ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2007Filmkritik: Im Bann des Menschenfängers

KULTUR

Filmkritik: Im Bann des Menschenfängers

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): A-969 / B-862 / C-823

Osterloh, Falk

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Fotos: 20th Century Fox
Fotos: 20th Century Fox
In „Der letzte König von Schottland“ verfängt sich ein schottischer Arzt im Netz des brutalen Diktators von Uganda, Idi Amin.

Schottland, 1970. Nicholas Garrigan hat sein Medizinstudium erfolgreich beendet, und nichts hält ihn mehr in seinem erzkonservativen Elternhaus. Die ganze Welt steht ihm offen, und so dreht er mit dem beleuchteten Tischglobus auch sein Schicksalsrad, um dem Zufall die Wahl zu überlassen. Der Finger stoppt den Globus auf Uganda. Ebenso furchtlos wie unbekümmert reist er in das afrikanische Land, um in einer Urwaldstation die Menschen medizinisch zu versorgen. Doch Garrigan kommt in stürmischen Zeiten. General Idi Amin hat den Auslandsbesuch von Präsident Obote genutzt, um sich an die Macht zu putschen. Garrigan sieht Idi Amin, als er vor den Menschen spricht, ihnen eine bessere Infrastruktur, ein besseres Leben verspricht. Die Menschen jubeln ihm zu, vertrauen seinen Worten. Und mit ihnen Garrigan.
Ein Unfall des Präsidenten bringt die beiden Männer zusammen. Der neue Machthaber ist beeindruckt von Garrigans Mut. So macht er ihn zu seinem Leibarzt. Der junge Schotte erlebt den verführerischen Luxus Afrikas, sonnt sich im Vertrauen seines mächtigen Gönners und schlägt alle Warnungen britischer Diplomaten in den Wind. Erst als die Launen des Präsidenten immer grotesker werden, erst als der Ge­sund­heits­mi­nis­ter des Landes spurlos verschwindet, beginnt Garrigan zu begreifen, wessen Handlanger er geworden ist.
Während der Diktatur von Idi Amin wurden mehr als 300 000 Menschen getötet. Schon bald nach dem Putsch wurden alle politischen Parteien verboten, Intellektuelle und Oppositionelle verschwanden. Weil es für die Ermordeten nicht genügend Gräber gab, wurden sie den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen. In seinem Film „Der letzte König von Schottland“ versucht der Regisseur Kevin Macdonald, sich dem Menschen Idi Amin zu nähern. Weder das monströse Ausmaß seiner Taten noch deren geschichtliche Einordnung stehen dabei im Mittelpunkt, sondern die Facetten eines Charakters, der zwischen bedrohlicher Herzlichkeit und paranoider Impulsivität schwankt und dessen Taten keine Grenzen als den eigenen Größenwahn kennen. Der fiktive Charakter des schottischen Arztes Garrigan dient dabei als Zugang, über den sich der Zuschauer der Figur Idi Amins annähert. Die Oscar-prämierte Charakterisierung des ugandischen Diktators durch Forest Whitaker ist dabei physisch wie emotional in hohem Maß glaubwürdig.
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Anhand der Figur des beherzten und doch naiven Garrigan wird nachvollziehbar, wie die Mechanismen von Macht und Abhängigkeit in einer Gewaltherrschaft funktionieren. Mehr noch als ein Psychogramm Idi Amins ist „Der letzte König von Schottland“ daher ein Film über das Innenleben einer Diktatur, bei der aus Mitläufern Täter werden. Dem ehemaligen Dokumentarfilmer Macdonald gelingt es, die Stimmung im Uganda der 1970er-Jahre durch rastlose Bilderfolgen und dramatische Rhythmen vor der Kulisse Afrikas zum Leben zu erwecken. Und während sich der Film zunehmend auf die Rolle Garrigans konzentriert – und dabei den politischen Impetus ein wenig aus den Augen verliert – entwickelt sich „Der letzte König von Schottland“ zusehends zu einem atmosphärisch dichten Politthriller. Falk Osterloh

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