ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2007Börsebius: Heiße Luft

GELDANLAGE

Börsebius: Heiße Luft

Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A-742 / B-654 / C-630

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Es soll in Bayreuth einen Mann geben, dessen Aktienempfehlungen fast 100 Prozent Gewinn machen. Vermutlich kann der Wunderkerl auch über den Tegernsee gehen. Ich habe noch nie gehört, dass je jemand derart erfolgreich gewesen sei. Gottlob gibt es das Internet, und siehe da, der Börsenheld breitet auf der Homepage www.hager-investmentrating.com seine Weisheiten aus.
Timo Hager, seines Zeichens Aktienanalyst und Herausgeber, verkündet, das Erfolgsgeheimnis eines Warren Buffet oder Seth Klarmann, beide anerkannte und über Jahre sehr erfolgreiche Investoren, sei „die richtige Identifizierung des Wertes einer Aktie“. Wohl wahr.
Aufgepasst. Jetzt kommt der kühne Schwung, Hager kann das auch. Es soll sogar eine „juristisch beglaubigte Performance“ geben. Seit dem Jahr 2000 seien über 31 Prozent Durchschnittsrendite, wohl pro Jahr, erzielt worden. Alle Achtung, aber nur dann, wenn’s denn stimmt. Immerhin äußern sich auf der Internetseite hochzufriedene Kunden, jedoch nur in gekürzter Form und schon gar nicht im Original. Da schreibt ein gewisser Wilhelm Berenth aus Neuss: „Ich vertraue ihren Empfehlungen. Die gute Entwicklungen sind der Grund. Ich muss mir keine Gedanken mehr machen, außer sich in Geduld zu üben. Ich frage mich, wie ihre Bewertungsmethode funktioniert. Jedenfalls glaube ich, dass Warren Buffet es auch nicht besser kann.“ (Schreibfehler wurden übernommen.) Lobhudelei vom Feinsten.
Wenn es wirklich spannend wird, bleibt der Ofen allerdings aus. Die Bereiche „Portfolio“, „Aktiendatenbank“ und „Rating Letter“ bleiben dem gemeinen Leser verschlossen. Wer sich jetzt registrieren will, stößt nunmehr auf des Pudels Kern: Hager will einen Börsenbrief verkaufen. Für 180 Euro pro Jahr inklusive Mehrwertsteuer wird man glücklicher Empfänger von wunderbaren Aktienempfehlungen. Ich persönlich glaube jetzt gar nichts mehr. Hager ist sich offenbar auch nicht mehr so sicher, in seinen AGB schließt er immerhin Totalverluste nicht aus, und haften will er schon für gar nichts. Also schnell das Thema abhaken, mir scheint, viel heiße Luft und wenig Substanz.
Damit ist freilich direkt auch die Frage verbunden, ob Börsenbriefe einen Sinn machen oder nicht. Ich werde erstaunlich oft nach Empfehlungen aus solchen Blättern gefragt. Es gibt genügend Leute, die den Effektenspiegel lesen, manche Bankberater sogar heimlich unter dem Tisch, andere finden die Fuchsbriefe Klasse, um nur zwei der bekanntesten Publikationen zu nennen.
Sagen wir einmal so: Die „seriösen“ Schreiber von Börsenpostillen pflegen über diese Plattform ihr ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis, Schwatzbasen halt, wer es Größenwahn nennen mag, liegt vermutlich auch nicht schief. Die linken Vögel dieser Spezies haben dagegen Arges im Sinn. Im Heft hochgejubelte Werte wurden längst vorgekauft, und der Anleger wird dann abrasiert. Ich bin aber der Meinung, dass kein Börsenbriefschreiber einen Börsenbrief schreiben würde, wenn er wirklich wüsste, wie die Börse läuft. Er säße vielmehr in aller Stille auf seinem Geldhaufen und rührte sich nicht.
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