ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1997Drogenpolitik: Realitätsfern

SPEKTRUM: Leserbriefe

Drogenpolitik: Realitätsfern

Muske, Manfred

Zu dem "Seite eins"-Beitrag "Schritt ins Abseits" von Norbert Jachertz in Heft 7/1997
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LNSLNS Auf mich, als Arzt in einer Drogenberatungsstelle, wirken die veröffentlichten Statements realitätsfern und frei von jeder Fachkenntnis. Heutzutage noch von Heroinsüchtigen zu sprechen ist bereits Wischerei. Das, was die Konsumenten sich im Raum Hamburg zuführen, ist jedenfalls die einzige mir bekannte intravenöse Applikationsart von Paracetamol (zirka 80 Prozent) mit einer Beimengung von acht bis zwölf Prozent der Substanz, über die hier beraten wird (Quelle: LKA Hamburg). Wissen wir beim Diacetylmorphin noch eine ganze Menge über Wirkung und Nebenwirkungen, so stehen wir bei diesem Stoffgemisch absolut vor dem Aus. Undenkbar, einem Diabetiker Paracetamol mit einer Beimengung an Insulin zu rezeptieren. Und eben da haben wir leider dann doch eine medizinische Begründung, festgehalten in Berufsordnung und Arzneimittelgesetz, denn darunter fällt die Substanz, so sie in der BtmVV erwähnt ist.
Am ärztlichen Standpunkt, der auf Therapie und Rehabilitation setzt, will ich bei der Heroinabhängigkeit genauso wenig rütteln wie beim Herzinfarkt. Trotzdem ist bei letzterem die Gabe von Diazepam i.v. im Einzelfall sinnvoll, nicht Therapie, aber eine Erstmaßnahme von vielen. Heftig widersprechen muß ich, jedenfalls für den norddeutschen Raum, es gäbe zu wenig Therapieplätze. Wenn denn jemand eine Therapie anstrebt, ist der Platz die geringste Hürde. Es mangelt jedoch an Plätzen für die Entgiftung davor. Die Wartezeiten betragen oft Monate und wirken sich ausgesprochen motivationsmindernd aus . . . Es lohnt aber auch, sich die Therapieeinrichtungen genauer anzusehen. Wir haben nicht wenige Besucher, die bereits mehr als eine Abstinenztherapie ohne dauerhaften Erfolg absolviert haben. Einer meiner Patienten hat unter dem Druck der Justiz, sich einer Therapie zu unterziehen oder inhaftiert zu werden, in nur eineinhalb Jahren 14 (!) Entgiftungen und vier Therapien über sich ergehen lassen, zu Lasten der Solidargemeinschaft. Sicher kein Einzelfall. Aber prima! Ganz dem "ärztlichen Standpunkt" gemäß.
Bei der Freigabe von Heroin denkt niemand daran, den Süchtigen zu schaden oder irgendwelche Gefahren zu verharmlosen. Genauso polemisch ist es, anzunehmen, Vater Staat würde als Abnehmer bei den Drogenbossen fungieren. Vielmehr gilt es, das Spektrum der Akutbehandlung um eine weitere Maßnahme zu erweitern . . .
Manfred Muske, Davidstraße 30, 20359 Hamburg
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