervorragenden Einblick in die Entstehung der Metropole Angkor, seiner Tempelbauten und des Bewässerungssystems. Ein detailgetreues Holzmodell verdeutlicht die gewaltigen Ausmaße der Tempelanlage von Angkor Wat. Dieses Heiligtum ist mit einer Fülle feinster Steinmetzarbeiten geschmückt. Ein im Maßstab eins zu eins fotografierter und zusätzlich mit Gipsabgüssen ergänzter Ausschnitt eines fast hundert Meter langen Frieses zeigt Kampfszenen zwischen Göttern und Dämonen. Hier offenbart sich die „Kehrseite“ der ansonsten Harmonie und Hochkultur vermittelnden Ausstellung. Ein beeindruckender Porträtkopf aus poliertem Sandstein des Königs Jayavarmans VII., unter dessen Herrschaft (1181–1220) das Khmer-Reich seine größte Ausdehnung erreichte, ist deshalb einzigartig, weil Darstellungen anderer Angkor-Könige nicht gefunden wurden. Er trägt das charakteristische Merkmal kambodschanischer Skulpturen: das auf den Lippen schwebende, geheimnisvolle Lächeln, „das Lächeln Angkors“. Dieser Herrscher hat mehr Steine nach Angkor schaffen und verarbeiten lassen als all seine Vorgänger. Er ließ den Bayon, das große buddhistische Heiligtum, in Angkor Thom bauen. Neben weiteren Tempel- und Staatsbauten errichtete er 102 Hospitäler. Eine Inschrift überliefert: „Unter den Gebrechen seiner Untertanen litt er mehr als unter seinen eigenen. Der Schmerz des Volkes nämlich, nicht der eigene, ist der Schmerz der Könige.“ Mit dem Tod Jayavarmans VII. ging auch die Seele Angkors zugrunde. Kriege, Machtverfall, Vernachlässigung der Pflege des Bewässerungssystems (stehende, statt vordem fließende Gewässer wurden zu Brutstätten der Moskitos), Malaria und sinkende Ernteerträge wa-ren für den Bevölkerungsrückgang verantwortlich. Im 15. Jahrhundert wurde Angkor endgültig verlassen, vom Urwald überwuchert und lange Zeit vergessen.
Dr. med. Stephanie Krannich


Die Ausstellung „Angkor – göttliches Erbe Kambodschas“ ist in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, bis 9. April zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs 10 bis 21 Uhr, donnerstags bis sonntags 10 bis 19 Uhr, montags geschlossen.
Weitere Informationen: Telefon: 02 28/91 71-20 0; www.bundeskunsthalle.de
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