ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2007Parallelnarkosen: Helios entschärft umstrittenes Konzept

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Parallelnarkosen: Helios entschärft umstrittenes Konzept

Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A-694 / B-613 / C-589

Flintrop, Jens

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Foto: Caro
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Wegen massiver Bedenken in der Ärzteschaft hat der Klinikkonzern seine Chefärzte angewiesen, Medizinische Assistenten für Anästhesie nur noch nach den Vorgaben der Fachgesellschaft und des Berufsverbands einzusetzen.

Selten hat eine Klausurtagung so unmittelbar Wirkung entfaltet wie die der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (BDA) am 27. und 28. Februar in Münster. Das Thema lautete „Delegation ärztlicher Leistungen, insbesondere in der Anästhesiologie – Perspektiven und Konsequenzen: Entlastung oder Entlassung“. Dabei ging es vor allem um das umstrittene MAfA-Konzept der Helios Kliniken GmbH, das auf den planmäßigen Ersatz von Anästhesisten durch speziell qualifizierte Krankenschwestern und Krankenpfleger abzielt (MAfA = Medizinischer Assistent/Medizinische Assistentin für Anästhesie). Schnell wurde deutlich, dass DGAI und BDA diese sogenannten Parallelnarkosen ebenso strikt ablehnen wie die Bundes­ärzte­kammer. Auch Medizinrechtler meldeten einhellig erhebliche Bedenken an.
Der Helios-Konzern hat überraschend schnell auf diese geballte Kritik reagiert und seine Chefärzte am 7. März explizit angewiesen, die MAfAs nur noch innerhalb des durch die DGAI und den BDA vorgegebenen Rahmens einzusetzen – „und nicht mehr darüber hinaus“. Planmäßige Parallelnarkosen soll es in den Helios-Kliniken demnach vorerst nicht mehr geben.
Pflegekräfte übernehmen die Narkoseführung
Seit 2004 wurden im Helios-Konzern insgesamt 22 Anästhesiepflegekräfte zu MAfAs weiterqualifiziert, die inzwischen in sieben Kliniken eingesetzt werden. Die MAfAs gehören zu „Anesthesia-Care-Teams“ und übernehmen nach ärztlicher Delegation Aufgaben bei der Narkoseführung. Dabei ist es nicht ausgeschlossen, dass „in unkritischen Phasen“ die Überwachung der Narkose einer Anästhesiepflegekraft übertragen wird. Der zuständige Facharzt für Anästhesie ist demnach nicht mehr ununterbrochen bei einem anästhesierten Patienten, sondern rotiert zwischen zwei bis vier Operationssälen. Um die Behandlung des Patienten persönlich übernehmen zu können, soll er im Fall einer Komplikation oder eines schweren Zwischenfalls „unmittelbar“ verfügbar sein.
Den naheliegenden Verdacht, dass Helios mit der Umsetzung des MAfA-Konzepts Ärzte und somit Kosten einsparen will, wies Dr. med. Gerald Burgard weit von sich: „Es fallen keine Arztstellen weg“, betonte der Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Helios-Klinikum Erfurt: „Für jeden einzelnen Patienten ist weiterhin ein Anästhesiearzt zuständig.“ Es komme allerdings vor, dass ein MAfA die Überwachung einer unkritischen Narkose übernehme, damit zum Beispiel ein Oberarzt einem Assistenzarzt bei einer komplizierten Narkose assistieren könne. Im Vergleich zu anderen Krankenhäusern, in denen ein erfahrener Arzt einem unerfahrenen Arzt in einer Krisensituation beispringen müsse und dann die Anästhesiepflegekraft die Narkoseüberwachung übernehme, bringe das Helios-System sogar eine Qualitätssteigerung mit sich, argumentierte Burgard: „Schließlich sind unsere MAfAs für diese Fälle besser qualifiziert als herkömmliche Anästhesiepflegekräfte.“
Auch die beteiligten Ärzte gehen ein Risiko ein
Prof. Dr. med. Hugo van Aken hält diese Argumente für vorgeschoben. Der DGAI-Präsident ist überzeugt, dass Helios mit der Umsetzung des MAfA-Konzepts vorrangig kostenintensive ärztliche Arbeit einsparen will. Die Delegation ärztlicher Leistungen sei aber insbesondere in der Anästhesie viel zu gefährlich. „Schwere Anästhesiezwischenfälle sind zwar selten, aber wenn sie auftreten, dann handelt es sich um lebensbedrohliche und gefährliche Krisen“, sagte der Direktor der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Münster. In solchen Situationen sei fachärztliches Know-how unabdingbar, um drohenden Schaden vom Patienten abzuwenden: „Oft liegen zwischen Erkennen eines sich ankündigenden Zwischenfalls und dessen Beherrschen nur wenige Minuten. Ist der Anästhesist, wie im MAfA-Konzept vorgesehen, in Rufweite – beispielsweise in einem anderen Operationssaal – so fehlen diese lebenswichtigen Minuten.“ Hinzu komme, dass die ersten Alarmzeichen einer Komplikation oft nicht erkannt würden und der Anästhesist deshalb häufig nicht oder zu spät gerufen werde.
Doch nicht nur für den Patienten birgt das MAfA-Konzept Risiken: „Hat der Arzt bei einem Zwischenfall zwischenzeitlich den Operationssaal verlassen, liegt ein schwerer Kunstfehler vor“, betonte van Aken. Dr. iur. Elmar Biermann, Justiziar des BDA, bestätigte diese Einschätzung anhand der vier „Parallelnarkoseurteile“ des Bundesgerichtshofs (BGH), in denen die rechtlichen Mindestanforderungen für die Durchführung und Überwachung von Narkosen festgelegt wurden. Demnach dürfen Anästhesieverfahren grundsätzlich nur von einem als Facharzt ausgebildeten Anästhesisten oder – bei einem entsprechend fortgeschrittenen Ausbildungsstand – zumindest unter dessen Aufsicht von einem anderen Arzt vorgenommen werden, „wobei Blick oder Rufkontakt bestehen muss“. Ausdrücklich legte der BGH fest, dass im Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlichen Überlegungen und der Einhaltung der gebotenen Standards Letzteren der Vorrang eingeräumt werden müsse. „Die Sicherheit der Patienten“ geht „allen anderen Gesichtspunkten vor“ und darf nicht „etwaigen personellen Engpässen geopfert werden“.
Helios beugt sich dem Druck
„Wenn die Fachgesellschaft festlegt, dass eine Narkose eine ärztliche Tätigkeit ist, dann ist die Rechtslage klar“, ergänzte der Münchener Rechtsanwalt Prof. Dr. iur. Dr. rer. pol. Klaus Ulsenheimer – und dies ist der Fall: DGAI und BDA lehnen die auch nur zeitweise Betreuung von Patienten während der Narkose durch MAfAs strikt ab. „Nach dem Gehörten gibt es nur eine Schlussfolgerung für einen Vorstand: Finger weg von der Zuständigkeit der Anästhesisten für die Narkosen“, schlussfolgerte Rüdiger Strehl, kaufmännischer Direktor des Universitätsklinikums Tübingen und Generalsekretär des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands.
Für Helios war die heftige Kritik in der Ärzteschaft am MAfA-Projekt nicht neu. Auch die haftungsrechtlichen Risiken müssen der Konzernführung schon lange bekannt gewesen sein. Die Münsteraner Tagung hat die Verantwortlichen aber wohl endgültig überzeugt, dass das Konzept nicht vermittelbar ist – weder den Ärzten noch den Patienten (also den „Kunden“). Am 6. März informierte der Klinikkonzern das Deutsche Ärzteblatt vorab darüber, dass das umstrittene Konzept entschärft wird: „Mit der Qualifizierung zum MAfA wird kein neuer Beruf geschaffen. MAfAs helfen den Anästhesisten bei der Durchführung der Narkose. Art und Umfang dieser Hilfe wird ausschließlich durch den zuständigen Anästhesisten vor Ort und unter Beachtung und im Rahmen der als verbindlich anerkannten Grundsätze der Fachgesellschaften oder Berufsverbände bestimmt“, heißt es in einem Schreiben der Unternehmensführung an alle Helios-Chefärzte vom 7. März.
Die Delegation ärztlicher Leistungen bleibt ein Thema
Doch auch nach diesem Etappensieg der Anästhesisten wird die Delegation ärztlicher Leistungen ein brisantes Thema für die Ärzte bleiben. Denn „es gibt derzeit mehrere Bewegungen, die am Arztvorbehalt knabbern“, warnte Dr. iur. Albrecht Wienke in Münster. Der Kölner Rechtsanwalt verwies auf Aussagen im Koalitionsvertrag, wonach nichtärztliche Heilberufe stärker in die Versorgungskonzepte einzubeziehen seien. Ebenfalls dem Thema widmen wird sich der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in seinem nächsten Gutachten – „und das unter der Prämisse, dass dadurch die Wirtschaftlichkeit verbessert wird“, wie Dr. med. Regina Klakow-Franck klarstellte. Die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Bundes­ärzte­kammer appellierte an die Ärzte, sich aktiv an der Diskussion zu beteiligen und selbst Vorschläge zu unterbreiten, welche Tätigkeiten delegierbar sind: „Anderenfalls werden die Gesetze gegen unseren Willen geändert.“
Jens Flintrop
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