ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1997„Todescomputer„: Risikobewertung von Intensivpatienten

SEITE EINS

„Todescomputer„: Risikobewertung von Intensivpatienten

Dtsch Arztebl 1997; 94(11): A-621 / B-523 / C-499

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Computer kosten nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Menschenleben - wenn man der Berichterstattung in der Laienpresse glauben möchte. Ausgefeilte Softwareprogramme, die auf Intensivstationen in England, Berlin, Köln und Bremen eingesetzt werden, sollen angeblich die "Spreu vom Weizen" trennen - sprich Intensivpatienten mit besserer Prognose von den wahrscheinlichen "Todeskandidaten" unterscheiden. Da letztere ein tiefes Loch in die Geldbeutel der Krankenhäuser reißen, so befürchtet man, könnten ökonomische Gesichtspunkte die Therapieentscheidungen der behandelnden Ärzte beeinflussen. Mehr noch: Der Verzicht auf eine Weiterführung der Behandlung bei Patienten mit infauster Prognose würde durch die Einschätzung des Computers seine Legitimation erhalten. Die stark emotional geführte Diskussion bedarf einer Versachlichung.
Das in die Diskussion geratene Computerprogramm Riyadh ist nicht die erste Software, die in Krankenhäusern eingesetzt wird. Bereits seit vielen Jahren werden in verschiedenen Ländern auf Intensivstationen Computerprogramme geprüft, um die Fülle der dort anfallenden Daten zu sammeln und miteinander in Beziehung zu setzen. Derartige Systeme sind weder mit dem Ziel eingeführt worden, über Leben und Tod von Schwerstkranken zu entscheiden, noch um den Ärzten die Last ihrer Verantwortung für einen Therapieabbruch zu nehmen. Die computerassistierte Evaluierung des Patientenrisikos soll die Intensivmediziner vielmehr aus einem Dilemma herausführen:
Trotz zahlreicher neuer Ansätze zur Behandlung von Sepsis und Multiorganversagen (Systemisch Inflammatorisches Re-sponse Syndrom - SIRS) mit Immunmodulatoren war es nicht gelungen, die Sterblichkeit dieser Patientengruppe zu reduzieren. Nach enttäuschenden Ergebnissen der Therapie mit Antikörpern gegen Endotoxin, Tumornekrosefaktor und anderen Mediator-Antagonisten wurden grundlegend neue Ansätze für die Durchführung klinischer Studien erforderlich. Zahlreiche Arbeitsgruppen äußerten die Befürchtung, daß diese biologischen Substanzen möglicherweise bei bestimmten Patienten zum falschen Zeitpunkt eingesetzt worden sind. Die Intensivmediziner forderten daher eine eindeutigere Definition von Patientengruppen, die für die Immuntherapie in Frage kommen. Zahlreiche Untersuchungen zur Risikobestimmung von Schwerstkranken kamen zu dem Ergebnis, daß die computerassistierte Differenzierung von Patientengruppen die Überlebens-chance des Individuums sogar erhöht (unter anderem William Knaus, Günther Pilz, Karl Werdan). So konnte gezeigt werden, daß vor allem Hochrisikopatienten ("Todeskandidaten") von den Immuntherapien profitieren und ihre Mortalität gesenkt wird! In diesen Untersuchungen waren die Computer nicht die vielzitierten "Todesboten", sondern eher die "Lebensretter". Ökonomische Gesichtspunkte spielen bei dieser Software keine Rolle. Ein Teil des Riyadh-Programms hingegen "bilanziert" Therapieform und Pflegeaufwand des jeweiligen Patienten. Diese Transparenz der Kosten hat in der Öffentlichkeit zu der Frage geführt, ob Computer bereits das Schicksal von Schwerstkranken besiegeln. Während der Computer laut Presseberichten in England (wo Kosten-Nutzen-Analysen im Gesundheitssystem strikter umgesetzt werden) bereits darüber entscheiden soll, ob die Weiterbehandlung eines Todkranken sinnvoll ist und die Kosten zu rechtfertigen sind, sehen die beteiligten deutschen Intensivmediziner in seiner Anwendung lediglich einen Beitrag zur retrospektiven Qualitätssicherung. Es wäre mit der ärztlichen Ethik unvereinbar, Therapieentscheidungen durch den Computer treffen zu lassen, ist aus Berlin, Köln und Bremen zu hören. Doch die Angst vor einem möglichen Mißbrauch macht sich nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch unter einigen Ärzten breit. Dazu Intensivmediziner Prof. Dr. Dr. Wolfgang Kox von der Berliner Charité Berlin, wo das Riyadh-Programm erprobt wird: "Mediziner haben viele Dinge in der Hand, die zum Wohl oder Nachteil des Patienten eingesetzt werden können. Das betrifft nicht nur Computerprogramme." Die Entscheidung über einen Therapieabbruch fällt in Deutschland immer noch ein Team von Ärzten, die außer dem Schweregrad der Erkrankung auch die Lebensumstände des Patienten berücksichtigen.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige