SUPPLEMENT: Reisemagazin

Rhön: Kaviar unterm Apfelbaum

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): [10]

Diemar, Claudia

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Fotos: Claudia Diemar
Fotos: Claudia Diemar
Von wegen Schnitzel und Pommes! „Medaillon vom Imperial-Stör mit Champagnerschaum und Kaviarperlen“ tischt Elmar Zuspann im altehrwürdigen „Zum Ritter“ in Fulda auf. Nichts ist unmöglich in der tiefsten deutschen Provinz, vor allem, wenn die Edelfische in der Nachbarschaft zu finden sind. Aber dazu später mehr und erst einmal der Reihe nach. Bettelarm waren die Rhöner einst. Kein Wunder also, dass sich die Küche des rauen Mittelgebirges vor allem um die „Erdäppel“ drehte. Aufläufe wie der „Lakekander“, Bratkartoffelgerichte wie „Zammete“ mit „Grom Melich“, also Dickmilch, kamen meist auf den Teller. Vielleicht gab es ein wenig Leinöl dazu. Üppig gespeist haben nur die feinen Leute, wie etwa die Fürstbischöfe zu Fulda, die kulinarisch „fleischlichen Genüssen“ durchaus zugetan waren.
Schäfer Dietmar Weckbachs Rhönschafe gelten als lokale Delikatesse.
Schäfer Dietmar Weckbachs Rhönschafe gelten als lokale Delikatesse.
Die von der UNESCO zum Biosphärenreservat geadelte Rhön ist eine Kulturlandschaft, in der Mensch und Natur seit jeher eng zusammenwirken. Das „Land der offenen Fernen“ eignet sich wegen seiner meist freien Höhenzüge wunderbar für Wanderungen mit Panoramablick. Doch auch für gesunde Einkehr ist gesorgt, zum Beispiel im „Rhönhof“ nahe der Hochrhönstraße. Statt Fastfood wird Bodenständiges aus Küche und Keller serviert. Für durstige Wanderer gibt es Holunderblütenlimonade, Johannisbeer-Flieder-Saft, naturtrübe Apfelschorle oder Gerstensaft von einer nahe gelegenen Brauerei. Auf den Teller kommen Kartoffelsuppe oder Bachforellen, Brotzeiten mit Bauernwurst oder die Hausspezialität „Rhöner Rönke“: eine dicke Scheibe geröstetes Landbrot, üppig belegt mit Lauch, Speck und geschmolzenem Käse. Statt plärrender Lautsprecher sind jubelnde Goldammern für die Tafelmusik auf der Terrasse mit Panoramablick zuständig. Pächter Ulrich Kolb züchtet auf dem hoch gelegenen Anwesen vom Aussterben bedrohte heimische Haustierrassen wie Rhönschafe, Frankenfleckvieh und diverses Federvieh. Wer es zünftig mag, kann für geringes Entgelt im Heu übernachten.
Die Ziegen von Hirtin Elisabeth Sandach sorgen dafür, dass die Landschaft nicht verkrautet.
Die Ziegen von Hirtin Elisabeth Sandach sorgen dafür, dass die Landschaft nicht verkrautet.
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Über die Natur der Rhön kann Kolb viel erzählen. Zum Beispiel über das benachbarte Schwarze Moor mit so exotischen Bewohnern wie Birkhuhn, Dukatenfalter und Mosaikjungfern. Oder über die Ziegen von Hirtin Elisabeth Sandach, die fleißig mithelfen, dass die Landschaft nicht zu sehr verkrautet, und außerdem eine köstliche Salami ergeben. Oder über das Rhönschaf, das an die hiesigen Kalkmagerwiesen gut angepasst ist und dennoch beinahe ausgestorben wäre, weil die hochbeinigen Rhönrasenmäher mit den schmalen schwarzen Köpfen keine hochwertige Wolle lieferten und gegen das billige Import-Lammfleisch aus Neuseeland nicht mehr konkurrenzfähig waren. Inzwischen kann man das Rhönschaf fast überall wieder antreffen, zum Beispiel bei Schäfer Dietmar Weckbach, der alles andere als ein wortkarger Hirte ist und gern und anschaulich von der Arbeit mit den Rhöner Schafsköpfen berichtet. Das Fleisch der Tiere, zarte Lammkeulen ebenso wie deftige Wurst, wird in der Region verarbeitet und angeboten. Zum Beispiel im Gasthof „Zur Krone“ in Seiferts, der auch den Beinamen „Rhönschafhotel“ führt, weil sich die Küche der Herberge dem heimischen Lammfleisch in allen nur denkbaren kulinarischen Varianten widmet. Der Gasthof ist allerdings nicht nur für seine Lammspezialitäten, sondern auch für seine Köstlichkeiten rund um den Rhöner Apfel bekannt. Hotelier Jürgen Krenzer und seine Lebensgefährtin Sylvia Grosser waren es leid, im Herbst die aromatischen Paradiesfrüchte auf den umliegenden Streuobstwiesen verfaulen zu sehen, weil Großkeltereien kaum noch etwas für das Obst bezahlten.
Für eine gelungene Mischung aus Streuobst und Bier sorgt Braumeister Georg Weydringer.
Für eine gelungene Mischung aus Streuobst und Bier sorgt Braumeister Georg Weydringer.
Die Wirtsleute der „Krone“ bauten eine eigene Schaukelterei, die Besuchern durch eine Glaswand Einblick in die Verarbeitung gewährt. Zig Apfelspezialitäten werden hier inzwischen produziert: Apfelwein ebenso wie Cidre, Apfelsherry, Apfelessig und Gelee sowie „geistreiche“ Raritäten. Wer mehr über einheimische Köstlichkeiten wie Bohnapfel, Sternrenette oder den „geflammten Kardinal“ wissen will, fährt am besten zum Streuobstlehrpfad in Hausen und sieht sich auf einem Spaziergang um. Die „Rhöner Apfelinitiative“ sorgt inzwischen zudem dafür, dass ungespritzte Früchte aus Streuobstbeständen einen Preis erzielen, der die Mühe der Ernte lohnt.
Bodenständiges aus Küche und Keller: Im „Rhönhof“ nahe der Hochrhönstraße setzt man auf regionale Spezialitäten.
Bodenständiges aus Küche und Keller: Im „Rhönhof“ nahe der Hochrhönstraße setzt man auf regionale Spezialitäten.
Manche der aromatischen Äpfel wandern sogar ins Bier. Braumeister Georg Weydringer von Rother Bräu macht ein erfrischendes Apfelbier daraus. Für seine Ökobiere aus Biogetreide hat das seit 1788 bestehende Familienunternehmen mehrere Preise eingeheimst.
Selbst der Rhöner Weideochse erlebt eine Renaissance und kaut vielerorts wieder an Wiesenblumen. Matthias Kollmann vom Gasthof „Zur Linde“ in Hofbieber serviert einen im Ofen gebackenen „Ochsenstrudel“ mit Kräuterrahmsoße. Apropos backen: In vielen Rhöndörfern findet man an zentralem Platz mit schönem Fachwerk geschmückte Katen. Wenn hier der Schornstein raucht, sollte man sofort anhalten. In diesen Backhäusern schieben rührige Hausfrauen selbst gemachtes Bauernbrot, „Zwiebelploatz“ oder Wagenräder von saftig belegten Obstkuchen in die Röhre und verkaufen oft einen Teil des Backwerks. Manch ofenwarme Köstlichkeit wird auf der nächsten Streuobstwiese bei einem deftigen Picknick verputzt. „Neiseln“ nennen die Rhöner derlei kleine Stärkungen zwischendurch. Und die müssen längst nicht mehr nur bodenständig sein. Denn in der Bischofsstadt Fulda am Fuß der Rhön züchtet die Firma Desietra seit einigen Jahren sehr erfolgreich Störe. Sowohl der Fisch als auch seine begehrten Eier werden von Feinschmeckern geschätzt. Die Gastronomie hat die Edelprodukte vielerorts längst auf der Speisekarte. Und auch wenn es keinen richtigen Laden gibt: Wer bei Desietra vorbeischaut, kann auch als Privatmann seinen Kaviar kaufen. Und damit stilvoll die Vesper unterm Rhöner Apfelbaum krönen. Claudia Diemar


Informationen:

Adressen: Hotel-Restaurant „Zum Ritter“, Kanalstraße 18–20, 36037 Fulda, Telefon: 06 61/25 08 00, Internet: www.hotel-ritter.de.
Gasthaus und Archehof „Rhönhof“ am „Dreiländeck“, Telefon: 0 97 78/83 33, im Sommerhalbjahr geöffnet dienstags bis sonntags von 10.30 bis 20.30 Uhr.
Ziegenhirtin Elisabeth Sandach, Schäfertor 7, 97467 Stetten/Rhön, Telefon: 0 97 79/63 92, Internet: www.ziegenlady.de.
Schäfer Dietmar Weckbach, Mittelstraße 1, 36115 Ehrenberg, Telefon: 01 71/ 6 98 92 86.
Rhönschafhotel und Schaukelterei „Zur Krone“, Eisennacher Straße 24, 36115 Ehrenberg-Seiferts, Telefon: 0 66 83/9 63 40, Internet: www.rhoenerlebnis.de.
Gasthof „Zur Linde“, Biebersteiner Straße 13, 36145 Hofbieber-Langenbieber, Telefon: 0 66 57/9 60 50.
Weitere kulinarische Adressen findet man unter www.rhoener-charme.de.
Auskünfte: Fremdenverkehrsverband Rhön, Wörthstraße 15, 36037 Fulda,
Telefon: 06 61/6 00 61 11, oder im Rhön-Infozentrum auf der Wasserkuppe. Dort gibt es auch das Buch „Kochen mit Rhöner Charme“ (zehn Euro) mit vielen Rezepten und weiteren Adressen, die Rhöner Traditionsküche anbieten. Rhön im Internet: www.rhoen.de.

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