ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2007Rationierung: Volkswirtschaftliche Dummheit
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„Wie reagiert man als Arzt mit volkswirtschaftlichen Kenntnissen auf diesen Artikel?“, habe ich mich gefragt. Dabei fiel mir ein Kernsatz eines Bankers auf der Investorentagung „Health 2002“ in Berlin ein, dass soziale Bedürftigkeit ein nicht vom Markt zu nehmender Nachfragegigant sei, was jeden Investor hellhörig werden lassen solle. Was steckt hinter dieser Aussage, und wie steht sie mit dem Artikel in Verbindung?
Der Fortschritt des Gesundheits„marktes“ wird getrieben von der Rendite, nicht von der Suche nach menschheitsbeglückenden Möglichkeiten . . . Die GKV wird ausschließlich aus der Lohnsumme derjenigen finanziert, die nach Abzug von Steuern und Kapitalertrag entlohnt werden. Ihre Beiträge ersetzen aber Endverbraucherpreise. Der Patient ist demnach nicht nur König Kunde, sondern auch Steuerzahler gegenüber dem Staat sowie Schuldner gegenüber allen Investoren (Rendite) . . . Auf diesem Wege fließen von den 140 Milliarden Euro GKV-Summe ca. 18 Milliarden Euro ins Steuersäckel, ca. 55 Milliarden Euro ins Pfeffersäckel. Den verbleibenden Rest teilen sich jene Menschen, die für das Gesundheitswesen (noch) arbeiten. Preise im Gesundheitswesen werden analog der Entwicklung des BIP kalkuliert, Beitragsbasis zur GKV ist aber das BIP minus Kapitalertrag und Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze.
Wer so etwas konstruiert, wundert sich nach einigen Jahrzehnten. Das Ganze hat nichts mit Ethik, auch nichts mit zu wenig Geld zu tun, es ist schlicht eine volkswirtschaftliche Dummheit . . . Der Anteil der GKV am BIP ist seit 40 Jahren konstant sechs Prozent, er ist real mit dem BIP mitgewachsen, und zwar linear. Der Anteil des Kapitalertrags am BIP ist exponentiell gewachsen – er explodiert . . . Wer aus dem Gesundheitswesen immer mehr Milliarden als Kapitalertrag herausholen will – z. B. durch Privatisierung –, sollte sich nicht in Ethikdiskussionen ergießen. Das ist einfach unfruchtbar. Dieses System geht über Leichen, vorher aber werden die Lebenden nach Renditechancen abgeklopft . . .
Dr. med. Dieter Petschow, Am Kielenkamp 35, 30855 Langenhagen
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