ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Totenbegleiter: Amputationen als Sakralopfer

KULTUR

Totenbegleiter: Amputationen als Sakralopfer

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 134

Heck, Jürgen

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Diese beiden Sitzenden stülpen sich eine Prothese über den Amputationsstumpf (Moche- Keramiken, Privatsammlung). Fotos: Jürgen Heck
Diese beiden Sitzenden stülpen sich eine Prothese über den Amputationsstumpf (Moche- Keramiken, Privatsammlung). Fotos: Jürgen Heck
Keramikfiguren der altperuanischen Moche, ursprünglich Grabbeigaben, stellen auch Körperdeformationen dar.

Aus der Moche-Kultur (circa 0 bis 800 n. Chr., Nordküste Perus) haben sich Bildnereien erhalten, die zum Besten gehören, was die Kunst des altindianischen Amerika geschaffen hat. Hauptmedium ist Keramik. Figuren aus gebranntem Ton, ursprünglich bei Erdbestattungen neben Verstorbene gelegt, sind mittlerweile in Vielzahl und Vielfalt ausgegraben worden. Die Gestaltungen präsentieren ein reiches Motivspektrum. Darunter sind auch Darstellungen von Krankheiten und Körperdeformationen. Ihre Realitätsnähe und ihre Mannigfaltigkeit sind in der Kunst Altamerikas einmalig. Über den Sinn dieser figürlichen Thematisierungen des Abnormen ist viel gerätselt worden. Eine authentische Erläuterung durch textliche Überlieferung fehlt. Die Moche waren schriftlos.
Jenseitsszene: Teilentfleischte Menschen im Reigen. In der Mitte ein Prothesenträger (Moche-Keramik, Ethnologisches Museum Berlin)
Jenseitsszene: Teilentfleischte Menschen im Reigen. In der Mitte ein Prothesenträger (Moche-Keramik, Ethnologisches Museum Berlin)
Was gemeinhin als hässlich und abartig gilt, wurde von den Moche geradezu liebevoll nachgebildet. Beispielsweise Menschen, denen ein Fuß fehlt oder beide Füße fehlen. Derartige Figuren sind keine künstlerisch gewollten Torsos. Vielmehr muss die Intention gewesen sein, Amputierte nachzubilden. Auf der Kuppe der Stümpfe ist nämlich eine Rinne erkennbar, wie sie für die Vernarbung nach Beinamputation typisch ist. Auch entsprechen die Körperhaltungen dem Defekt. Die Amputierten liegen oder sitzen, und sie stehen nur, wenn sie eine Prothese tragen. Die Prothesen kennt man von Grabfunden auch im Original. Verwendet wurden Holzbecher, die innen mit Baumwolle wattiert und über den Stumpf gestülpt wurden. Solche Figuren belegen, dass bei den Moche Beinamputationen durchgeführt und überlebt worden sind – für ein Volk der Prähistorie eine erstaunliche Leistung.
Es stellt sich die Frage nach dem Warum der Amputationen. Zur Bestrafung? Kaum denkbar, dass man Verbrecher im Totenkult durch Nachbildungen würdigte. Zudem fehlen Fesseln oder dergleichen. Therapeutische Maßnahmen oder Traumen sind gleichfalls auszuschließen, denn die Absetzungsstelle ist immer dieselbe, nämlich der distale Unterschenkel. Beidseitigkeit ist häufiger als Einseitigkeit. Überdies ist niemals eine adäquate Krankheit mit abgebildet. Somit bleiben als Veranlassungen der Amputationen nur Sakralopfer, und dies umso mehr, als es Moche-Bildnereien gibt, die visuelle Indizien für die Bedeutung von Amputaten bei Opferkulten sind. Derlei scheint moderner Denkungsart eine grausige Unsinnigkeit, aber im altindianischen Amerika waren Ritualopfer gang und gäbe, bei denen Blut floss, auch menschliches, vollzogen aus der Erwartung, damit neue Zyklen des Stirb und Werde in der Natur anzustoßen.
Zwischen Beinamputation und Jenseitsvorstellungen muss für die Moche eine wie auch immer geartete Verbindung bestanden haben. In Totenreigen – Szenen, in denen Teilskelette wie Lebende agieren – lässt die Moche-Kunst Prothesenträger auftreten.
Dr. med. Jürgen Heck
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