ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2007Psychiatrie: Einseitige Sichtweise
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Das Bild, das Dr. Loos von der DDR-Psychiatrie zeichnet, erscheint mir einseitig und fragmentarisch . . . Sicher haben diktatorische Machtstrukturen und besonders fehlende Öffentlichkeit die Psychiatrie beeinflusst und die Entwicklung moderner, humaner Betreuungsformen gehemmt. Auch hatte das System Einfluss auf die Relation von Emanzipation und Integration, von Befreiung und Disziplinierung, der wurde aber gebrochen von den Menschen und den konkreten Bedingungen. Wie viele andere soziale Bereiche war die Psychiatrie nicht, wie von Dr. Loos einem allgemeinen Trend folgend gesehen, einlinig kausal durch die Machtstrukturen des Systems bestimmt . . . Psychiatrie war eine relativ eigenständige soziale Substruktur, die nur begrenzt vom politischen System kolonisierbar war. Das hatte nichts mit politischem Widerstand zu tun, sondern mit der Differenzierung unterschiedlicher sozialer Strukturen in einer modernen Gesellschaft und der Dialektik von System und Lebenswelt . . . Es ist falsch, wenn Dr. Loos sagt, dass es positive Entwicklungen in der DDR nur bis 1970 gegeben habe, und nur die Rodewischer Thesen nennt. Von 1970 bis zur Wende wurden im Rahmen eines staatlichen Forschungsprojekts Modelle gemeindepsychiatrischer Versorgung erprobt. Sie wurden Grundlage eines modernen Entwicklungsprogramms der Psychiatrie, das allerdings nur insulär realisiert wurde. Hemmnis waren neben materiellen Defiziten vor allem die von Prof. Bach genannten konservativen, biologisch-naturwissenschaftlichen Tendenzen im Fachgebiet. In der DDR gab es auch in der Psychiatrie Bemühungen um demokratische Lebensformen, offen geführte Kliniken mit Formen der Patientenselbstverwaltung etc. Bekannt wurden besonders die „Brandenburger Thesen zur therapeutischen Gemeinschaft“. Die Grenzen solcher Bemühungen, die auch mit den auf der Ebene des herrschenden Systems zu Leerformeln verkommenen Idealen des Sozialismus begründet werden konnten, wurden nicht gesetzt vom politischen System und seinen Machtstrukturen, sondern vor allem von den traditionellen autoritär-hierarchischen Strukturen von Medizin und Psychiatrie. Das Fehlen einer „Vielfalt von Betreuungsangeboten und Vereinsinitiativen“ jenseits des Krankenhausareals in der DDR war eher ein Vorteil. Psychisch Kranke und Behinderte wurden nicht in neuen gemeindepsychiatrischen Strukturen betreut, die ja immer ausgrenzende Effekte haben, sondern in normalen Betrieben, Wohnbereichen, in Clubs und anderen sozialen Angeboten von Gemeinde oder Gewerkschaften, d. h. „bürgerzentriert“, ein Versorgungsprinzip, das K. Dörner kürzlich als Zukunftsvision gezeichnet hat . . .
Prof. Dr. em. Klaus Weise, Hauptstraße 3 a,
04416 Markkleeberg
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