ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 1/2007British Columbia: Die heimliche Rückkehr des Raben

SUPPLEMENT: Reisemagazin

British Columbia: Die heimliche Rückkehr des Raben

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): [4]

Sobik, Helge

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LNSLNS Queen Charlotte Islands: unterwegs auf den vergessenen Inseln der Haida-Indianer

Wenn man leise ist und in die Stille horcht, kann man ihre Trommeln noch hören. Wenn man ganz genau hinschaut, kann man sie manchmal noch tanzen sehen. Die Bäume, das Wasser der Bäche, die Luft, der Himmel – all das hat ihre Geräusche konserviert, ihre Schritte festgehalten. Tow Hill am Nordzipfel der Queen Charlotte Islands ist seit Jahrhunderten ein spiritueller Ort der Haida-Indianer. Ein Ort der Geheimnisse mitten im jahrtausende alten Märchenwald. An diesem Morgen schwingt dort ein Weißkopfseeadler auf. Er hat auf der Bruchstelle eines Baumstammes gehockt, zieht steil in den Himmel und anschließend in einer Westkurve Richtung McIntyre Bay davon.
„Der Seeadler war schon immer da“, sagt Uncle Watson später. „Nur der Rabe ist noch älter, denn er hat die Welt erschaffen.“ Der 95-Jährige ist einer der Häuptlinge der Haida. Er kennt ihre Ursprünge, ihre Mythologie, all ihre Geheimnisse. Und so freundlich und verbindlich er ist, so wenig gibt er preis. „Die Geschichte erzählen, wie alles begann? Ich kann es nicht. Ich habe sie vergessen“, sagt er, während seine linke Hand auf dem Reifen und die rechte auf der Armlehne seines Rollstuhls ruht.
Die einst kriegerischen Haida, Schrecken vieler anderer Indianerstämme entlang der Küste British Columbias, zählen zu den noch immer verschlossensten First Nations. Watson wird die Geschichte nicht vergessen haben. Er hat sie im Laufe seines Lebens viele Hundert Mal den jüngeren Stammesbrüdern erzählt. Und er hat vor drei Jahren hoch betagt seinen Highschool-Abschluss gemacht. „Früher war ich Fischer und hatte keine Zeit dafür. Jetzt habe ich viel Zeit und konnte plötzlich zur Schule gehen.“ Auf das Diplom ist er sehr stolz. Das ist es, wovon er Besuchern als erstes erzählt.
„Es galt nicht als schick, Indianer zu sein. Sie haben dich erzogen, es zu verleugnen. Sie wollten, dass du deine Wurzeln vergisst.“ Claude Jones, First Nation vom Stamme der Haida
„Es galt nicht als schick, Indianer zu sein. Sie haben dich erzogen, es zu verleugnen. Sie wollten, dass du deine Wurzeln vergisst.“
Claude Jones, First Nation vom Stamme der Haida
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Die Gegend ist leer, auf der Südinsel Moresby mehr noch als auf der Nordinsel Graham Island. Nur am Fähranleger ist ein paarmal am Tag etwas los: Mal sind es drei, mal zwölf Geländewagen, manchmal sind ein, zwei Laster dazwischen, und morgens steht auch der Schulbus an. Sie alle warten darauf, von der Nord- auf die Südinsel oder in umgekehrter Richtung übergesetzt zu werden. Rund 700 Haida leben in Skidegate, weitere 700 in Old Masset ganz oben im Norden, dazu knapp dreieinhalbtausend Zugezogene – Forstarbeiter, ein paar Fischer, der Tierarzt, die Leute vom Supermarkt. Fast alle leben sie auf der Nordinsel. Auf der Südinsel sind weniger als 500 Menschen zu Hause.
Der Märchenwald im äußersten Norden bei Tow Hill sieht so unwirklich aus, als hätte ihn ein Kulissenbauer für die
Haida erschaffen. Es ist der Wald, in dem die Geister wohnen. Ein mystischer Ort, der die Seele auflädt. Einer, von dem es keine wirklich zutreffende Karte gibt. Ein Zipfel Land, dessen Netz aus Pfaden nur die Einheimischen kennen und durch das nur eine einzige Straße führt.
Mitten im Wald steht ein Haus aus fast verwittertem grauem Holz. Es ist so stark umwuchert, dass kaum mehr Tageslicht durch die Fenster ins Innere dringen kann, und auch das „Bakery“-Schild vor der Tür muss immer wieder vom wuchernden Grün befreit werden. Offenbar gibt es Leute, die die mindestens 19 Kilometer aus dem nächsten Ort bis hier herausfahren, um ihr Brot zu kaufen oder Bananen-Muffins für zwei Dollar fünfzig zu erstehen. Aus dem Nichts tauchen an diesem Morgen durchnässte Wanderer auf, Hippies, die auf eine Kanne Tee Station machen.
„Unser Land lockt eine Menge merkwürdiger Gestalten an“, sagt Vince Collinson, der selber Haida ist und das Wirtschaftsförderungsbüro des nördlichen Reservats in Old Masset leitet. „Sie laufen barfuß durch den Wald und suchen ihr Ich. Sie wollen die spirituelle Kraft von Haida Gwaii spüren und jagen nach etwas, das uns gehört.“ Die Indianer lehnen es ab, von den Queen-Charlotte-Inseln zu sprechen. Der Name kam mit den weißen Siedlern hier an. Es ist der Name derer, die sie von ihrem Land vertrieben und in Reservate gedrängt haben. „Die Inseln sind Haida Gwaii“, sagt Vince. „Und sie sind das Zentrum des Universums.“
Die Arbeitslosenquote im Reservat liegt bei 80 Prozent, das größte Problem ist der Alkohol, und trotzdem freut Vince sich nicht über die spirituellen Ferien-Fährtensucher im Wald, die Geld und Arbeit nach Old Masset bringen könnten. Sie scheinen ihn vielmehr zu stören. Fast alles scheint ihn zu stören. Er gehört nicht zu den Leuten, die wie die Stadtindianer Vancouvers das Beste aus der neuen Zeit zu machen versuchen und um Verständnis und Freundschaft werben. Vince’ Zukunft ist die Vergangenheit.
Er hat große Pläne, will ein Krankenhaus bauen, ein Museum, einen Souvenirshop und versucht, die Gelder dafür einzuwerben. Gerade erst hat er Völkerkundemuseen rund um den Globus angeschrieben und fordert die Rückgabe aller Ausstellungsstücke über Haida-Indianer: der Totempfähle, der Masken, der Gebrauchsgegenstände. Vince ist der Kopf der sogenannten Re-Patriierungskommission für Kulturgüter der Haida. „Was in den Museen steht, ist uns gestohlen worden. Es gehört uns. Es gehört hierher. Nirgendwo anders hin. Niemand anderem.“
Wahrscheinlich hat er damit sogar recht und verkennt doch völlig, dass Museen in Vancouver, in Hamburg oder Berlin die Artefakte nicht im Rummelplatz-Amüsierbudenstil dem Spott preisgeben, sondern Interesse und Verständnis für eine vom Untergang bedrohte Kultur wecken. Vince ist so sehr Haida, dass er sich weigert, die Welt um sich herum wahrzunehmen. In Old Masset steht er mit dieser Haltung nicht allein da, doch 110 Kilometer weiter südlich schütteln die Haida aus Skidegate den Kopf darüber. Sie sind erheblich offener, freuen sich wie Uncle Watson über das Interesse der wenigen Fremden, die die umständliche Anreise auf die Pazifikinseln auf sich nehmen. „Oben in Masset“, erzählen sie hinter vorgehaltener Hand und nehmen ihre verbitterten Stammesbrüder gleichzeitig in Schutz, „ist das Leben immer schon rauer gewesen. Dort haben sie den kalten Wind, die aufgewühlte See, den meisten Regen. Bei uns ist es milder. Wir nehmen die Dinge leichter, weil unser Leben leichter ist.“ Der Rabe hat es gut gemeint, als er Skidegate erschuf.
Abseits des einen Highways, der Queen Charlotte City im Süden über Skidegate mit Masset und Old Masset im Norden verbindet, gibt es nichts als Geröllpisten und Forstwirtschaftswege ohne Ausschilderung. Es gibt kein Netz für Mobiltelefone. Die wenigen Orte wirken wie hingewürfelt, ohne Zentrum, ohne Einkaufsstraße, ohne Fast-Food-Imbiss, mit nur einer einzigen Ampel. Irgendwie gibt es dort trotzdem alles, und alles ist irgendwo – man muss nur wissen, wo. Weißkopfseeadler sind im Straßenbild fast so zahlreich wie die Tauben in Europa: Sie hocken auf den Masten der Fischerboote im Hafen, auf den Stegen, auf den Dachfirsten, auf den Strommasten, im Gras am Straßenrand, und sie flattern nicht einmal auf, wenn ein Auto vorbeifährt.
Im Sand an der Mündung des Tlell River prangen an diesem Morgen frische Abdrücke von Bärentatzen. Berge von Treibholz türmen sich am Rand der Dünen, bügeln den Strandhafer, bis die nächste Flut gemeinsam mit dem nächsten Sturm die vom Meersalz weiß gewaschenen Stämme neu sortiert. Draußen vor der Küste kämpft sich die Fähre aus der Festlandstadt Prince Rupert durch den fast immerwährenden Sturm. Sieben Stunden braucht sie für die wenig mehr als 100 Kilometer der Meerenge. Die Hecate Strait, die die Ostküste der Queen Charlottes vom Festland trennt, ist meist windgepeitscht. In Sichtweite der Küstenstraße prusten Wale ihre Fontänen in den Himmel.
Uncle Watson hat unzählige von ihnen aus nächster Nähe gesehen, wenn er mit dem Fischerboot auf dem Ozean unterwegs war: „Sie kommen aus Mexiko, wandern im Frühling nach Alaska und kehren im Spätsommer wieder um. Zweimal im Jahr sind sie hier. Und manche bleiben.“ Er kommt näher an den Tisch, nimmt einen Schluck Tee und einen Bissen von seiner Oktopusfrikadelle, danach ein Stück gebackenen Sockeye-Lachs. Um die Mittagszeit versammelt sich das Wissen der Haida im Seniorenzentrum: Die Alten kommen zusammen, essen traditionelle Speisen, reden von damals, als es noch mehr Kanus gab, mehr Fischerboote, mehr Tänze. Als Adler und Rabe ihnen noch näher waren.
Die Alten erinnern sich an Zeiten, als es die 110 Kilometer Asphalt auf Graham Island noch nicht gab und sie als Nomaden über die Inseln zogen. Sie erinnern sich an die Tänze und Gesänge ihrer Eltern und daran, dass all das irgendwann verboten war. Claude Jones aus Old Masset wurde damals in ein Internat aufs Festland geschickt, spielte in einer Marschmusikband, ging in Prince Rupert ins Kino, sah die Western, in denen die Indianer immer die Bösen, immer die Verlierer waren und nahm es hin: „Es galt nicht als schick, Indianer zu sein. Sie haben dich erzogen, es zu verleugnen. Sie wollten, dass du deine Wurzeln vergisst.“
Claudes Vergangenheit steht gerahmt und in SchwarzWeiß auf seinem Wohnzimmerschrank: ein über 100 Jahre altes Familienfoto. Er wischt den Staub vom Glas, zeigt, wer seine Mutter, wer sein Vater, wer sein Onkel ist. Die Rückbesinnung auf die eigene Kultur ist keine 20 Jahre alt. Damals war Claude bereits Pensionär. Er hat den neuen Anschluss ans Damals nicht mehr geschafft: „Was unsere jungen Leute heute singen und tanzen, ist nicht meine Musik. Ich bin nicht damit aufgewachsen. Ich kannte diese Musik nur noch vom Hörensagen. Die Jungen halten die Haida-Kultur nicht am Leben. Sie bringen sie zurück, denn sie war tot.“ Die Geschichte vom Raben? Ja, die kannte er wohl. Jetzt hat er sie vergessen. „Sie haben bei mir gründliche Arbeit geleistet.“ Die Erzieher, die Missionare. Ob er Christ sei? Er lacht. „Ja“, sagt er irgendwann und zeigt durchs Fenster auf den erst ein paar Jahre alten Totempfahl vor seinem Haus. Claude wohnt in der Raven Avenue. Wie könnte er da den Raben vergessen? Er hat es nicht. Aber er hat sein Leben lang geübt, den Raben zu verleugnen und nichts, gar nichts preiszugeben, wenn Fremde danach fragen.
Der alte Mann zählt zu dem einen Prozent der Haida, die ihre eigene Sprache noch fließend sprechen. „Aber ich tue es nicht“, sagt er, lacht wieder und stellt das Schwarz-Weiß-Foto zurück auf den Schrank. Vince hatte ihn gefragt, ob er an der Chief-Matthews-Grundschule „Haida“ unterrichten wolle, damit die Kinder die Wurzeln nicht vergessen. Claude hat abgelehnt. Er habe mit dem Indianerkram nichts am Hut, hat er gesagt. Außerdem habe er das meiste ohnehin vergessen.
Zwei Freiwillige für den Schulunterricht fanden sich dennoch. Die 82-jährige Ethel ist eine von ihnen. Sie tut es für die Kinder. Wie lange sie nun schon unterrichtet? „Ein paar Jahre.“ Seit wann die Haida ihre Kultur wiederentdecken? „Seit einiger Zeit.“ Wie es in Masset aussah, als sie klein war? „Ich weiß es nicht mehr genau.“ Zu einer Aussage ringt sie sich doch durch: „Ich kann nicht nur die Sprache unterrichten. Ich muss ihnen alles beibringen. Auch die Kultur. Die Tradition. Ich unterrichte die Kinder sogar in Beerensammeln.“ Sie blickt auf die Tafel, kaut eine Mohrrübe. Und schweigt.
Ben Roberts stammt aus Skidegate, hat jahrzehntelang nicht auf Haida Gwaii gelebt, ist erst nach der Pensionierung zurückgekehrt und hilft jetzt ehrenamtlich im Seniorenzentrum: Ben fährt das Essen aus, beliefert diejenigen, die den Weg nicht mehr schaffen. Von den Stammesältesten hat er in den letzten Monaten über die Geheimnisse seiner Kultur erfahren, hat sich beim Essen zu ihnen gesetzt, Fragen gestellt. Inzwischen kann er den traditionellen Bärentanz – und hat Freude daran, ihn anderen zu zeigen und weiterzugeben, was er gelernt hat: Fremden ebenso wie anderen Haida. Und jetzt hat Ben begonnen, die Sprache seiner Väter zu lernen.
Wenn Uncle Watson sein Leben aus der Zeit vor dem Highschool-Abschluss Revue passieren lässt, dann sind ihm drei Begegnungen im Gedächtnis geblieben: die mit dem Bärenkind, dessen Mutter er auf der Jagd aus Versehen erschossen hatte. Er zog es auf. Es lebte monatelang bei ihm, bis es eines Tages in die Wälder ging und nie mehr zurückkam. Die mit der Möwe, die aus unerfindlichen Gründen zutraulich wurde und ihm jahrelang immer auf der Schulter saß, wenn er vom Boot kam und durch Skidegate nach Hause spazierte. Und die mit dem Adlerküken, das er fand und aufzog. Ob es etwas zu bedeuten hat, dass die Möwe gerade ihn ausgesucht hat und dass gerade er an das Bärenkind und das Adlerküken geraten ist? Er schweigt und scheint tief in sich hinein zu lächeln. Es hat einen Grund. Es hat mit dem Raben zu tun, der am Anfang von allem stand und immer noch da ist. Watson hat die Geschichte dazu heimlich vergessen. Helge Sobik


Informationen:

Der Queen-Charlotte-Archipel liegt rund 100 Kilometer vor der Nordküste der kanadischen Provinz British Columbia im Pazifik und umfasst alles in allem 150 Inseln.
Unterkunft: Die Quartiere auf den Inseln rangieren maximal im Dreisternebereich. Neben einfachen Hotels gibt es eine
Reihe von Lodges, zum Beispiel das „Tlell River House“. Internet: www.tlell river house.com.
Gwaii Haanas National Park: Der Nationalpark auf der Südinsel Moresby Island umfasst auch die als UNESCO-Welterbestätte
unter besonderen Schutz gestellte verlassene Haida-Siedlung auf Anthony Island. Vor dem Betreten des Nationalparks ist Anmeldung, Registrierung und Teilnahme an einer 90-minütigen
Einführung durch Ranger von Parks Canada vorgeschrieben.
Internet: www.parkscanada.gc.ca/gwaiihaanas.
Buchtipp: Vom Autor dieses Beitrags ist der Reportageband
„Wo bitte geht es hier zum Grizzly? Rauchzeichen aus Kanadas Westen“ erschienen (Picus Verlag. Internet: www.picus.at).
Allgemeine Informationen: Tourism British Columbia, c/o Touris-
tikdienst Lange, Postfach 20 02 47, 63469 Maintal, Telefon: 0 18 05/52 62 32, Internet: www.hellobc.com.

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