ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2007Diabetes mellitus Typ 1: Gezielte Vorhersage

MEDIZINREPORT

Diabetes mellitus Typ 1: Gezielte Vorhersage

Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A-706 / B-620 / C-596

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Kind erkranken wird, lässt sich am besten aus der Kombination von Familienanamnese und HLA-Bestimmung abschätzen.

Circa 11 000 Kinder in Deutschland leiden an juvenilem Diabetes. Zum Zeitpunkt der Diagnose waren sie im Durchschnitt achteinhalb Jahre alt. Schätzungen zufolge soll sich die derzeitige Inzidenz von 12,9 pro 100 000 Kinder und Jahr bis 2020 fast verdoppeln. Präventionsstrategien können verhindern, dass erst akute Komplikationen einen Hinweis auf die Erkrankung geben. „Kein Kind muss heute die Erstmanifestation im Koma erleben“, sagte Dr. med. Peter Achenbach (Institut für Diabetesforschung in München) bei der Euroforum- Konferenz in Köln.
Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung mit drei Phasen: einer genetischen Prädisposition, der Phase, in der autoreaktive Antikörper gegen Betazellen der langerhansschen Inselzellen der Bauchspeicheldrüse (Inselautoimmunität) gebildet werden ohne Manifestation, und der Phase der klinischen Erkrankung. In jeder der drei Phasen ist ein Risiko-Screening möglich.
„Beste Methode für Pädiater“
Die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Kind erkranken werde, lasse sich am besten aus der Kombination von Familienanamnese und HLA-Bestimmung abschätzen, erläuterte Achenbach. „Das ist auch die beste Methode für den Pädiater.“ Haben beide Eltern oder ein Elternteil und ein Geschwisterkind Typ-1-Diabetes, liegt das Risiko, bis zum Alter von fünf Jahren zu erkranken, bei 27 Prozent; ist ein eineiiger Zwilling erkrankt, hat der zweite ein Risiko von 50 Prozent. Wenn nur ein erstgradig Verwandter betroffen ist, beträgt das Risiko für juvenilen Diabetes drei bis fünf Prozent.
Auch der HLA-Genotyp beeinflusst das Diabetes-Risiko. Stark erhöht ist es bei der Kombination HLA-DR3/4 (20 Prozent Krankheitsrisiko) und bei Homozygotie für HLA-DR4 (17 Prozent). Die kurze Version der Promotorregion des Insulingens (INS VNTR I/I) erhöht das Risiko ungünstiger HLA-Merkmale weiter; längere Versionen des Regulatorgens erniedrigen das Risiko. Die Chance, dass ein Kind mit mehreren eng verwandten Betroffenen und ungünstiger HLA-DR-Konstellation erkrankt, beträgt 50 Prozent. Für ein Kind mit familiärer Belastung, aber ohne HLA-DR3- oder -DR4-Allel, liegt das Risiko dagegen unter fünf Prozent.
Sind jedoch schon Autoantikörper nachgewiesen, ist ein genetisches Screening überflüssig. Denn nur Kinder mit Inselautoantikörpern entwickeln Typ-1-Diabetes, und zwar sechs von zehn innerhalb von zehn Jahren nach Auftreten der Antikörper. Die differenzierte Analyse der Antikörper lässt abschätzen, wie rasch sich die Krankheit entwickeln wird. Als Faustregel gilt: je mehr Autoantikörper mit unterschiedlicher Spezifität, desto höher das Risiko, und je jünger das Kind mit Autoantikörpern, desto rascher die Progression.
In der deutschen BABYDIAB-Studie, in die 1 650 Kinder mit familiärer Belastung ab der Geburt eingeschlossen wurden, hatten acht Prozent nach zehn Jahren Autoantikörper und zwei von hundert Diabetes. Waren verschiedene Autoantikörper vorhanden, erkrankten 62 Prozent innerhalb von acht Jahren nach Antikörpernachweis an Diabetes, bei einer einzigen Antikörperspezifität unter fünf Prozent.
Als Erstes entwickeln sich Autoantikörper gegen Insulin (IAA) mit einem Peak um das erste Lebensjahr herum, gefolgt von Inselzellantikörpern gegen Glutamatdecarboxylase (GADA) und Tyrosinphosphatasen (IA-2A und IA-2b) mit einem Peak um das zweite Lebensjahr.
Bei der Kombination von IA-2A und IAA bekommen 100 Prozent der Kinder in sechs Jahren einen Diabetes, bei der Kombination IA-2A und GADA sind es 47 Prozent. Auch die Affinität der Autoimmunglobuline zum Antigen haben Bedeutung: Je affiner der Antikörper, desto rascher der Verlauf. „Das Messen der Antikörperaffinität erlaubt eine Prognose zum frühestmöglichen Zeitpunkt“, erläuterte Achenbach. Sei ein solcher Test sinnvoll, solle sich der niedergelassene Arzt am besten an ein Diabeteszentrum wenden.
Effekte auch durch Ernährung
Die Tatsache, dass bei eineiigen Zwillingen, von denen ein Geschwister Diabetes hat, das Risiko für das zweite Geschwister bei 50 Prozent liegt, zeigt: Nicht nur die Gene, auch andere Faktoren – zum Beispiel die Ernährung – haben Einfluss darauf, ob sich ein Typ-1-Diabetes entwickelt. Da sichere Studiendaten fehlen, gibt es keine speziellen Empfehlungen zur Ernährung für Kinder mit erhöhtem Risiko. Aber Gluten, eine Eiweißfraktion in Getreide, steht seit Längerem im Verdacht, Autoimmunprozesse bei Säuglingen anzukurbeln. Deshalb ist die allgemeine Empfehlung, in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich zu stillen.
Protektive Effekte werden auch für Vitamin D und langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren diskutiert, ohne dass optimale Dosierungen bekannt wären (Dtsch Arztebl 2007; 9: A 570–5). Zur Rachitisprophylaxe empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde, Babynahrung bis zum ersten Lebensjahr mit 400 bis 500 IE Vitamin D am Tag zu ergänzen. Ob diese Dosis allerdings auch vor Autoimmunerkrankungen schützt, ist unklar. In weiteren Studien (Pre-Point, Trial-Net) wird untersucht, ob und in welchen Dosierungen nasales oder orales Insulin eine Toleranz bei Kindern mit erhöhtem Risiko induzieren könnte.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema