ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2007Krebsfrüherkennung: Kontinuierliche wissenschaftliche Bewertung ist notwendig

THEMEN DER ZEIT

Krebsfrüherkennung: Kontinuierliche wissenschaftliche Bewertung ist notwendig

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): A-937 / B-834 / C-795

Giersiepen, Klaus; Hense, Hans-Werner; Klug, Stefanie J.; Antes, Gerd; Zeeb, Hajo

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Gerit Godlewsky/Kooperationsgemeinschaft Mammographie
Foto: Gerit Godlewsky/Kooperationsgemeinschaft Mammographie
Vor dem Hintergrund knapper werdender Ressourcen im Gesundheitswesen müssen hohe Anforderungen an Screening-Programme gestellt werden.

Seit 35 Jahren werden in Deutschland Krebsfrüherkennungsuntersuchungen im Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) angeboten. In der öffentlichen Diskussion wird der Nutzen der Früherkennung durch Formulierungen geprägt wie „Vorbeugen ist besser als Heilen“ oder „Jeder früh entdeckte Tumor ist ein Gewinn“. Dabei bleibt häufig unerwähnt, dass neben der potenziell günstigen Wirkung der Früherkennung auch Nebenwirkungen und Schäden auftreten können. Diese können durch den Test, die diagnostische Abklärung oder die Therapie bedingt sein oder durch die Aufdeckung einer Erkrankung, die ohne Früherkennung nie klinisch in Erscheinung getreten wäre (Überdiagnose).
Screening beschreibt vor allem im deutschen Sprachraum ein Programm, das durch Ansprache aller Personen einer definierten Zielgruppe, eine zentrale Koordination, eine strukturierte Organisation und Vorgaben zur Qualitätssicherung mit regelmäßiger Veröffentlichung der Ergebnisse gekennzeichnet ist. Screeningprogramme unterscheiden sich damit wesentlich vom „opportunistischen“ oder „grauen Screening“, bei dem die Initiative zur Untersuchung vom betreuenden Arzt oder der um den Test ersuchenden Person ausgeht. Bis zur Einführung des Mammographie-Screenings wurden in Deutschland alle Krebsfrüherkennungsuntersuchungen ausschließlich „opportunistisch“ angeboten.
Früherkennungsmaßnahmen richten sich an eine definierte Zielgruppe in der Bevölkerung. Der Test soll diejenigen identifizieren, die von weiteren Untersuchungen oder Behandlungen profitieren. Screeningtests allein sind selten geeignet, eine verbindliche Diagnose zu stellen. Es werden Personen mit einem begründeten Krankheitsverdacht ermittelt, bei denen weitere Untersuchungen indiziert sind.
Krebs-Screeningprogramme haben folgende Ziele:
- Senkung der Krebsmortalität
- sofern möglich, soll neben der Mortalität auch die Inzidenz gesenkt werden
- Senkung der Gesamtmortalität
- Verbesserung der Lebensqualität
Bevor über ein bevölkerungsweites Screeningprogramm nachgedacht wird, sollte ein evidenzbasierter Kriterienkatalog aufgestellt werden, zum Beispiel vergleichbar dem des UK National Screening Committee (www.nsc.uk/pdfs/criteria.pdf). Vor der Einführung eines Krebsfrüherkennungsprogramms sollte die wissenschaftliche Evidenz für eine Mortalitätssenkung durch Screening in randomisierten Studien belegt worden sein. Bei einigen Zielerkrankungen – zum Beispiel dem Kolon- und dem Zervixkarzinom – sollte dieser Nachweis auch die hier mögliche Verminderung der invasiven Krebsneuerkrankungen einbeziehen. Der Einfluss des Screeningprogramms auf die Lebensqualität sollte zumindest auf Stichprobenbasis gemessen werden. Wenn diese Belege fehlen oder aus ethischen beziehungsweise pragmatischen Gründen die Durchführung einer randomisierten Studie nicht (mehr) möglich ist, wird eine kritische Evaluation der Evidenz durch international besetzte Expertengremien empfohlen.
Nach der Einführung eines Screeningprogramms ist die kontinuierliche wissenschaftliche Bewertung der kompletten Untersuchungskette vom Test über die Therapie oder andere Interventionen bis hin zur Todesursache essenziell. Es muss dabei ersichtlich werden, dass der gewünschte Nutzen erreicht wird. Die Bewertung muss die gesamte Screening-Kette umfassen. Eine Nachverfolgung der Zielpopulation bis zur Ermittlung der Todesursache muss möglich sein, nur so kann das angestrebte Ziel der Mortalitätssenkung auch untersucht und belegt werden. Relevante Aussagen sind nur möglich mit flächendeckenden bevölkerungsbezogenen Krebsregistern.
Typische Prozessparameter, wie Verschiebungen zu günstigeren Tumorstadien zum Diagnosezeitpunkt, sind als Hinweis für die Effektivität zu deuten. Sie sind jedoch nur Charakteristika der ersten Stufe und reichen als Beleg für die angestrebte Minderung der Sterblichkeit nicht aus. Im Fokus der Evaluation dürfen deshalb nicht nur Prozessparameter stehen. Die Teilnehmer am Screening-Programm sollten zielgerichtet, spezifisch und sprachlich angemessen, neutral und evidenzbasiert über Sinn und Durchführung des Screenings informiert werden. Neben der Erläuterung der Wirksamkeit müssen auch die möglichen Nachteile aufgezeigt werden.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund abnehmender Ressourcen im Gesundheitswesen müssen hohe Qualitätsanforderungen an Screening-Programme gestellt werden, um einen sinnvollen und ethisch zu rechtfertigenden Mitteleinsatz zu begründen. „Graue“ oder „opportunistische“ Screenings sind als unstrukturierte Maßnahmen abzulehnen, da sich Nutzen und Schäden hier nicht beurteilen lassen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2007; 104(14): A 937–8

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Klaus Giersiepen, MPH
Bremer Institut für Präventionsforschung
und Sozialmedizin (BIPS)
Linzer Straße 10, 28359 Bremen
E-Mail: giersiep@bips.uni-bremen.de


Positionspapier

Mitglieder der „Arbeitsgruppe Krebsepidemiologie“ in der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie und des Deutschen Cochrane-Zentrums haben ein Positionspapier zu Krebsfrüherkennungsmaßnahmen in der „Zeitschrift für ärztliche Fortbildung und Qualitätssicherung“ (ZaeFQ 1/2007) veröffentlicht. Es ist im Internet abrufbar unter: www.elsevier.de/zaefq.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema