ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2007Künstlerranglisten: Hilfen zum Sammeln von Kunst

KULTUR

Künstlerranglisten: Hilfen zum Sammeln von Kunst

Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A-738 / B-652 / C-628

Jaeschke, Helmut

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LNSLNS Wer sich über Trends informieren möchte, ist oft besser beraten, wenn er aufmerksam das Auktionsgeschehen beobachtet, statt auf Ranglisten zu schauen.

Eigentlich sollte es mittlerweile doch ganz einfach sein, Kunst zu sammeln. Seit fast 40 Jahren gibt es den Kunstkompass der Zeitschrift Capital, der einem ge-nau sagt, welche zeitgenössischen Künstler die größten sind. Schaut man allerdings etwas genauer hin, nach welchen Kriterien die Rangliste aufgestellt wird, dann kommen einem doch erhebliche Zweifel an der Objektivität und Seriosität des Auswahlverfahrens. Der Verdacht drängt sich auf, dass es sich um ein sich selbst bespiegelndes System handelt, in welchem „wichtige“ Kuratoren „wichtige“ Ausstellungen kuratieren, für die sie dann auch gleich die Punkte vergeben, nach denen das System funktioniert. Damit sie nicht unglaubwürdig werden, perpetuieren sie in den Folgejahren die Protektion der einmal auserkorenen Künstler. Zurzeit ist der „sperrige“ Künstler angesagt bei den Meinungsbildnern.
Auffällig nicht nur beim „Kunstkompass“, sondern auch beim Ranking von „Art Invest“ oder „Flash Art“ ist der hohe prozentuale Anteil von Videokünstlern und Künstlern, die sich mit Installationen beschäftigen – circa 40 Prozent –, während Malerei und Zeichnung gerade einmal mit 25 Prozent vertreten sind. Im Kunstauktionshandel tauchen jene Genres dagegen ausgesprochen selten auf. Wer sich über Trends der zeitgenössischen Kunstszene informieren möchte, ist wahrscheinlich besser beraten, wenn er aufmerksam das Auktionsgeschehen beobachtet, statt auf die Ranglisten in den einschlägigen Kunstmagazinen zu starren. Zwar wird gelegentlich auch über Auktionen versucht, einen Künstler in höhere Preisregionen zu katapultieren, doch nachhaltig sind derartige Manipulationen in den seltensten Fällen. Ein eklatantes Beispiel für die Einäugigkeit, wenn nicht gar Blindheit der Ranglistenersteller ließ sich 2006 beobachten. Nach Jahren mit relativ gleichbleibendem Preisniveau sind seit Anfang des Jahres sowohl in Berlin (Villa Grisebach) als auch in Köln (Kunsthaus Lempertz) und in München (Auktionshaus Neumeister) die Preise für Bilder von Konrad Klapheck sprunghaft gestiegen – mit dem Höhepunkt des erstaunlichen Zuschlagpreises von 355 000 Euro für eines seiner Schreibmaschinenbilder. Das entsprach einer deutlichen Überschreitung des Schätzpreises. Klapheck wird man jedoch vergebens auf einer der Künstlerranglisten suchen.
Diese Diskrepanz fiel dem Kunstmarktexperten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung offensichtlich ebenfalls auf, denn er ließ es sich nicht nehmen, in seinem Bericht über den Erfolg Klaphecks den unspektakulären Abgang eines Bildes Gerhard Richters zum Schätzpreis als lahmende Ente zu charakterisieren. Richter führt immerhin seit Jahren die Künstlerrangliste der Zeitschrift Capital an, eine Position, die ihm besonders unter Berücksichtigung seines Frühwerkes durchaus zu gönnen ist. Doch trennen Richter und Klapheck nicht Welten, wie man anhand der Ranglisten glauben müsste, sondern sie begegnen sich eher auf Augenhöhe – hier hat der Kunstauktionsmarkt ein besseres Gespür bewiesen als die hochgepriesenen Experten.
Während man bei dem 1935 geborenen Konrad Klapheck davon ausgehen kann, dass das jetzt erreichte Preisniveau Bestand haben wird, ist die Situation bei den hochgehandelten jungen Künstlern der Leipziger Schule deutlich labiler. Ohne die optimale Vermarktungsstrategie ihrer Galeristen hätten Künstler wie Neo Rauch oder Matthias Weischer ihre derzeitige Marktposition wohl kaum erreicht. So überzeugend die Bilder gerade Neo Rauchs auch sein mögen, die Gefahr besteht, dass hier ein großes Talent Schaden nimmt. Vielleicht sind ja Kunstsammler gut beraten, wenn sie nicht nur den jungen Leipziger Malern Beachtung schenken, sondern auch den Künstlern Heisig, Mattheuer und Tübke.
Dr. med. Helmut Jaeschke
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