ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2007HTA-Bericht zur Postmenopausalen Hormontherapie: Alter Wein in neuen Schläuchen

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HTA-Bericht zur Postmenopausalen Hormontherapie: Alter Wein in neuen Schläuchen

Dtsch Arztebl 2007; 104(12): A-745 / B-657 / C-633

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Jetzt haben es die Gynäkolog(inn)en einmal mehr „amtlich“: Die Hormontherapie (HT) kann gesunden Frauen in der Postmenopause nicht zur primären Prävention von Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfohlen werden, da die negativen Effekte nicht durch die positiven Effekte aufgewogen werden. Einem reduzierten Fraktur- und Darmkrebsrisiko steht ein erhöhtes Brustkrebs- und kardiovaskuläres Risiko gegenüber. Zu diesem Ergebnis gelangt der Health-Technology-Assessment(HTA)-Bericht 52, der in diesen Tagen – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – publiziert wurde. Ein weiteres Ergebnis ist, dass die HT zwar eine wirksame Maßnahme zur Behandlung von perimenopausalen Hitzewallungen und nächtlichen Schweißausbrüchen darstellt, empfohlen wird sie aber explizit nicht – eher geduldet für Frauen mit großem Leidensdruck und nach umfassender Aufklärung zur Risikoabschätzung.
Die HTA-Autoren betonen, dass in diesem epidemiologischen Forschungsprojekt „alle relevanten und methodisch sauber durchgeführten englisch- und deutschsprachigen Studien“ für den Zeitraum Oktober 1999 bis März 2004 kritisch beleuchtet wurden, um die Risiken und den möglichen Nutzen sowie gesundheitsökonomische Aspekte der Hormongabe für Frauen in der Postmenopause umfassend zu beurteilen. Kann die jetzige Auswertung als Schlusspunkt einer in Deutschland – und im Deutschen Ärzteblatt – emotional aufgeladenen Diskussion zur Hormontherapie in den Wechseljahren angesehen werden?
Durch die zeitliche Beschränkung der eingeschlossenen Studien bis März 2004 hat man den Stand des Wissens für genau jenen Zeitraum erfasst, der mit der Veröffentlichung der beiden international repräsentativen US-Studien (Women’s Health Initiative/WHI und Heart and Estrogen/Progestin replacement Study/HERS) seinen Kulminationspunkt erreicht hatte. Die später publizierte, aber durchaus relevante Literatur (zum Beispiel Östrogen-Monotherapie-Arm von WHI) konnte daher nicht mehr berücksichtigt werden.
Medizinisch gesehen ist die Botschaft somit „alter Wein in neuen Schläuchen“. Es bleibt dabei: Die Kombinationstherapie aus konjugierten equinen Östrogenen und Medroxyprogesteronazetat sollte nur nach Abwägung aller Nutzen und Risiken und dann nur kurzzeitig verordnet werden. „Frauen bleibt es nicht erspart zu entscheiden, ob sie Risiken in Kauf nehmen wollen, wenn sie diese medikamentöse Behandlung wegen Hitzewallungen in Betracht ziehen“, sagte Prof. Dr. med. Martina Dören (Charité, Berlin) gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.
Allerdings gibt es einen Diskussionshinweis, der die wiederholte Kritik der HT-Befürworter, die US-Studien seien nicht repräsentativ für die Verhältnisse in Deutschland, entkräftet: „Solange keine qualitativ guten Interventionsstudien für Deutschland das Gegenteil beweisen, sollte die Übertragbarkeit der amerikanischen Studienergebnisse auf deutsche Verhältnisse angenommen werden. Diese Ansicht wird unterstützt durch Untersuchungen, die zeigten, dass deutsche Frauen dieser Altersgruppe durchaus vergleichbar waren mit den Teilnehmerinnen der WHI-Studie.“ Diese Bewertung wäre zum Zeitpunkt der „heißen“ Diskussionen hilfreich gewesen und hätte wohl manche Fehde vermieden.
Es stellt sich daher die Frage, weshalb die Auswertung des HTA-Berichts erst 2007, also genau drei Jahre nach der zuletzt eingeschlossenen Studie, veröffentlicht wird. Nach Auskunft des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), das den HTA-Bericht im Auftrag des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums publiziert hat, bestand unter den beteiligten Gutachtern ein „großer Korrekturbedarf“, der zu der „zeitlichen Verzögerung“ geführt habe.
Doch auch ohne den HTA-Bericht hat sich das Stimmungsbild inzwischen gewandelt. Sind 1999 noch 1 156 Millionen definierte Tagesdosen zur postmenopausalen Hormontherapie verordnet worden, waren es 2005 nur noch 483 Millionen. Manche Wahrheiten lassen sich eben (trotz Lobbyarbeit) nicht aufhalten.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport
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