ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2007Prävention von Kindesmisshandlung: Keine einfachen Lösungen

POLITIK

Prävention von Kindesmisshandlung: Keine einfachen Lösungen

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): A-921 / B-822 / C-785

Bühring, Petra

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Tod eines Neugeborenen: Das Mädchen wurde aus dem zehnten Stock dieses Hochhauses geworfen. Foto: KEYSTONE
Tod eines Neugeborenen: Das Mädchen wurde aus dem zehnten Stock dieses Hochhauses geworfen.
Foto: KEYSTONE
Regierungskoalition und FDP im Bundestag fordern in zwei Anträgen, Kinder besser zu schützen und Risikofamilien zu unterstützen.

Zuletzt erschütterte der Fall eines neugeborenen Mädchens, das in Hamburg aus dem zehnten Stock eines Hochhauses geworfen und nur noch tot geborgen werden konnte, die Gemüter. Statistisch gesehen, haben die Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung nicht zugenommen – das Thema ist aber verstärkt in die Öffentlichkeit gerückt.
Auch die Politik wird aktiv und will Kinder wirksamer vor Misshandlung schützen. Ein gemeinsamer Antrag von Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD „Gesundes Aufwachsen ermöglichen, Kinder besser schützen, Risikofamilien helfen“ (Drucksache 16/4604) und ein fast deckungsgleicher Antrag der FDP (16/4415) wurden Ende März im Deutschen Bundestag diskutiert.
Die Abgeordneten fordern die Bundesregierung dazu auf, im Rahmen des Aktionsprogramms „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“ dafür Sorge zu tragen, dass frühe, aufsuchende Hilfen für „Familien in Belastungssituationen“ entwickelt werden. Ziel dieses vom Bundesfamilienministerium entwickelten Programms ist es, Risiken für Kinder möglichst frühzeitig zu erkennen und die Erziehungskompetenz der Eltern zu verbessern. Dazu sollen das Gesundheitssystem und die Kinder- und Jugendhilfe systematisch miteinander verzahnt werden. Der Bund stellt für das Programm zehn Millionen Euro bereit. Die ersten Modellprojekte in Kooperation mit den Ländern sind bereits gestartet und werden wissenschaftlich evaluiert. So zum Beispiel „Pro Kind“ in Niedersachsen: Erstgebärende Schwangere mit sozialen Problemen, die minderjährig sind, keine Schul- oder Berufsausbildung haben oder Gewalt in der Familie erleben mussten, werden zu Hause von Hebammen und Sozialpädagoginnen begleitet.
Diana Golze, Abgeordnete der Linken, kritisierte in der Bundestagsdebatte „die massiven Kürzungen in der Kinder- und Jugendhilfe“. Den Beratungsstellen fehlten die Mittel, um qualifizierte Hilfen anzubieten. Länder und Kommunen müssten finanziell in die Lage versetzt werden, eine handlungsfähige Kinder- und Jugendhilfe vorzuhalten.
Weiter forderten die Abgeordneten Maßnahmen und Anreize, um die Teilnahme an den Kinder-Vorsorgeuntersuchungen (U 1 bis U 9) zu verbessern. Verpflichtende „Us“, wie in Entschließungsanträgen der Länder Hessen und Saarland verlangt, waren im November 2006 zunächst auf Eis gelegt worden. Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Ursula von der Leyen (CDU) ist dagegen: Pflichtvorsorge sei „kein Allheilmittel“. Drei bis vier Prozent der Kinder, vor allem aus sozialen Brennpunkten, nehmen nicht daran teil. Die Abgeordneten verlangen von der Regierung, auf ein verbindliches Einladungswesen zu den Vorsorgeuntersuchungen unter Nutzung der kommunalen Meldedaten hinzuwirken. „Der Datenschutz darf kein Argument sein, um den Schutz von Kindern zu verhindern“, betonte Kerstin Griese (SPD). Lägen Informationen darüber vor, dass ein Kind wiederholt nicht an der Vorsorge teilgenommen habe, solle der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) aufsuchend tätig werden und überprüfen, ob das Kindeswohl gefährdet sei. Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hält verbindliche Vorsorgeuntersuchungen für notwendig. Der ÖGD und die Jugendhilfe müssten jedoch finanziell und personell in die Lage versetzt werden, die Familien, die sich entziehen, aufzusuchen und Hilfe anzubieten.
Für die zügige Anpassung der Kinder-Richtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) sprachen sich die Abgeordneten ebenfalls aus. Der Unterausschuss Prävention des G-BA ist zurzeit dabei, diese mit Blick auf ein Screening auf Kindesmisshandlung sowie hinsichtlich Frequenz und psychosozialer Inhalte in den Vorsorgeuntersuchungen zu überarbeiten.
Schließlich soll die Regierung darauf hinwirken, dass in der Ausbildung der beteiligten Berufsgruppen verankert wird, Kindesmisshandlung zu erkennen und richtig zu reagieren. Die Deutsche Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und Vernachlässigung beklagte bei einer Fortbildungsveranstaltung in Kassel, dass auch Ärzte Kindesmisshandlung häufig übersehen. Verantwortlich dafür seien fehlende oder unzureichende medizinisch-diagnostische Inhalte im Studium und in der Weiterbildung. Dadurch werde die Effizienz von Vorsorgeuntersuchungen infrage gestellt.
Petra Bühring
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