ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2007Aufbau eines Darmzentrums: Großer Aufwand, große Wirkung

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Aufbau eines Darmzentrums: Großer Aufwand, große Wirkung

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): A-944 / B-838 / C-799

Klötzer, Jörg-Peter; Hutmacher, Peter; Griga, Thomas

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Die Patienten werden in einem interdisziplinären Netzwerk behandelt. Foto: Mauritius Images
Die Patienten werden in einem interdisziplinären Netzwerk behandelt. Foto: Mauritius Images
Ein Projektbericht aus dem Knappschaftskrankenhaus Dortmund

Die Krankenhauslandschaft verändert sich. Der Trend geht in Richtung Fokussierung von medizinischen Dienstleistungen, zum Beispiel in Form von Organzentren. Ausgewählte Erkrankungen sollen/dürfen zukünftig nicht mehr von jedem Krankenhaus erbracht werden, sondern sind bestimmten Kompetenz(Organ)-Zentren vorbehalten. Gleichzeitig soll medizinische Behandlung in ihrer Qualität nachvollziehbar und transparenter dargestellt werden.
Die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) hat es sich zum Ziel gemacht, „. . . die Entstehung von onkologischen Zentren mit einem festgelegten qualitativen Anspruch auf freiwilliger Basis zu fördern und somit die Versorgung von Patientinnen zu verbessern“. Hierzu wurden von den medizinischen Fachgesellschaften spezifische Anforderungen – unter Berücksichtigung geltender medizinischer Leitlinien – an Onkologische Zentren für Brust- und Darmkrebs festgelegt. Angestrebt wird, die Patienten ganzheitlich, in allen Phasen der Erkrankung, in einem interdisziplinären Netzwerk zu behandeln und so die Versorgungsqualität maximal zu steigern.
In der Zeit von März 2006 bis zum 12. Oktober 2006 beteiligte sich das Knappschaftskrankenhaus Dortmund als Pilotklinik am Qualitätszertifizierungsverfahren für Darmzentren nach den Vorgaben der DKG. Die Maßnahmen zur Etablierung eines Darmzentrums wurden seit dem Oktober 2005 intensiv vorangetrieben. An dem Projekt beteiligten sich im Krankenhaus die Kliniken für Chirurgie mit dem Schwerpunkt Viszeralchirurgie, die Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Gastroenterologie, die Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie, die Klinik für Radiologie und die interdisziplinäre onkologische Station. Die konsequente Durchführung der zweimal wöchentlich stattfindenden Tumorkonferenz bildete die Basis für die Festlegung der Therapie nach der S3-Leitlinie zum kolorektalen Karzinom.
Festlegung von spezifischen klinischen Behandlungspfaden
Die Anforderungen des Erhebungsbogens für Darmzentren der DKG wurden in einzelnen Arbeitsgruppen fachspezifisch erarbeitet und durch Anwendung der prozessualen Darstellung abgebildet. Das medizinische als auch das systemische Leistungsspektrum des Darmzentrums wird in elektronischer Form als Handbuch mithilfe der Viflow-Software (ViCon GmbH) erstellt. Die Prozessabläufe wurden in einer Visio-Oberfläche dargestellt, die hinterlegten Informationen in einer accessbasierten Datenbank gespeichert.
Es gibt keine papierbasierten Handbücher mehr. Die jeweils aktuelle und gültige Version des Managementhandbuches wurde im Intranet als sogenanntes Webmodel an jedem Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt. Einzige benötigte Software hierzu ist ein Internet-Explorer von Windows (alternativ kann ein sogenannter WebModel Viewer kostenfrei aus dem Internet geladen werden). Arbeitsplätze mit angeschlossenem Drucker haben zusätzlich die Möglichkeit, alle benötigten Dokumente vor Ort auszudrucken.
Die Aktualisierung sämtlicher abgebildeten Prozesse, der verwendeten Dokumente in Form von etwa Formularen, Arbeitsanweisungen, Verfahrensanweisungen kann zentral an einer Stelle gepflegt und durchgeführt werden. Das lästige Ersetzen einzelner Qualitätsmanagement-Handbuchseiten in Ordnern auf den einzelnen Stationen entfällt somit.
Nach der Durchführung einer Ist-Analyse anhand des Erhebungsbogens der DKG wurde der weitere Projektplan festgelegt. Die Anforderungen wurden in drei thematische Gebiete unterteilt:
1. Bereich der medizinischen Kernkompetenz,
2. Bereich der Management- und Führungsprozesse und
3. Bereich der Supportprozesse.
In einzelnen Arbeitsgruppen wurden die medizinischen und systemischen Abläufe erarbeitet, interdisziplinär abgestimmt und in Prozessen abgebildet.
Ein wesentlicher Schritt zur Optimierung der Behandlungsabläufe war die Festlegung von spezifischen klinischen Behandlungspfaden, in denen alle Leistungen eingebettet wurden. Als Beispiel ist an dieser Stelle der Behandlungspfad „OP bei kolorektalem Karzinom“ zu nennen. Über diesen Pfad erfolgte die leitlinienorientierte Steuerung des Behandlungsprozesses. Hier sind neben den medizinischen und pflegerischen Leistungen auch Leistungen hinterlegt, die den weiteren Betreuungsprozess unterstützen, wie zum Beispiel die Festlegung, wann, an welchem Tag die Psychoonkologie eingebunden, die Patienten hinsichtlich der Selbsthilfegruppe informiert werden oder die Stomatherapeuten einzubinden sind.
Die Festlegung der einzelnen Prozessschritte pro Tag gewährleistet, dass alle Leistungen standardisiert erfolgen oder fakultativ Leistungen hinzugenommen werden. Um in der praktischen Anwendung die Akzeptanz der Anwender zu erhöhen, wurde bewusst auf das Erstellen „überdimensionierter Prozesse“ verzichtet. Der wesentliche Ablauf wird in der grafischen Oberfläche abgebildet, jedoch sollte eine Prozessdarstellung in der Anwendung auf einer Bildschirmfläche eines Computermonitors gut ansehbar sein. Die detaillierteren Ablaufbeschreibungen sind in Form von Einzeldokumenten an den einzelnen Prozessschritten hinterlegt. Hier ergibt sich der Vorteil einer zentralen Pflege- und Aktualisierungsmöglichkeit.
Ein deutliches Plus
bei den Fallzahlen
Im Verlauf des Projektes wurden alle Anforderungen des Erhebungsbogens systematisch bearbeitet. Es wurde eine eigene Organisationsstruktur „Darmzentrum“ inklusive eines Vorstandes geschaffen. Niedergelassene Ärzte und Dienstleister wurden mittels Kooperationsverträgen an das Darmzentrum angeschlossen und in die Behandlungsabläufe integriert. In einer hoch motivierten und konzentrierten Atmosphäre ist es in sehr kurzer Zeit gelungen, das Darmzentrum zum Leben zu erwecken. Ohne den erklärten Willen aller Beteiligten, insbesondere der Chefärzte, wäre dies so nicht möglich gewesen.
Neben der zweifelsfrei angefallenen Mehrarbeit und den entstandenen Kosten ist jedoch bereits zum jetzigen Zeitpunkt der Erfolg des Projektes „Darmzentrum“ an mehreren Parametern objektivierbar:
- Alle beteiligten Kliniken im Darmzentrum konnten hinsichtlich der Fallzahlen ein deutliches Plus verbuchen (Grafik).
- Die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Qualität des Gesamtprozesses hat deutlich zugenommen.
- Die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern wurde um ein Vielfaches intensiver, mit positivem Einfluss auf die Einweisungszahlen.
- Die Standortsicherung des Krankenhauses wurde durch positive Entwicklungen aus dem Aufbau des Darmzentrums gefestigt.
Der Aufwand, innerhalb einer kurzen Zeitspanne ein zertifiziertes Darmzentrum aufzubauen, war gewaltig und das Ziel nur dadurch zu erreichen, dass alle Beteiligten diesen Weg gemeinsam gehen wollten. Nur durch die intensive und interprofessionelle Zusammenarbeit konnte die Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität in einem überschaubaren Zeitrahmen weiter optimiert werden.
Für das Knappschaftskrankenhaus hat der Erfolg den Aufwand schon jetzt gerechtfertigt, da sowohl die Behandlungszahlen deutlich steigen als auch die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern Synergieeffekte in angrenzenden Bereichen aufzeigen. Im Hinblick auf eine weitere Spezialisierung bietet dieser Weg eine sehr gute Grundlage zur Weiterentwicklung von Organzentren, weil nun sowohl die Softwareprodukte als auch das notwendige Fachwissen vorliegen.
zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2007; 104(14): A 944–5
Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Jörg-Peter Klötzer
Ärztlicher Leiter Qualitätsmanagement
Facharzt für Chirurgie
Ärztliches Qualitätsmanagement
GSG Consulting GmbH
Fallgatter 3, 44369 Dortmund
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