ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2007Politik und Medizin: Der kubanische Patient

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Politik und Medizin: Der kubanische Patient

Dtsch Arztebl 2007; 104(12): A-758 / B-670 / C-645

Neuber, Harald

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Fidel und Raúl Castro: Ende Juli 2006 übertrug der greise Staatschef die Amtsgeschäfte auf den jüngeren Bruder. Foto: dpa
Fidel und Raúl Castro: Ende Juli 2006 übertrug der greise Staatschef die Amtsgeschäfte auf den jüngeren Bruder. Foto: dpa
Seit Monaten halten die Spekulationen um den Gesundheitszustand Fidel Castros an – Streit um Diagnosen mit politischem Hintergrund.

Es war nur eine kurze Wortmeldung, doch das Echo war überwältigend. Ein Auftritt des kubanischen Präsidenten Fidel Castro in der Radiosendung seines venezolanischen Amtskollegen Hugo Chávez machte Ende Februar weltweit die Runde. Weniger der Inhalt des halbstündigen Gesprächs spielte dabei eine Rolle. Für Aufsehen sorgte das Lebenszeichen an sich. Denn seit Castro Ende Juli letzten Jahres kurz vor seinem 80. Geburtstag die Amtsgeschäfte an seinen Bruder Raúl abtrat, hatten seine politischen Gegner immer wieder erklärt, der greise Staatschef liege im Sterben. Kubas Regierung hat den Gesundheitszustand des „Comandante en Jefe“ derweil zum Staatsgeheimnis erklärt und lässt immer wieder verlauten, dem Patienten gehe es gut.
Ferndiagnosen der CIA
Der letzte große Coup war Havanna im Dezember 2006 gelungen. Nach einem Krankenbesuch in der kubanischen Hauptstadt hatte der spanische Chirurg José Luis García Sabrido die These dementiert, Castro leide an „Darmkrebs im Endstadium“. Diese Diagnose hatte der US-Geheimdienst CIA bereits im Oktober über das US-Nachrichtenmagazin „Time“ verbreiten lassen. Redakteur Tim Burger schränkte zwar ein, dass die Annahme sich als falsch erweisen könne. Diesmal aber lägen „genauere“ Angaben vor, die eine „gewisse Glaubwürdigkeit“ herstellten.
Das Interesse des US-Geheimdienstes am Gesundheitszustand Castros ist nicht neu. Seit Mitte der 90er-Jahre hat die CIA mehrfach Ferndiagnosen mit dem Ziel erstellt, seinen baldigen Abtritt vorherzusagen. So berichtete die US-Tageszeitung „Miami Herald“ Ende 2005 von einem CIA-Führungstreffen im Jahr 1998. Schon damals seien medizinische Gutachten vorgelegt worden, die eine Parkinson-Erkrankung belegen sollten. Entsprechende Anzeichen – eine „undeutliche Aussprache“ und „plötzliche Pausen beim Reden“ – hätten bei der CIA beschäftigte Mediziner in Fernsehaufnahmen erkannt.
Als Fidel Castro am 26. Juli vergangenen Jahres bekannt gab, die Amtsgeschäfte „vorübergehend“ ruhen zu lassen, erhielten die Spekulationen neue Nahrung. Nach offiziellen Angaben musste sich der Politiker einer Darmoperation unterziehen. Die französische Nachrichtenagentur AFP befragte daraufhin Pariser Fachärzte, die eine – in Anbetracht des Alters des Patienten wenig überraschende – Divertikulitisdiagnose erstellten. Die französischen Mediziner schlossen aber auch die Darmkrebsdiagnose nicht aus. Weniger wahrscheinlich sei die Entfernung eines Angioms.
Während in den USA die Nachricht vom baldigen Tod Castros synonym für einen bevorstehenden Regimewechsel auf Kuba verwendet wird, sehen die Reaktionen international anders aus. Der Sprecher der brasilianischen Regierung etwa, André Singer, dementierte kurz nach Castros Amtsübergabe einen Bericht der Tageszeitung „Folha“, nach dem Präsident Luis Inácio da Silva von dem ernsten Zustand des Kubaners unterrichtet sei. Da Silva wünsche „unserem Freund“ gute Genesung, so Singer. Diese Äußerung spiegelt die Mehrheitshaltung der lateinamerikanischen Staaten wider. Doch auch Spaniens sozialdemokratische Regierung schickte im Dezember den Chirurgen García Sabrido nach Havanna. Außerdem sandte Madrid medizinisches Material, das in Kuba nicht verfügbar ist, und liefert seit Juni Medikamente zur Behandlung des Erkrankten.
Dass besonders Vertreter der US-Regierung auf der tödlichen Darmkrebsdiagnose bestehen, hat einen politischen Hintergrund. Seit Anfang der 60er-Jahre haben zehn US-Präsidenten versucht, die sozialistische Regierung rund 90 Seemeilen vor der eigenen Küste zu beseitigen. Nachdem sie gescheitert sind, hat sich Washington auf eine Warteposition zurückgezogen. Im Fall des Todes Fidel Castros, so war seither wiederholt in offiziellen Dokumenten zu lesen, werde ein Systemwechsel ohnehin einsetzen. Ganz so sicher scheint sich die US-Führung aber doch nicht zu sein. Das Helms-Burton-Gesetz, mit dem 1996 die US-Blockade gegen den Inselstaat verschärft wurde, schließt jegliche Beteiligung des amtierenden Präsidenten Raúl Castro an einer Regierung aus, die Washingtons Akzeptanz finden soll.
Symbolische Beerdigung
Es liegt an der hohen symbolischen Bedeutung der Person Fidel Castros, dass keine der beiden Seiten nachgeben will – auch weil man sich seiner Wirkung bewusst ist. Gezeigt hat sich das am 31. Juli 2006, als Hunderte Exilkubaner in Miami den Rückzug des verhassten Staatschefs mit einer symbolischen Beerdigung feierten. Das Schauspiel ging selbst Gesinnungsgenossen zu weit: „Es war ein geschmackloses Spektakel“, schrieb die Journalistin Ana Menendez im Castro-kritischen „Miami Herald“.
Doch nicht alles ist nur Symbolik. Regierung und Geheimdienst in den USA haben für den Fall eines baldigen Todes Fidel Castros militärische Pläne parat, die sich im Kern auf die Reaktion der exilkubanischen Gemeinde stützen. Mitte Dezember hatten mehr als 400 Polizisten, Mitglieder der US-Küstenwache und Vertreter des Heimatschutzministeriums in Miami ihre Einsatzpläne für diesen Fall durchgespielt. Das Manöver – in dem von Unruhen in Kuba und Florida ausgegangen wird – sah drastische Maßnahmen vor: Schließung der Häfen und Flughäfen, Mobilisierung der Polizei und Rationierung von Treibstoff. „Im Militärischen geht man immer von schlimmsten Szenario aus“, begründete ein Armeevertreter die Pläne gegenüber US-Medien. Die vorhergesagte Eskalation könnte zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden.
Harald Neuber
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