ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2007Malnutrition: Antithese
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Ich wage eine Antithese: Gewichtsabnahme ist nicht Ursache erhöhter Morbidität (z. B. Demenz) von Hochbetagten, sondern deren Folge – und ich behaupte, dass diese auch mit bester Pflege nicht vollständig zu beseitigen ist. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) meint, dass jeder zweite Krankenhauspatient über 75 Jahre mangelernährt ist, und Frau Hibbeler verweist auf die durch Malnutrition bedingten Folgen wie Sturzgefahr, erhöhte Wundheilungsstörung, Infektionen usw. Weiß die DGEM, dass allein zehn bis 20 Prozent dieser Hochbetagten unter einer aktuellen oder noch inapparenten neurodegenerativen Erkrankung leiden, die in aller Regel per se Gewichtsabnahmen provozieren? Wenn 1,6 Millionen Deutsche mangelernährt sind, sollte berücksichtigt werden, dass alleine 1,2 Millionen Deutsche dement sind. In einer sechsjährigen US-amerikanischen Studie mit fast 450 älteren Menschen verloren die Studienteilnehmer ohne Demenz 270 Gramm Gewicht pro Jahr und die Teilnehmer, die später an einer Alzheimer-Demenz erkrankten, 550 Gramm pro Jahr –
also doppelt so viel. (Arch. Neurol. 2006; 63 (9): 1312). Nach der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsych-
iatrie und -psychotherapie (DGGPP) sind Demenzen „konsumierende“ Erkrankungen und mit Krebserkrankungen vergleichbar. Ich selbst habe als Neurologe und Sohn eines dementen Vaters die persönliche Erfahrung gemacht, dass trotz optimaler Pflege (zu Hause, sechs Mahlzeiten mit hoch kalorischer Kost und viel Zeit und Geduld) eine Gewichtsabnahme in wenigen Monaten von mehr als 20 kg hingenommen werden musste (übrigens unter einem Rückgang eines metabolischen Syndroms). Aus diesem Grund halte ich das gegenwärtige Vorgehen des MDK für höchst zweifelhaft, die Güte einer Pflege an dem BMI zu messen. Hier sollte dringend eine Korrektur und eine differenzierte Betrachtung des einzelnen Patienten empfohlen werden . . .
Dr. med. Gerd Benesch, 1. Vorsitzender des LV
Berlin, Berufsverband Deutscher Nervenärzte,
Wissenschaftlicher Beirat der Alzheimer Gesellschaft Berlin, Bismarckstraße 70, 10627 Berlin
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige