ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2007Rehabilitations-Richtlinie: Kein weiterer Aufschub

POLITIK

Rehabilitations-Richtlinie: Kein weiterer Aufschub

Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A-693 / B-612 / C-588

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Ab 1. April können Vertragsärzte nur noch eine Rehabilitation zulasten der Krankenkassen verordnen, wenn sie eine spezielle Qualifikation vorweisen können. Reha-Verbände sehen die Versorgung gefährdet.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben – auch wenn sich das viele Vertragsärzte im Fall der Rehabilitations-Richtlinie gewünscht hätten. Zweimal musste die Übergangsfrist der Regelung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) verlängert werden, weil die Akzeptanz bei den Ärztinnen und Ärzten so gering war. Nun aber gibt es nichts mehr daran zu rütteln: Ab dem 1. April dürfen nur noch Vertragsärzte eine medizinische Rehabilitation zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verordnen, die eine spezielle Qualifikation nachweisen können. Andere Leistungsträger – wie beispielsweise die gesetzliche Rentenversicherung – bleiben von der Richtlinie unberührt. Anschlussheilbehandlungen und Frührehabilitationen sind ebenfalls ausgenommen.
Die Meinungen zu der Regelung gehen weit auseinander. Nach Ansicht des G-BA ist sie ein gutes Instrument, damit Qualitätsstandards auch in der Verordnung von Rehabilitation ihren festen Platz bekommen. Der verordnende Arzt muss der Richtlinie zufolge auf dem aktuellen rehabilitationswissenschaftlichen Stand sein und über Kenntnisse der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit verfügen. Dieses Wissen kann er beispielsweise in einer entsprechenden Fortbildung erwerben.
Viele Ärzte aber fragen sich, warum sie erst einmal einen Kurs besuchen müssen, um einen Antrag auszufüllen. Schließlich konnte bislang eine Reha-Leistung ganz ohne formale Eignung verordnet werden. Entsprechend gering war die Zahl der Ärzte, die eine solche Qualifikation erwarb, sodass der Kreis der verordnungsfähigen Ärzte schrumpfte. In der Folge wurde deshalb die Übergangsfrist verlängert. Außerdem wurde der 16-stündige Kurs zum Erwerb des Fachkundenachweises modifiziert: Vorgeschrieben ist nun eine achtstündige Präsenzveranstaltung, der Rest kann im Selbststudium absolviert werden.
Nach einer Analyse der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) stieg die Zahl der qualifizierten Vertragsärzte im Zeitraum von Oktober 2005 bis Mai 2006 auf fast 18 000 an. Der G-BA rechnet damit, dass die Neustrukturierung der Kurse die Motivation bei den Ärzten verbessert hat. „Es ist zu erwarten, dass die Zahl der qualifizierten Vertragsärzte bis zum Ablauf der Übergangsfrist noch erheblich ansteigt“, glaubt Vera Ries, Referentin des Unterausschusses Rehabilitation des G-BA.
Ganz anders die Einschätzung der Reha-Verbände: Sie rechnen mit einem Einbruch bei den Anträgen, denn in der Ärzteschaft sei weiterhin eine Anti-Stimmung gegen die Richtlinie zu verzeichnen. „Ab dem ersten April ist die Versorgung mit Reha-Verordnungen nicht mehr gewährleistet“, warnt Dr. Wolfgang Heine, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation (DEGEMED). Die DEGEMED habe ihre Mitglieder aufgefordert, in den Reha-Einrichtungen möglichst kostenlos Kurse anzubieten. Das treffe aber auf den Widerstand der Ärztekammern, die sich die Fortbildung nicht aus der Hand nehmen lassen wollten.
Viele Ärzte sind nicht bereit, einen Fachkundenachweis zu erwerben, weil sie glauben, diese „Investition“ lohne sich nicht. Die Verordnung von Rehabilitationen werde nur unzureichend vergütet. Abgerechnet wird der Reha-Antrag (Muster 61) nach EBM-Nummer 01611 mit 810 Punkten. Bei einem Punktwert von 5,11 Cent entspräche dies rund 40 Euro. Dieses Honorar wird aber in der Realität bei deutlich geringeren Punktwerten nicht erreicht. Allerdings rechnen zahlreiche Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) das Muster 61 außerhalb des Budgets ab – je nach Vergütungsvereinbarung mit den Krankenkassen. Beispiel KV Nordrhein: Die Abrechnung erfolgt mit einem festen Punktwert von 4,23 Cent extrabudgetär. Der Vertragsarzt erhält etwa 34 Euro für den vierseitigen Antrag.
Ob die Akzeptanz der Rehabilitations-Richtlinie wirklich gestiegen ist, bleibt unterdessen unklar. Die aktuellen Zahlen fragt die KBV zurzeit bei allen KVen ab. Voraussichtlich wird sich erst nach dem Stichtag zeigen, ob der G-BA recht behält und eine ausreichende Zahl von Vertragsärzten eine Qualifikation erworben hat, damit weiterhin flächendeckend Rehabilitation verordnet werden kann. Die Reha-Verbände halten das für illusorisch.
Dr. med. Birgit Hibbeler


Änderungen Ab 1. April

Künftig dürfen nur noch Vertragsärzte eine Rehabilitation zulasten der GKV verordnen, die eine der folgenden Qualifikationen nachweisen können (§ 11 der G-BA-Richtlinie):
- Gebietsbezeichnung „Physikalische und Rehabilita-tive Medizin“
- Zusatzbezeichnung „Sozialmedizin“ oder „Rehabilitationswesen“
- fakultative Weiterbildung „Klinische Geriatrie“
- mindestens einjährige Tätigkeit in einer ambulanten oder stationären Rehabilitationseinrichtung
- mindestens 20 Rehabilitationsgutachten im Vorjahr.
Alternativ kann der Arzt einen Fachkundenachweis
erwerben. Ein entsprechender Kurs kostet beispielsweise bei der Ärztekammer Nordrhein 120 Euro.
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