ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2007Arztgeschichte: Die Illusion, ein Engel zu sein

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Die Illusion, ein Engel zu sein

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): [80]

Mayr, Thomas M.

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Zeichnungen: Elke Steiner
Zeichnungen: Elke Steiner
„Sie war Kind geblieben, gutmütig, Ende 30 – und lebte schon im Paradies.“

I ch war Assistenzarzt in einem großen Landeskrankenhaus für Psychiatrie und träumte davon, wie ein Hirte Zeit zu haben: Zeit für die kleinen Dinge im Leben wie auch für jedes einzelne der mir anvertrauten Schafe. Doch ich fühlte mich stattdessen wie ein Hund, der um eine unruhige Herde kreist, um sie zusammenzuhalten. Ich hatte die Station morgens kaum betreten, als schon alles und jeder mich bedrängte. Die Pfleger suchten einen Papa, einen Rudelführer, Sündenbock, Blitzableiter, einen Schäferhund und anderes mehr. Die Patienten suchten einen gütigen Vater oder auch strafenden Vater; und mein Chef suchte mich und mein Oberarzt und ebenso die Kollegen. Und ich wollte ja auch gefunden werden.
Gerade hatte ich mich verspätet zur Mittagspause auf mein Arztzimmer zurückgezogen, da stürzte eine Stationsschwester zur Tür herein: „Herr Doktor, kommen Sie so schnell Sie können!“ Sie ist leicht kurzatmig, der Kopf erhitzt, die Hände fahrig. „Die Agnes ist zusammengebrochen und liegt bewusstlos im Stationszimmer!“ Wir rennen los. Ich halte dabei mit beiden Händen meine Kitteltaschen fest, in denen Reflexhammer, Stethoskop und viele weitere so wichtige medizinische Utensilien gefährlich ins Hüpfen geraten.
Agnes liegt regungslos mit blitzblau angelaufenem Gesicht auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Mein Puls springt umher wie Rumpelstilzchen. Ich verkneife mir den Spruch, man möge einen Doktor rufen, ich sei doch Psychiater. Ich reiße mich am Riemen, rufe nach Tubus und Ruben-Beutel, schiebe ihr den Kopf in den Nacken, öffne ihr den Mund. „Atemwege frei halten!“ fällt mir ein; immerhin. Beherzt stecke ich ihr meinen Finger in den Mund – und ertaste staunend ein Stück Fleischwurst. Raus damit! Ich wiederhole das und fördere Stück für Stück fast einen halben Kringel zutage. Langsam werde ich ruhiger, mache mir dann aber Gedanken um meinen Finger; nicht, dass sie den als Wurstersatz nähme; das hatte ich im Studium gelernt. Tatsächlich setzte plötzlich ein Schnappen ein – allerdings nach Luft. Ihr Gesicht wurde zunehmend rosig, während sich die Atmung normalisierte.
Ihren Namen habe ich vergessen. Sie hieß für uns alle nur die Agnes, und sie wollte auch nur so genannt werden. Sie war eine fromme Frau, die gerne aß und immer um einen Nachschlag bat. Sie war Kind geblieben, gutmütig, Ende 30 – und lebte schon im Paradies. Zwar hatte man mehrfach mit Medikamenten versucht, sie daraus zu vertreiben, doch stets waren ihre Engel wiedergekehrt und hatten sie zurückgebracht. Sie stand denn auch bald wieder auf eigenen Füßen, und es schien, als wäre es nie anders gewesen.
Ich will nicht verhehlen, dass ich der Hektik des restlichen Tages weit besser gewachsen war als sonst und einige Zentimeter über dem Boden schwebte. Als ich die Klinik am Abend verließ, färbte die Sonne das Firmament purpur und orange. Die Erde roch frisch, als habe sie gerade geduscht. Am nächsten Tag traf ich Agnes bei meiner Visite wieder. Ich war gespannt zu erfahren, wie sie ihre Wiederauferstehung erlebt hatte, was sie erinnerte, und – zugegebenermaßen – welche Rolle ich dabei spielte. Sie blickte durch mich hindurch und erzählte mir von den Engeln, die sie sähe und die zu ihr sprächen, und wie gut es ihr damit ginge. Ich freute mich für sie und fragte mich, ob sie auch mich damit meinte. Noch immer hoffte ich, sie würde mir zumindest die Hand drücken und ihren Retter mit großen Augen tief anschauen. Es dauerte etwas, bis ich zu begreifen begann, dass all dies für Engel keine Rolle spielt.
Thomas M. Mayr
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