ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2007Spätabbrüche: Einseitiges Bild
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Die Autorin vermittelt in ihrem Artikel, basierend auf negativen persönlichen Erfahrungen als Beraterin, ein sehr einseitiges Bild von der pränatalen Diagnostik in Deutschland . . . Die Mehrzahl der Schwangeren freut sich auf die Ultraschalluntersuchungen . . . Dieses Vorgehen hat an entsprechenden Zentren, anders als von Frau Braun behauptet, dazu geführt, dass mittlerweile 80 Prozent der betroffenen Frauen aufgrund des geringen Restrisikos bewusst auf eine invasive Diagnostik verzichten können. Werden im Rahmen einer Screeninguntersuchung Auffälligkeiten gefunden, kann durch einen spezialisierten Untersucher (z. B. DEGUM Stufe II oder III) in der Regel der Verdacht auf eine Fehlbildung oder Erkrankung des Feten bestätigt oder ausgeschlossen werden. Im Falle einer Bestätigung steht eine umfassende Beratung über Art und Prognose der Erkrankung und eventuelle therapeutische Optionen im Vordergrund. Verständlicherweise sind viele werdende Eltern über eine solche Diagnose geschockt und benötigen weitere Gespräche mit verschiedenen Spezialisten (Kinderarzt, Kinderchirurg, Herzspezialist, Humangenetik, Psychologe), die von entsprechenden Zentren auch angeboten werden . . . Die pränatale Kenntnis einer Fehlbildung ermöglicht den werdenden Eltern eine umfassende Information bereits vor der Geburt. Im Gegensatz zu Frau Braun, die für werdende Eltern eine sorgenfreie Schwangerschaft vorsieht, haben Eltern unserer Ansicht nach auch ein „Recht auf Wissen“. Ganz entscheidend ist die exakte pränatale Diagnose bei Fehlbildungen (kritische Herzfehler, große Bauchwandbrüche, Zwerchfellhernien), bei denen die Neugeborenen einer intensivmedizinischen Betreuung bedürfen und deren Mortalität und Morbidität durch ein optimales perinatales Management (Wahl von Zeitpunkt, Ort und Modus der Entbindung) verringert wird. Pränatale Diagnostik ermöglicht für einige kindliche Erkrankungen eine gut etablierte pränatale Therapie; zu nennen sind die Blutgruppenunverträglichkeit, die Behandlung von Rhythmusstörungen oder die Lasertherapie beim Zwillingstransfusionssyndrom. Neue minimalinvasive fetoskopische Behandlungstechniken sind in der Entwicklung. Allerdings werden im Rahmen eines Ultraschallscreenings auch Erkrankungen oder Fehlbildungen des Feten erkannt, für die derzeit keine oder nur eingeschränkte therapeutische Optionen bestehen . . . Die Achtung vor der Autonomie der Schwangeren gebietet es, bei diesen schweren, nicht behandelbaren Erkrankungen des Kindes, nach Abwägung aller Alternativen auch auf die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs hinzuweisen, sofern die im § 218 a Absatz 2 gegebenen Voraussetzungen erfüllt sind. In ihrer nach umfangreicher Aufklärung und ausreichender Bedenkzeit getroffenen Entscheidung sollten die Eltern sowohl von medizinischer als auch psychosozialer Seite in jeder Situation unterstützt werden. Dies kann bedeuten, die Schwangerschaft auszutragen, um das Leben des Kindes eventuell auch nur kurzfristig nach Geburt zu begleiten, als auch die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs zu wählen. Im Gegensatz zu dem im Artikel von Frau Braun vermittelten Eindruck sind gerade in diesen Situationen, in denen es um eine Entscheidungsfindung bezüglich eines medizinisch indizierten Schwangerschaftsabbruchs geht, intensive Beratungen über viele Tage bis Wochen die Regel, um den Eltern eine ausreichende Bedenkzeit zu ermöglichen und sie nicht zu einer Entscheidung zu drängen. Zu fordern ist, dass diese Schwangeren an Zentren betreut werden, die eine geschulte interdisziplinäre medizinische und psychosoziale Beratung zeitnah und ortsnah vorhalten können . . .
Für die Verfasser: (Board der Sektion Gynäkologie und Geburtshilfe der DEGUM)
Prof. Dr. med. Ulrich Gembruch,
Klinik für Geburtshilfe und Pränatale Medizin,
Universitätsklinikum Bonn,
Sigmund-Freud-Straße 25, 53105 Bonn
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