SUPPLEMENT: Reisemagazin

SÜDAFRIKA: Von Walen und Fynbos

Dtsch Arztebl 1997; 94(10): [7]

Petersen, Elisabeth

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS "Ich will Wale!" Mit diesem Verlangen stehe ich durchaus nicht allein. Auch andere Besucher des südafrikanischen Küstenstädtchens Hermanus bestürmen die freundliche Dame im Informatsbüro: "Wo können wir Wale sehen?" Auch der "Whale-Crier" läßt sich nicht ausmachen, jener professionelle Ausrufer, der Besuchern der Stadt den jeweiligen Standort der Meeresriesen bekanntgibt. Allerdings nur während der Monate September und Okober, wenn sowohl Wale wie Touristen an diesem Ende der Welt in größeren Mengen auftreten. "Vielleicht morgen", tröstet mich der Aufseher im Museum, "heute ist die See zu rauh. Das mögen die Wale nicht." Doch selbst wenn morgen der Ozean glatt wie ein Spiegel wäre, ich bin dann schon nicht mehr in Hermanus.
Statt dessen sitze ich am nächsten Tag auf der Terrasse von Grootbos, einer Farm 39 km südöstlich von Hermanus, die sich ihrer Vielfalt einheimischer Pflanzen, der endemischen Fynbos vor allem, rühmt. Beim herrlichen Ausblick auf die Walker Bay kommt die Enttäuschung über die vergebliche Wal-Ausschau wieder hoch: "Ich habe noch keinen einzigen Wal gesehen!" Michael Lutzeyer, der Besitzer der Farm, lächelt nachsichtig. "Da unten springt gerade einer!" Und wirklich, keine 20 Meter vom Strand entfernt treibt einer der so sehnlichst herbeigewünschten Riesen mit augenscheinlicher Lebensfreude morgendlichen Frühsport. Elektrisiert springe ich auf. "Das hat keine Eile!", beruhigt mich Michael. "Du wirst noch mehr Wale sehen, als du dir erträumt hast."
Der Mann weiß, wovon er redet. Am Fuß des Hügels, an dem die 124 Hektar große Farm liegt, döst das Dörfchen De Kelders geruhsam vor sich hin. Hier gibt’s keinen "Whale-Crier", nicht mal ein Informationsbüro - aber dafür jede Menge Wale. Fünf, zehn (in den Monaten September und Oktober können es oft noch mehr sein) der von der Ausrottung bedrohten Säuger dümpeln im Wasser vor der schroffen Felsküste. Hat man Glück, so hat sich einer von ihnen seinen Standort direkt unterhalb der Felsen gesucht, zum Greifen nah. Nah genug auf jeden Fall, um die für diese Walart typischen hellen Hautwülste am Kopf genau erkennen zu können - und den Gesang der Wale hören zu können (live, versteht sich). Es braucht aber immer ein bißchen Geduld, um zu beobachten, wie ein Gigant in drei bis fünf mächtigen Sprüngen sein erkleckliches Gewicht hochschnellt, wie er mit der Schwanzflosse schlägt und prustend ausatmet. Manchmal rollt er nur gemächlich im Wasser umher und scheint dem Beobachter mit der Brustflosse zuzuwinken. Eine ungemein freundliche Geste für eine Tierart, die wegen ihrer reichen Ausbeute an Tran bis auf geschätzte 4 000 bis 6 000 Exemplare menschlichem Jagdeifer zum Opfer fiel. Erst ein internationales Schutzabkommen im Jahre 1935 machte dem Abschlachten ein Ende. Und sie bleiben treu! An der zum De Hoop Nature Reserve gehörenden Küstenregion kann ich auf einen Blick gleich ein Dutzend der seltenen Meeresbewohner ausmachen - nicht greifbar nah, aber in herrlicher Ruhe im tiefen Blau des Indischen Ozeans treibend. Auch wenn gerade keine Wal-Akrobatik angesagt ist, bleibt der Anblick grandios. Zumal die Szenerie der weiten, weißen Sanddünen und die stille Abgeschiedenheit der Landschaft den Eindruck verstärken. Die Wale sind denn auch beileibe nicht die einzige Attraktion, die die Tour zum gut 100 km von Grootbos entfernten Reservat rechtfertigen. 86 Säugetierarten, darunter das seltene Cape Mountain Zebra und der hübsch gezeichnete Bontebok, 260 Vogelarten, zu denen sich im saisonalen Turnus eine große Anzahl von Zugvögeln gesellt, eine Kolonie seltener Kap-Geier, Amphibien und Reptilien bevölkern den 36 000 Hektar großen Park, dessen landschaftliches Bild weitgehend geprägt wird von der wechselnden Blütenpracht von 1 500 Spezies der Fynbos, der endemischen Kap-Vegetation.
Doch allein der Weg hierher lohnt sich: afrikanische Weite, grün und sanft in den Monaten winterlicher Regenfälle, erschlossen von guten Schotterstraßen, die immer auch Zeit lassen, landschaftliche Reize zu genießen und die Straußenfamilie oder die Blauen Kraniche abseits der Straße wahrzunehmen.
Zeit sollte auch sein für einen Abstecher ans Cape Agulhas, den absolut südlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents. Auch wenn die von Felsnadeln gespickte Landzunge (Agulhas ist der portugiesische Begriff für Nadeln) mit dem Kap der Guten Hoffnung weder in puncto Popularität noch in bezug auf spektakuläre Landschaftsformationen mithalten kann: es ist doch der eigentliche Au-ßenposten in Richtung Antarktis und der Treffpunkt des Atlantischen und Indischen Ozeans. Ein geographisches Highlight in der Stille des Abseits, was nun auch wieder seinen speziellen Reiz hat.
Zurück in Grootbos inszeniert die Sonne einen ihrer ganz großen Abgänge. Der Himmel färbt sich in jeder nur möglichen Rotschattierung, und im fernen Westen zeichnen sich die Erhebungen "des" Kaps ab, dessen geglückte Umschiffung den Seeleuten über Jahrhunderte Anlaß zu guter Hoffnung schien - die sich nicht selten an den Felsriffen entlang des östlichen Küstenverlaufs bis hin nach Agulhas als trügerisch erwies. Danger Point, gute 10 km von Grootbos entfernt, erlangte als Schiffsfriedhof traurige Berühmtheit. Unvergessen blieb bis heute der Untergang von HMS Birkenhead am 26. Februar 1852, bei dem 443 Menschen ihr Leben ließen. Legendär auch die seemännische Mannhaftigkeit der Besatzung, der die Rettung der Frauen und Kinder zu verdanken war - ein Stoff, aus dem Heldensagen gewoben werden.
Wie behaglich läßt sich von solchen vergangenen Katastrophen am Kaminfeuer auf der Farm erzählen, nach dem Genuß eines köstlichen Snoek, im Gansbaai direkt vom Fischerboot erstanden, und bei einem Glas (meist werden es mehrere!) südafrikanischen Weines. Auf Grootbos läßt sich eben gut erzählen und gut leben - durchaus luxuriös, aber auch unprätentiös und vor allem naturnah. Nicht nur, daß alle Produkte, die auf den Tisch kommen, selbst erzeugt werden, nicht nur, daß man die vielfältigen Fynbosarten und jahrhundertealte Milkwoodbäume auf Spaziergängen, Ausritten zu Pferd oder Fahrten im Landrover kennenlernen kann, daß man die Vielzahl der hier heimischen Vögel beobachten und belauschen kann, daß man, schon ins Kopfkissen gekuschelt, die klare Weite des südlichen Sternenhimmels vor Augen hat, man "hat" schließlich auch Wale.
Elisabeth Petersen


Die Region Overberg bildet den südlichsten Zipfel Afrikas. Kapstadt liegt etwa 250 km vom Cape Agulhas entfernt.
Reisezeit: ganzjährig (Tagestemperaturen im Südsommer: 12 bis 35 Grad, im Südwinter: 8 bis 28 Grad). Im Südwinter ist gelegentlich mit Regenfällen zu rechnen.
Reservierungen: Grootbos Farm and Nature Reserve, P.O. Box 148, Gansbaai 7220, South Africa, Tel 0027/
28 34/4 03 81, oder aber durch Feria internationale Reisen, Frankfurter Ring 243, 80807 München, Tel 0 89/3 23 79-0, Fax 3 23 79-2 03 (-5 55).
Auskünfte: SATOUR South African Tourism Board, An der Hauptwache 11, 60313 Frankfurt/M., Tel 0 69/92 91 29-0, Fax 28 09 50.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote