ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2007Euregios: Mehr Transparenz ist notwendig

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Euregios: Mehr Transparenz ist notwendig

Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A-707 / B-621 / C-597

Hibbeler, Birgit

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Es gibt gute Beispiele für erfolgreiche grenzüberschreitende Kooperationen in der medizinischen Versorgung. Allerdings werden nicht alle Projekte evaluiert, obwohl sie eine EU-Förderung erhalten.

Dunkle Rauchwolken steigen über dem Wasser auf. Der Ausflugsdampfer „Baserdybli“ brennt lichterloh, und die Passagiere springen panisch über Bord. Auf dem Rhein nördlich von Basel ist das Schiff mit einem Frachter kollidiert, der Benzin geladen hatte. Großeinsatz für Feuerwehrleute, Notärzte, Taucher, Polizisten und Sanitäter. Zu Schaden kommt aber niemand, denn: Die Szenerie ist gestellt. Es handelt sich um eine groß angelegte Einsatzübung im Dreiländereck. Hilfskräfte aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz arbeiten Hand in Hand.
Schon 1986 entschloss man sich am Oberrhein zu einer besseren Zusammenarbeit im Katastrophenschutz. Damals führte ein Brand bei der Firma Sandoz zu einer Verseuchung des Rheins mit Chemikalien. Heute ist die Region ein Paradebeispiel für erfolgreiche grenzübergreifende Zusammenarbeit. Die „Oberrheinkonferenz“ hat unter anderem Projekte im Gesundheitssektor initiiert. Seit Jahren kooperieren Krankenhäuser im Grenzgebiet. Mit dem „EPI-Rhin“ wurde ein gemeinsames epidemiologisches Frühwarnsystem für ansteckende Krankheiten installiert.
Projekte in Ost und West
Ein weiteres Musterbeispiel für eine grenzüberschreitende Kooperation (Euregio) befindet sich etwa 500 Kilometer weiter nördlich. In der „Euregio Maas-Rhein“ können Patienten im Rahmen von Projekten eine grenzüberschreitende ambulante fachärztliche und stationäre Behandlung in Anspruch nehmen. Die AOK Rheinland und die niederländische Krankenkasse „CZ Actief in Gezondheid“ haben sogar eine gemeinsame Versichertenkarte entwickelt.
Auch bei den neuen EU-Mitgliedern in Osteuropa tut sich einiges. Ein Vorreiter ist die „Euroregion Pomerania“. Einrichtungen aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Polen kooperieren in einem telemedizinischen Projekt zur Versorgung von Tumorpatienten. „Der Leitgedanke ist: Lasst Daten wandern, nicht die Patienten“, betonte Peter Heise von der Kommunalgemeinschaft Pomerania bei der Konferenz „Europäische Gesundheitspolitik“ in Düsseldorf.
In der Vergangenheit waren Grenzen Hindernisse für die Entwicklung von Infrastruktur und Wirtschaft. Mit der Initiative „Interreg“ fördert die Europäische Union (EU) daher grenzübergreifende Kooperationen in Bereichen wie Umweltschutz, Verkehr, Wirtschaft, Kultur und Gesundheitswesen. Damit will die EU regionale Ungleichgewichte beseitigen und den sozialen Zusammenhalt fördern. Kürzlich wurde eine Fortführung der Interreg-Förderung beschlossen. Für den Zeitraum von 2007 bis 2013 stehen fast acht Milliarden Euro zur Verfügung.
Trotz vielversprechender Beispiele für erfolgreiche Zusammenarbeit: Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei den Euregios auseinander. Einen Überblick über alle Projekte hatte man in Brüssel bislang nicht. Erfolg und Qualität der Initiativen sind außerdem nicht immer transparent. Erstmals nun hat das EU-Forschungsprojekt „Euregio – Evaluation der Grenzregionen der Europäischen Union“ den Status quo für den Gesundheitssektor beschrieben. Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, wie Projektkoordinatorin Ulrike Wolf, nordrhein-westfälisches Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst, auf der Düsseldorfer Konferenz darstellte. „Sie können nicht einfach bei der EU anrufen und sagen: Bitte nennen Sie mir alle grenzüberschreitenden Projekte im Gesundheitssektor.“ Die Initiativen würden innerhalb der EU von unterschiedlichen Stellen verwaltet. Allerdings arbeite man dort bereits an einer besseren Vernetzung.
Im Rahmen der Studie wurden mehr als 300 grenzüberschreitende Initiativen im Gesundheitssektor identifiziert. An alle Kooperationen wurde ein Fragebogen geschickt. Allerdings meldeten sich nur 150 Initiativen zurück. 40 Projekte wurden als „Modelle guter Praxis“ eingestuft. „Das bedeutet aber nicht, dass alle anderen Projekte schlecht sind“, betont Wolf, sieht allerdings auch deutliche Schwachpunkte. So würden nicht alle Initiativen evaluiert. Zudem hätten viele Kooperationen keinen Internet-Auftritt und publizierten keine Zwischenberichte.
Den Euregios fehlt es an Transparenz. Darüber hinaus stehen nach wie vor rechtliche Unsicherheiten und Schwierigkeiten bei der Kostenübernahme den Kooperationen im Weg. Doch Wolf gibt sich zuversichtlich: „Europa wächst nicht von heute auf morgen zusammen.“
Dr. med. Birgit Hibbeler
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