ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2007Gott-Gen und Großmutterneuron. Geschichten von Gehirnforschung und Gesellschaft

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Gott-Gen und Großmutterneuron. Geschichten von Gehirnforschung und Gesellschaft

Dtsch Arztebl 2007; 104(12): A-782

Spitzer, Manfred

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Genforschung: Hoher Informationswert

Sehr schnell zieht dieses schmale Buch den Leser in seinen Bann. Es sind Geschichten aus allen Bereichen der Forschung, Schwerpunkt ist die Genforschung und Neurobiologie. Aber wer will nicht wissen, ob Fernsehen dick macht? Oder ob es ein Gott-Gen gibt? Mit jedem Artikel wird man noch neugieriger. In diesem Sinn ist das Buch auch ausgesprochen unterhaltsam. Durch die Breite der Themen, kulturhistorische Betrachtungen, Benennung wirtschaftpolitischer Konsequenzen hat es einen hohen Informationswert.
Nachweislich werden Kirchenbesucher älter, leben gesünder. Die Untersuchungen ergeben genetisch relevante Unterschiede auf dem Chromosom Nr. 10. Hier setzt Manfred Spitzer mit verschiedenen Theorien an und diskutiert dieses Phänomen auf breiter Basis. Dabei sind die genauen biochemischen Formeln zwar benannt, aber auch für Laien in diesen Bereichen im Gesamtzusammenhang immer verständlich. Es gibt dann doch kein Gott-Gen, die genetischen Bedingungen für Neugier, Extraversion sind wesentliche Parameter.
Einen breiten Raum nehmen soziale Phänomene ein: zum Beispiel die Bedeutung der Kooperation. Spannend liest es sich, welche Rolle der Angst am Untergang der Menschen auf der Osterinsel zukam. Der Autor zieht eine Parallele zur aktuellen Situation der Ausbeutung der Erde – die Osterinsulaner fällten den letzten Baum – zerstörten ihre Lebensgrundlage selbst.
Dieser Bezug von Wissenschaft zu ihren Konsequenzen, unter anderem in Pädagogik, ergibt sich immer wieder. Manfred Spitzer hat stets auch den Bedeutungszusammenhang im Blick, die Relevanz für die Gesellschaft. Dabei sind seine Interpretationen und Auswertungen geprägt von einer humanen Einstellung, die immer orientiert ist an Weiterentwicklung und Freiheit. Wenn aus der Zwillingsforschung deutlich wird, dass Gene die persönliche Entwicklung in starkem Maß beeinflussen, zitiert er den Biologen Matt Ridley: „Je besser wir unsere Gene und unsere Neigungen verstehen, desto eher verlieren sie den Charakter des Unvermeidlichen“ und setzt selbst hinzu: „Wir sind weder Marionetten der Umgebung noch der Gene.“ Eine Einstellung, die ermutigt und beruhigt und Abstand nimmt vom Horrorszenario mancher Wissenschaftler zur Dominanz der Gene über den Geist des Menschen. Die einzelnen Themen sind von großer Bedeutung für unser gesamtgesellschaftliches Leben („Der Mandelkern und die Angst vor dem Fremden“).
Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch, das neugierig macht auf anderen Veröffentlichungen von Manfred Spitzer. Katharina Sommer

Manfred Spitzer: Gott-Gen und Großmutterneuron. Geschichten von Gehirnforschung und Gesellschaft. Schattauer, Stuttgart, 2006, 136 Seiten, kartoniert, 24,95 €
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