ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 1/2007Gesundheitsinformationen im Internet: Google Co-op

SUPPLEMENT: PRAXiS

Gesundheitsinformationen im Internet: Google Co-op

Dtsch Arztebl 2007; 104(13): [20]

Krüger-Brand, Heike E.

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Foto: Fotolia/3pod
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Die Suchmaschine Google beherrscht den Markt für Informationsrecherchen im Internet. Mit einem communityorientierten Ansatz will sich das Unternehmen jetzt auch in Spezialbereichen, wie etwa Gesundheit, profilieren.

Recherchen im Internet finden größtenteils über Suchmaschinen statt. Diese erleichtern einerseits das Finden von Informationen, bestimmen aber andererseits auch darüber, welche Informationen überhaupt und in welcher Reihenfolge angezeigt werden. „Suchmaschinenanbieter müssen sich ihrer großen Verantwortung bewusst sein. Sie entscheiden über die Hierarchisierung der Suchergebnisse und steuern die Aufmerksamkeitslenkung im Internet.“ (Suchmaschinen: Das Tor zum Netz. Hrsg.: Bündnis90/Die Grünen, www.gru ene-fraktion.de, 2005) Mehr als 87 Prozent der deutschen Surfer benutzen Google für ihre Suche (www.webhits.de/deutsch/index.shtml?/deutsch/webstats.html); die meisten von ihnen setzen dabei ausschließlich auf Google und ziehen keine weitere Suchmaschine zurate. Diese „Monokultur“ bei den Suchwerkzeugen gilt nicht nur für Deutschland, sondern Google ist inzwischen weltweit Marktführer – mit Nutzerzahlen in den einzelnen Ländern jeweils zwischen 45 bis 90 Prozent. Das Verb „googeln“ ist vierlerorts als Synonym für das Suchen im Web in den Sprachgebrauch übergegangen.
Ranking ist entscheidend
Für Diensteanbieter ist es generell sehr wichtig, im Ranking der Trefferlisten von Suchmaschinen allgemein und speziell von Google möglichst weit vorne zu stehen, denn im Durchschnitt beachten die Nutzer nur die ersten zwanzig Ergebnisse, der Rest wird ignoriert. So gelangten beispielsweise rund 90 Prozent der 107 000 Nutzer, die monatlich den Krebsinformationsdienst (KID; www.krebsinformationsdienst.de) des Deutschen Krebsforschungszentrums, Heidelberg, besuchten, über Google auf die Website, berichtete Dr. Birgit Hiller, KID, bei einem Workshop in Berlin.* Vor diesem Hintergrund bestand dringender Handlungsbedarf für die KID-Betreiber, als im Juni 2006 der Dienst bei Recherchen zum Thema Krebs bei Google plötzlich nicht mehr wie gewohnt unter den ersten zehn Treffern zu finden war, sondern weit abgeschlagen auf den hinteren Rängen auftauchte und in der Folge die Nutzer wegblieben. Nach langwieriger Ursachensuche – Fragen des KID an Google wurden nicht beantwortet – blieb nur die Vermutung übrig, dass der Absturz bei den Nutzerzahlen auf eine Veränderung der Algorithmen beziehungsweise der Bewertungsmechanismen bei Google zurückging (auf welche genau blieb jedoch unklar). Erst nachdem KID sich als Webmaster bei Google registriert, der Suchmaschine Zutritt zum KID-Webserver verschafft und zusätzlich viele Metainformationen zur Verfügung gestellt hatte, wurde die KID-Website wieder im Ranking heraufgestuft – ein Vierteljahr später.
Eine Frage der Qualität
Aufgrund der erdrückenden Marktdominanz von Google können auch seriöse, qualitätsgeprüfte Gesundheitsinformationsanbieter wie KID somit die Suchmaschine als „Gatekeeper“ zu den Informationen im Internet nicht ignorieren. Hinzu kommt: „Die Linkempfehlungen bei Krebssuchbegriffen sind durchweg nicht schlecht“, so Hiller. Qualitativ gute Empfehlungen würden bereits unter den ersten zehn Treffern gelistet. Die Expertin verwies auf eine Studie im britischen Ärzteblatt (BMJ, Vol. 333, 2. Dezember 2006, 1131), wonach Google vor allem beim Auftreten von unklaren Krankheitssymptomen bei der Diagnose hilfreich sein kann. So gelang Ärzten am Princess Alexandria Hospital in Brisbane, Australien, in 15 von 26 Fällen die richtige Diagnosestellung über die Suchmaschine, nachdem sie drei bis fünf Suchbegriffe, wie etwa die Symptome eines Patienten, eingegeben hatten (ein durchschnittlicher Allgemeinmediziner kommt auf zwölf korrekte Diagnosen).
Problematisch sind einige Verfahren, die die Suchmaschine anwendet, um unseriöse Versuche von kommerziellen Anbietern zu unterbinden, die Suchergebnisse über bestimmte Keywords (Metatags) zu beeinflussen. So straft Google es beispielsweise ab, wenn zu einem Keyword keine Entsprechung im Inhalt einer Webseite zu finden ist (auch eine Liste entsprechender Begriffe genügt dafür nicht). Für das KID ist jedoch die Verwendung falscher Schreibweisen als Keywords (wie etwa „Gebährmutterhalskrebs“) wichtig, um den Nutzern auch bei schwierigen Wörtern eine erfolgreiche Recherche zu ermöglichen. Daher habe man sich entschlossen, auch falsche Schreibweisen auf den Seiten zu integrieren, so Hiller.
Communities integrieren
Zunehmend werden spezialisierte Suchdienste wichtig, die gegebenenfalls Anfragen aus einem bestimmten Bereich, wie Reisen, Computer, Medien, besser bearbeiten können als allgemeine Suchmaschinen. Um auch diesen Trend bedienen zu können, hat Google „Google Co-op“ entwickelt. Der noch im Betastadium befindliche Dienst setze ähnlich wie Wikipedia auf die „Weisheit der Massen“, erläuterte Mathias Löbe, Universität Leipzig, indem er das Spezialwissen der Anwender (= community) nutze, um die Suche zu optimieren. Registrierte Privatpersonen, Organisationen und Unternehmen können Seiten markieren, die zu ihrem Themenbereich gehören, und so eine Experten-Linksammlung aufbauen, die sie anderen Anwendern zur Verfügung stellen. Diese können die Sammlungen abonnieren, sodass sie Suchergebnisse erhalten, bei denen die Links aus den Sammlungen mit „subscribed link“ markiert sind. Zum Start des bislang kostenfreien Dienstes hat Google mit Partnern unter anderem auch Seiten zu Gesundheitsthemen bereitgestellt. Institutionen wie das KID oder das Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem diskutieren derzeit, ob sie sich als Partner an diesem Web-Dienst beteiligen sollen. Bislang ist der Dienst nur englischsprachig. Deutschsprachige Anbieter könnten dadurch eventuell benachteiligt werden. „Wir müssen dafür sorgen, dass auch deutsche Gesundheitsinformationen gut gefunden werden“, so Hiller. Unklar ist bislang auch, wie die Qualität der Inhalte kontrolliert werden kann, denn es könnten sich auch weniger qualitätsbewusste Anbieter an dem Dienst beteiligen, ohne dass dies für den Nutzer ersichtlich ist.
Zu fragen ist auch, wie anfällig der Service für die Marktstrategien großer kommerzieller Anbieter, wie etwa Pharmaunternehmen, ist. Zwar kooperiert Google mit der Health on the Net Foundation, die den HON-Code vergibt und weltweit rund 5 500 Websites mit ihrem Gütesiegel ausgezeichnet hat (Kasten), doch bleibt die Art der Zusammenarbeit und des Datenaustausches intransparent. „Als Inhalteanbieter müssen wir uns jedoch aktiv damit auseinandersetzen, denn sonst werden wir möglicherweise von dieser Entwicklung irgendwann überrollt“, erklärte Hiller. Heike E. Krüger-Brand


*Der Workshop „Community-orientierte Bewertung von Gesundheitsinformationen im Internet bei Google Co-op Health: Neue Chancen für Informationsanbieter?“ wurde veranstaltet vom Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem (afgis) und von der Telematikplattform für Medizinische Forschungsnetze e.V. (TMF).


Initiativen zur Qualitätssicherung

Zur Qualitätssicherung von Gesundheitsinformationen im Internet haben sich verschiedene Verfahren etabliert, darunter das HON-Gütesiegel, DISCERN und das afgis-Qualitätslogo.
- Der von der Health On the Net Foundation initiierte HON-Code (www.hon.ch) ist weltweit verbreitet. Er beruht auf einer Selbstverpflichtung der Informationsanbieter, acht Grundprinzipien zur Erstellung eines Webangebots einzuhalten, das ethischen Mindeststandards entspricht. Das Gütesiegel ist jeweils für ein Jahr gültig.
- Der DISCERN-Ansatz umfasst die Bewertung einer schriftlichen Patienteninformation nach einem umfangreichen Kriterienkatalog, durchgeführt vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) und veröffentlicht unter www.patienten-information.de.
- Das afgis-Logo (www.afgis.de) basiert darauf, dass die Anbieter Zusatzinformationen über sich und ihre Inhalte zur Verfügung stellen, um diese transparent für Informationssuchende zu machen. Zur Gewährleistung dieser Transparenz hat afgis zehn Transparenzkriterien festgelegt. Diese betreffen: Anbieter, Ziel, Zweck und Zielgruppen der Information, die Autoren und die Datenquellen, die Aktualität, Möglichkeit für Rückmeldungen seitens der Nutzer, Verfahren der Qualitätssicherung, Trennung von Werbung und redaktionellem Beitrag, Finanzierung und Sponsoren, Kooperationen und Vernetzung sowie Datenverwendung und Datenschutz. Komponenten zur Umsetzung der Qualitätssicherung sind unter anderem ein internes Qualitätsmanagement, Selbstverpflichtung des Anbieters, die Bewertung durch Externe/Dritte, gesetzliche Mindeststandards und die Aufklärung des Verbrauchers.
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