ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2007Von der Verantwortung, ein Kind zu bekommen. Eine Ethik der Elternschaft

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Von der Verantwortung, ein Kind zu bekommen. Eine Ethik der Elternschaft

Dtsch Arztebl 2007; 104(12): A-782

Wiesemann, Claudia

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Ethik: Bemerkenswerte Sichtweise

Claudia Wiesemann, Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte an der Universität Göttingen, eröffnet ihr neues Buch über die Ethik der Elternschaft mit einer bemerkenswerten Sichtweise: Für sie ist der Embryo nicht ein (abstraktes) Subjekt, sondern realisiert sich erst in der leiblichen Beziehung zur Mutter.
Die Brisanz dieser Sichtweise wird anhand der Debatten über Stammzellforschung, Präimplantationsdiagnostik oder Schwangerschaftsabbruch deutlich. Dort gilt typischerweise die Empfindungsfähigkeit des Embryos als Kriterium seines moralischen Status, seiner Schutzwürdigkeit und des Beginns menschlichen Lebens. Der Mutter dagegen, so die Autorin, werden ganz andere Fragen wichtig sein: die Chancen des Kindes, gesund aufzuwachsen, oder die Möglichkeiten, das Kind zu fördern. Sie wird nicht so sehr danach fragen, ob und wann ihr Kind irgendwelche Empfindungen hat, sondern was es heute und morgen empfindet und welche Rolle sie dabei spielen wird. Damit begründet Claudia Wiesemann ethisches Handeln nicht aus dem Status des Embryos, sondern im Aufbau eines Verantwortungsverhältnisses zwischen Mutter (Eltern) und Embryo.
Eine auf Beziehung gründende – oder wie es Claudia Wiesemann noch allgemeiner nennt: kontextsensitive – Ethik könnte auch dem Streit über die Präimplantationsdiagnostik eine andere Wendung geben. So lässt sich die Herstellung embryonaler Stammzellen aus der Beziehungsethik nicht verbieten – schon deshalb nicht, weil es gar nicht erst zu einer Beziehung zwischen Embryo (beziehungsweise Stammzellen) und Mutter kommt. Nicht der moralische Status des Embryos, sondern vielmehr eine Ethik des Umgangs mit menschlichen Körpersubstanzen müsste in diesem Fall Richtschnur für eine Entscheidung werden.
Ihr Fazit: Die Bedingungen für verantwortliche Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft sollte die Gesellschaft auf jegliche Weise fördern, um dann aber einer Beziehungsethik die notwendige Autonomie zuzubilligen. Claudia Wiesemann behandelt die Probleme dort, wo sie hingehören, und so, wie sie uns lebensnah erscheinen. Ein faszinierendes Buch, das zudem durch die klare und warme, aber niemals emotional überbordende Sprache Stellung bezieht und jeden zur Stellungnahme auffordert. Wolfgang Himmel

Claudia Wiesemann: Von der Verantwortung, ein Kind zu bekommen. Eine Ethik der Elternschaft. Verlag C. H. Beck, München, 2006, 215 Seiten, broschiert, 16,90 €
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