ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2007Praktisches Jahr: „Junior-Doktor“ in der Hausarztpraxis

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Praktisches Jahr: „Junior-Doktor“ in der Hausarztpraxis

Dtsch Arztebl 2007; 104(13): A-903 / B-803 / C-771

Joist, Thomas; Klein, Sebastian

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Pioniere des PJ Allgemeinmedizin: Ausbilder Thomas Joist und Student Sebastian Klein (von links) ziehen eine positive Bilanz. Fotos: privat
Pioniere des PJ Allgemeinmedizin: Ausbilder Thomas Joist und Student Sebastian Klein (von links) ziehen eine positive Bilanz. Fotos: privat
Die neue Ärztliche Approbationsordnung ermöglicht Studierenden ein PJ-Tertial in einer allgemeinmedizinischen Praxis. Die ersten Erfahrungen sind positiv.

Durch die neue Ärztliche Approbationsordnung ist es möglich, dass Studierende in qualifizierten allgemeinmedizinischen Praxen ein Tertial des Praktischen Jahres (PJ) absolvieren. Für die Ärztinnen und Ärzte in den Praxen ist es eine Herausforderung, die PJler vier Monate lang in die Abläufe zu integrieren. Erste Erfahrungen zeigen jedoch, dass ein Tertial Allgemeinmedizin eine positive Erfahrung für die Studierenden sein kann. Auch die Akzeptanz bei den Patienten ist gut.
Beispiel Universität Köln: Die Medizinische Fakultät verfügt momentan über sieben Praxen, die berechtigt sind, PJler auszubilden. Alle diese Praxen erfüllen Mindestanforderungen, was Patientenzahlen, medizinische Ausstattung und Lehrerfahrung angeht. Die Zuteilung erfolgt nach persönlicher Kontaktaufnahme des Studierenden und Abstimmung mit dem Praxisinhaber. Die Praxis erhält ein Lehrhonorar, das sich an den Sätzen für das Blockpraktikum orientiert. Der PJler selbst erhält keine Vergütung.
Der Lehrbereich Allgemeinmedizin der Kölner Universität hat festgelegt, welche Aufgaben der PJler erledigen soll, kann und darf. Die konkrete Umsetzung obliegt der Praxis. In unserem Fall (Allgemeinmedizinische Praxis Dr. Joist, Köln) wurde der PJler an drei Tagen in der Woche in der ärztlichen Sprechstunde eingesetzt. Darüber hinaus unterstützte er bei den Disease-Management-Programmen, Kassenanfragen und Erörterungen von Patientenbeschwerden. Dem PJler stand ein eigener EDV-Arbeitsplatz zur Verfügung. Der Student hatte die Möglichkeit, alle Patienten, die zur Sonographie kamen, „vorzuschallen“. Auch das Erlernen und Vertiefen körperlicher Untersuchungstechniken stand auf dem Programm. Ein Tag in der Woche war fest für delegierbare Hausbesuche eingeplant. Dort erfolgten dann Blutentnahmen, Blutdruckmessen und Gespräche mit den Patienten. Einen Tag pro Woche war der PJler schwerpunktmäßig im Laborbereich eingesetzt und kümmerte sich um die dort anfallenden Arbeiten wie Blutzuckerbestimmungen, Infusionen, EKGs und Lungenfunktionen. Die Arzthelferinnen standen dem PJler sehr positiv gegenüber, weil er in den Stoßzeiten immer mal wieder um Hilfe gebeten werden konnte. Es bestand aber nie Zweifel daran, dass er ärztliche Aufgaben erfüllen sollte.
Aus Sicht der Patienten war der Einsatz des Studenten in der Regel eine Bereicherung. Der PJler wurde häufig als „Junior-Arzt“ wahrgenommen. Viele Patienten nahmen die Möglichkeit wahr, ihre Beschwerden und Anliegen zeitintensiv erörtern zu können. 30 Minuten wurden für jeden Patientenkontakt eingeplant. Am Ende des Gespräches erfolgte dann immer eine Abschlussuntersuchung beziehungsweise -gespräch mit Patient, Student und Arzt.
Dass der PJler bei Konsultationen anwesend war, wurde von keinem Patienten bemängelt. Zumal im Wartezimmer darauf hingewiesen wurde, dass auf Wunsch jederzeit ein Vieraugengespräch möglich sei. Kein Patient hat dies von sich aus in Anspruch genommen. Es ist allerdings darauf zu achten, dass sich die Patienten in der Situation wohl- fühlen.
Die Möglichkeit, ein PJ-Tertial in einer allgemeinmedizinischen Praxis zu absolvieren, ist in jedem Fall eine Bereicherung der medizinischen Ausbildung. Ein großes ärztliches Tätigkeitsfeld ist nun endlich in angemessener Weise in das Medizinstudium integriert worden. Wichtig dabei ist eine sorgfältige Planung. Der Studierende sollte die Gelegenheit nutzen, die PJ-Praxen vorher im Rahmen von Blockpraktika oder Famulaturen kennenzulernen. Die Praxis sollte die Patienten durch Aushänge auf das neue Gesicht vorbereiten und den PJler in die Arbeitsabläufe integrieren. Unabdingbar ist ein Lehrkonzept des Praxisinhabers. Dann können Ärzte, Studierende und Patienten großen Nutzen aus dem PJ Allgemeinmedizin ziehen.
Dr. med. Thomas Joist, Lehrbeauftragter
für Allgemeinmedizin, Universität Köln


Persönliches Fazit
Für mich persönlich war der intensive Eins-zu-eins-Unterricht eine Herausforderung. Das Ziel, gleichermaßen technische Untersuchungen (beispielsweise Sonographie), praktische Tätigkeiten und zwischenmenschliche Fähigkeiten zu vermitteln, erfordert einen zusätzlichen zeitlichen Aufwand. Einen Teil der Zeit konnte ich allerdings dadurch wieder einsparen, dass an den PJler manche Aufgaben übertragen werden konnten. Die Delegation von Aufgaben, wie Musterschränke einräumen oder die Diagnosen der Patientenkarteikarten nach ICD zu verschlüsseln, fand ungeahnte Gegenliebe: Dadurch lernte der PJler sich im Pharma- und ICD-10-Dschungel zurechtzufinden.
Im PJ Allgemeinmedizin lernt der Studierende die wirtschaftlichen Aspekte kennen, die in einer Hausarztpraxis eine Rolle spielen. Der PJler verliert in vielerlei Hinsicht die Illusion, dass es bei den Entscheidungen, die wir tagtäglich treffen, nur um medizinische Belange geht. Er bekommt auch die Zwänge hautnah mit, denen wir wegen der Budgetierung unterliegen. Ich glaube, dies könnte das Verständnis zwischen ambulantem und stationärem Sektor verbessern, weil die PJler von heute die zukünftigen Krankenhausärzte sind.
Dr. med. Thomas Joist


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Es war eine große Bereicherung für meine medizinische Ausbildung, im PJ das Wahlfach Allgemeinmedizin belegen zu können. Selten zuvor habe ich es erlebt, dass ich so viele theoretische und praktische Fähigkeiten erlernt habe und man mich gleichzeitig zum selbstständigen Arbeiten angeleitet hat. Die Zusammenarbeit im Praxisteam war sehr kollegial. Auch die Patienten standen mir offen gegenüber. So konnte ich mein Wissen zu Diagnostik und Therapie akuter und chronischer Erkrankungen vertiefen. Besonders Hausbesuche, die Sonographie, strukturelle und ökonomische Praxisorganisation sowie die Anamneseerhebung und Gesprächsführung waren wichtige Lerninhalte. Der Einblick in eine allgemeinmedizinische Praxis stellt für mich einen obligatorischen Eckpfeiler des Medizinstudiums dar. Von den praktischen Erfahrungen könnten Studierende auch im neuen zweiten Staatsexamen („Hammerexamen“) profitieren, denn viele Fragen werden in Form von Fallbeispielen gestellt.
cand. med. Sebastian Klein

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