POLITIK

Gewebegesetz: Mehr Aufwand – weniger Spender

Dtsch Arztebl 2007; 104(12): A-753 / B-665 / C-641

Rieser, Sabine

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Zankapfel: Auch bei Entnahme und Handel mit Augenhornhäuten rechnen Fachleute mit Konflikten. Foto: dpa
Zankapfel: Auch bei Entnahme und Handel mit Augenhornhäuten rechnen Fachleute mit Konflikten. Foto: dpa
In Deutschland willigen nach wie vor nur wenige Menschen oder ihre Angehörigen in eine Organspende ein. Wenn das Gewebegesetz in Kraft tritt, könnten es noch weniger werden.

Dr. med. Dierk A. Vagts weiß, wie schwer es ist, Eltern nach dem Tod ihres Kindes um die Erlaubnis zur Organspende zu bitten. Bei 30 toten Kindern und Jugendlichen wurden im vergangenen Jahr Organe und Gewebe explantiert, vier davon lagen im Universitätsklinikum Rostock. Dort arbeitet Vagts. „Wenn das Herz noch schlägt, die Lunge beatmet wird, der Körper warm ist, ist es schwer, den Tod eines Kindes zu akzeptieren“, sagt er. „Das ist keine Situation, die man sich als Laie unter ,Tod‘ vorstellt.“
Doch ganz egal, wie sehr Ärztinnen und Ärzte mitfühlen können, das Gesetz nimmt sie in die Pflicht: Zu ihren Aufgaben gehört es nach einer Hirntoddiagnose, Eltern nach der Zustimmung zu einer Organspende ihres Kindes zu fragen. „Viele Kollegen bitten darum, diese Gespräche nicht führen zu müssen“, sagt Vagts. Wer jemals Stellungnahmen Betroffener im Internet gelesen habe, wisse, wie schnell und nachhaltig sich Angehörige überrumpelt fühlen könnten.
Gewebe als Handelsware
In Zukunft werden solche Einwilligungsgespräche wahrscheinlich noch schwerer für alle Beteiligten. Denn häufiger als früher könnte es um die Einwilligung in Gewebespenden gehen. Dann müssten Ärzte trauernden Angehörigen vermitteln, dass sie einer unentgeltlichen und altruistisch motivierten Spende zustimmen sollen, die entnommenen Körperteile eines Verwandten dann aber verarbeitet und mit Gewinn verkauft werden können. Denn der Bundestag berät derzeit über ein Gesetz, das den Umgang mit menschlichen Zellen und Geweben detailliert regeln soll, und zwar weitgehend im Rahmen des Arzneimittelgesetzes (DÄ, Heft 20 und 37/2006). „Der Entwurf ist der Sicherheit von Patienten verpflichtet, denen Gewebe oder Zellen übertragen werden“, betonten die Gesundheitspolitiker Annette Widmann-Mauz und Hubert Hüppe (CDU) nach der Anhörung im Bundestag. Doch Kritiker befürchten, dass der Handel mit Gewebe gefördert werde, Organtransplantationen uninteressanter würden und die Bereitschaft noch weiter sinke, Organe zu spenden.
„Es ist der Bevölkerung nicht zu vermitteln, dass einerseits die Organ- beziehungsweise Gewebespende altruistisch und unentgeltlich ist, mit dem gespendeten Gewewebe anschließend aber Handel betrieben werden darf“, glauben die Fachleute der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Dabei handelt es sich um die bundesweite Koordinierungsstelle für Organspenden in Deutschland. „Dieses Missverhältnis kann als Ausbeutungsverhältnis wahrgenommen werden“, findet Dr. Sigrid Graumann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft.
Auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat sich kritisch mit dem Gesetzesvorhaben befasst (Stellungnahme unter: www.bundesaerztekammer.de/Gesundheitspolitik/Gewebegesetz). „Es besteht die große Gefahr, dass einzelne vermittlungspflichtige Spenderorgane nicht transplantiert werden, weil Teile von ihnen als Gewebeprodukte wirtschaftlich interessanter verwertbar erscheinen“, warnt die BÄK. Dies könne „bis hin zur Unterlassung der Organspendemeldung führen, weil der Vorgang der Meldung als Gewebespender gewinnbringender zu gestalten ist“.
Konflikte unter einem Dach
Die Bedenken der Kammer sind alles andere als theoretischer Natur. Denn Spenderkrankenhäuser und Transplantationszentren betreiben eigene Gewebeeinrichtungen. Selbst die DSO als Koordinierungsstelle für Organspenden hat bereits 1997 die DSO-G Gemeinnützige Gesellschaft für Gewebetransplantation gegründet. Die wiederum kooperiert mit einer kommerziellen Firma.
Interessenkonflikte scheinen deshalb programmiert. Umso mehr, als im mittlerweile bereits überarbeiteten Gesetzentwurf zwar festgelegt wird, dass die Organspende Vorrang vor der Gewebespende haben soll. Doch weitere Einzelheiten werden nicht geregelt. Der Entwurf schweige sich „völlig zu der zentralen Frage aus, wem die Verfügungsgewalt über postmortale Gewebespenden oder sogar das Eigentumsrecht in einer Konkurrenzsituation von Gewebeeinrichtungen zustehen soll“, kritisiert die Bundes­ärzte­kammer. Wer kann also in Zukunft beispielsweise garantieren, dass knappe Organe nicht fälschlicherweise als untauglich für eine Spende eingestuft werden, nur weil sie der Klinik als Gewebespende mehr Geld einbringen?
„Wir könnten eine Situation erleben, in der sich Kliniken und Institutionen, die mit den Transplantaten Geld verdienen wollen, um die Gewebe streiten“, prophezeite Prof. Dr. med. Roland Hetzer vom Deutschen Herzzentrum Berlin kürzlich im Deutschen Ärzteblatt. Damit würde sich ein Konflikt verschärften, der bereits schwelt. Seit es die DSO-G gebe, die auf Gewebe spezialisiert ist, wanderten weniger Klappen in die an seinem Zentrum angesiedelte Herzbank, sagte Hetzer kürzlich der „Zeit“.
Spender werden abgestoßen
Doch selbst die DSO-G findet das geplante Gewebegesetz erheblich verbesserungswürdig. „Die Entscheidung darüber, welcher Patient welches Transplantat erhält, wird demnächst nicht, wie es sinnvoll wäre, nach bundeseinheitlichen Kriterien getroffen, sondern durch die einzelne Institution mit Zulassungsberechtigung“, heißt es in ihrer Stellungnahme. Wenigstens bei Geweben, die knapp sind, sollte eine Zuteilung aber nach medizinischen Kriterien erfolgen, so wie bei der Organtransplantation, schlägt die DSO-G vor.
Auf die Bereitschaft der Bundesbürger, Organe und Gewebe zu spenden, werden sich die Konflikte, die im Gewebegesetz angelegt sind, wohl negativ auswirken. „Nach den heutigen Erfahrungen ist davon auszugehen, dass sich die Unsicherheit der Bevölkerung noch verstärken wird, wenn Gewebe an kommerzielle Gewebebanken abgegeben werden dürfen“, so die DSO-G. „Es wird dann, unabhängig davon, welche Einrichtung die Gewebespende organisiert, kaum noch Zustimmung zur Gewebespende geben.“
Sabine Rieser
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