ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1997Betablocker nach Myokardinfarkt: Lücke zwischen Theorie und Praxis

SPEKTRUM: Akut

Betablocker nach Myokardinfarkt: Lücke zwischen Theorie und Praxis

Koch, Klaus

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LNSLNS Amerikanische Ärzte sind offenbar nicht leicht zu überzeugen. Obwohl mehrere Studien der letzten 20 Jahre belegen, daß Betablocker für die meisten Überlebenden eines Myokardinfarkts zu den wirksamsten Schutzmaßnahmen gegen einen baldigen Herztod gehören, bekommen nur 21 Prozent der betroffenen (mehr als 65 Jahre alten) Patienten diese Medikamente verschrieben. Nach diesen Zahlen, die Epidemiologen der Harvard Medical School in Boston aus den Krankenkassenakten von 5 332 im US-Bundesstaat New Jersey behandelten älteren Infarktopfern extrahierten, hat die ärztliche Abneigung gegen die Betablocker deutliche Konsequenzen: Etwa neun Prozent der 65- bis 74jährigen starben innerhalb der ersten beiden Jahre nach Infarkt, sofern sie einen Betablocker einnahmen.


Bei denen, die statt dessen ein anderes Medikament erhielten, lag die Sterblichkeit mit etwa 17 Prozent fast doppelt so hoch (JAMA, Bd. 277, S. 115, 1997). Zu den Konkurrenzpräparaten, die in dieser Studie vergleichsweise schlechter abschnitten, gehören auch die Kalziumantagonisten. Sie wurden von den niedergelassenen Ärzten mehr als doppelt so oft wie die von Experten empfohlenen Betablocker verschrieben und waren damit in dem untersuchten Zeitraum von 1987 bis 1992 die beliebtesten Medikamente. Ob sich das Verschreibungsverhalten durch die seit etwa zwei Jahren geführte Kontroverse um die Kalziumantagonisten verändert hat, beantwortet die Studie nicht. Die Autoren stellen jedoch fest, daß die Sterblichkeit der mit Kalziumantagonisten behandelten Patienten sich nicht von der jener Patienten unterschied, die weder Kalziumantagonisten noch Betablocker erhalten hatten.


Sie folgern daraus, daß "das schlechtere Ergebnis der mit Kalziumantagonisten behandelten Patienten eher darauf zurückzuführen ist, daß die Präparate die Betablocker verdrängten, als auf die den Kalziumantagonisten anhaftenden Risiken". Bezeichnenderweise glauben nach Umfragen 50 bis 75 Prozent der amerikanischen Ärzte durchaus, daß Betablocker "definitiv die Sterblichkeit verringern". Daß sie sich paradoxerweise dennoch oft gegen diese Medikamente entscheiden, liegt nach Meinung der Autoren der Studie vor allem an drei Punkten: 1. Fehleinschätzung der Kontraindikationen; 2. Überbewertung der Nebenwirkungen und 3. Reaktion auf das "extensive Marketing" für einige Konkurrenzpräparate. Nach jüngeren Erhebungen (DÄ, Heft 9/1996) setzen auch deutsche Ärzte den Stand des Wissens nicht allzu konsequent in die Praxis um: Hierzulande wird etwa die Hälfte der in Frage kommenden Infarktpatienten mit Betablockern behandelt. Klaus Koch

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