SUPPLEMENT: Reisemagazin

Portugal: Die etwas andere Tagestour

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): [12]

Heubeck, Rainer

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Den Fahrtwind um die Nase und ein Panorama auf die portugiesische Hauptstadt und die angrenzende Küstenregion garantiert ein Motorradausflug mit João Soares.

Alt oder nachgebaut – wer das Gespann von João Soares als Laie betrachtet, ist erst einmal unsicher. Klar hingegen ist, dass ein Motorrad mit Beiwagen Aufsehen erregt. „Kennen Sie diesen Herrn?“, fragt João schelmisch, als ein älterer Mann am Straßenrand aufgeregt winkt. Seit fünf Jahren bietet der 45-Jährige Rundfahrten mit Beiwagen an – und das mit wachsendem Erfolg. „Mittlerweile verfügen wir über insgesamt zwölf Fahrzeuge, die in Porto, an der Algarve und in Lissabon im Einsatz sind“, verrät João Soares. Viele seiner Halbtages- oder Tagestouren führen durch verschiedene Stadtteile der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Die auf sieben Hügeln gelegene Stadt, in der es viele schmale Gassen gibt, ist zwar auch leicht zu Fuß zu erschließen, aber das ist zeitaufwendig und mühsamer. „Mit dem Beiwagen kommen unsere Besucher an Orte, die sie mit einem Bus gar nicht anfahren könnten. Und sie können an einem halben Tag die Stadt umfassend kennenlernen. Als Spaziergänger bräuchten sie dafür zwei oder drei Tage“, sagt João, der lange für ein Schweizer Pharmazieunternehmen gearbeitet hat. „Ich habe dort gut verdient und war elf Jahre dabei, doch dann habe ich gemerkt, dass ich etwas anders machen muss – noch einmal elf Jahre Büroarbeit, das hätte ich einfach nicht ausgehalten.“
„Mit ist klar geworden, dass Lissabon richtig schön geworden ist“, sagt João Soares. Mit seinen Motorradtouren erschließt er auch entlegene Winkel der Stadt. Fotos: Rainer Heubeck
„Mit ist klar geworden, dass Lissabon richtig schön geworden ist“, sagt João Soares. Mit seinen Motorradtouren erschließt er auch entlegene Winkel der Stadt. Fotos: Rainer Heubeck
Stattdessen fährt João Soares nun seine Gäste mit dem Gespann in die engen Gassen der Alfama und zu den schönsten Aussichtspunkten im Stadtteil Graça, dann in das im Westen der Stadt gelegene Belém-Viertel, wo nicht nur der berühmte Torre de Belém und das Hieronymuskloster besucht werden können, sondern auch – in der Confeitaria dos Pastéis de Belém in der Rua de Belém – die bekanntesten und beliebtesten Süßspeisen der „weißen Stadt am Tejo“ probiert werden können: die Pastéis de Belém, Törtchen aus Blätterteig, die mit einer puddingartigen Masse gefüllt sind und mit Zimt und Puderzucker bestreut verzehrt werden.
Belém, die Alfama, das Bairro Alto, die Unterstadt zwischen der „Praça do Comércio“ und dem Rossio, das modern gestaltete Expo-Gelände im Osten der Stadt: Die Metropole am Tejo hat Besuchern viel zu bieten. „Mir ist klar geworden, dass Lissabon richtig schön geworden ist. Früher, in der Zeit des Faschismus, ist die Stadt langsam verfallen, aber in den letzten zwanzig Jahren wurde viel restauriert, und Lissabon hat sich herausgeputzt. Heute ist die Stadt mit Sicherheit eine der schönsten Metropolen Europas“, versichert João Soares.
Wer einen ganzen Tag Zeit hat, mit dem fährt João nicht nur durch Lissabon, sondern auch in die Umgebung – nach Estoril, nach Cascais und nach Sintra. Estoril, der noble Vorort Lissabons, ist ein mondäner Badeort und eine Art europäisches Las Vegas. Das Kasino auf dem Monte Estoril bietet Platz für bis zu 10 000 Besucher – und ist damit die größte Spielhölle Europas. „Wir haben die schwächste Wirtschaft Europas, aber das größte Kasino“, sagt João und fährt weiter in den drei Kilometer entfernten Ort Cascais, wo er eine erste Kaffeepause einlegt.
Bei der Weiterfahrt auf der Küstenstraße bläst dem 45-Jährigen und seinem Fahrgast der Wind kräftig um die Nase. Auf den letzten Kilometern vor dem Cabo da Roca weht er kleine Sandkörner aus den Dünen durch die Luft. Doch auch wenn die Straße hier zum Teil mit Sand überzogen ist, die Fahrt bleibt ungefährlich. „Wenn wir mit Gästen im Beiwagen unterwegs sind, fahren wir nicht schneller als 50 Stundenkilometer, das reicht vollauf aus, und das ist die ideale Geschwindigkeit, um die Fahrt zu genießen“, erklärt João Soares.
Am Cabo da Roca mit seiner imposanten Steilküste wird der Wind noch stärker. Hier, am westlichsten Punkt Europas, an dem die Erde endet und das Meer beginnt, finden sich Einheimische ebenso zu einem Erinnerungsfoto ein wie Besucher aus Übersee. Als João und sein Fahrgast nach 15 Minuten weiter wollen, ist der Beiwagen besetzt. Ein circa 50-jähriger Mann sitzt darin – und strahlt wie ein siebenjähriger Junge.
Erlebnisse wie diese zeigen, dass das Angebot von João Soares ankommt. Bei Familien mit Kindern ebenso wie bei Jungen und Junggebliebenen. „Unser ältester Kunde war weit über 90, wir mussten ihm zwar helfen, in den Beiwagen zu steigen, aber ansonsten hat er die Fahrt absolut genossen.“ In Europa, so erklärt João Soares, gibt es derzeit kein Unternehmen, das einen ähnlichen Service im gleichen Standard anbietet. „Es hat über ein Jahr gedauert, eine Versicherung zu finden, die uns genommen hat“, erläutert João. „Außerdem rentiert sich so ein Geschäft nur, wenn man es in einer Region anbietet, in der es kaum regnet. Schließlich muss jedes Motorrad mit Beiwagen mindestens 70 Tage pro Jahr im Einsatz sein, sonst ist es nicht profitabel.“
Cabo da Roca – westlichster Punkt Europas, an dem die Erde endet und das Meer beginnt.
Cabo da Roca – westlichster Punkt Europas, an dem die Erde endet und das Meer beginnt.
Anzeige
Eine der beliebtesten Touren, die João von Lissabon aus anbietet, führt nach Sintra, wo im Palácio Nacional de Sintra, der Sommerresidenz der portugiesischen Könige, die ältesten in Portugal auffindbaren Azulejos bestaunt werden können – die grün und weiß gebrannten Kacheln wurden von König Dom Manuel um 1503 aus Sevilla importiert. Doch nicht jeder Beiwagenfahrer hat dafür einen Blick. „Wenn unsere Kunden den Königspalast anschauen wollen, bleiben wir vor der Tür stehen und warten, bis sie wieder da sind, egal, wie lange es dauert. Schließlich sind alle unsere Touren individuell nach den Wünschen der Kunden gestaltet. Wer viele Denkmäler und Sehenswürdigkeiten anschauen will, kann das tun, wer ein Picknick am Strand machen möchte, für den finden wir ein passendes Plätzchen. Aber nur wenige Kunden wollen wirklich alle Sehenswürdigkeiten besichtigen, die sich an der Strecke befinden, die meisten wollen einfach das Fahrgefühl genießen“, versichert João. Die schmalen Straßen in grün bewaldeten Hügeln in der Umgebung von Sintra, die seit einigen Jahren zum UNESCO-Weltnaturerbe zählen, eignen sich dafür sehr gut.
Wenn João Soares mit seinem Gespann Station macht, schließt er sein Motorrad grundsätzlich nie ab. „Bisher ist uns ein einziges Mal eine Maschine gestohlen worden, aber wir fanden sie anschließend wenige Straßen vom Parkplatz entfernt – denn es ist sehr schwer, ein Motorrad mit Beiwagen zu fahren. Wer keine Erfahrung hat, wird nicht weit kommen.“
Die Gespanne, die João Soares einsetzt, ähneln von der Technik her der BMW R 71 aus den 30er-Jahren. Eine Technologie, die Anfang der 40er-Jahre bereits in Russland kopiert und von dort aus nach China weiterverkauft wurde. Seine Maschinen bezieht João Soares über einen Importeur aus China. „Aber die Kopien sind den BMW-Modellen so ähnlich, dass sie auch die Macken eins zu eins übernommen haben.“ Die Wartung der Fahrzeuge ist aufwendig – dennoch setzt João konsequent auf Gespanne im Oldtimer-Stil. „Es macht viel mehr Spaß, mit diesen Nachbauten unterwegs zu sein als mit modernen japanischen Motorrädern.“
Die Beiwagenausflüge können auch von Paaren unternommen werden. Eine Person muss dann auf dem Soziussitz des Motorrads Platz nehmen. „Unser Service wird häufig von Hochzeitspaaren angefordert, aber einmal hat uns auch ein Paar gebucht, das den Tag seiner Scheidung feiern wollte“, sagt João Soares, bevor er seinen Helm aufsetzt und mit leerem Beiwagen nach Hause braust. Rainer Heubeck


Informationen:

Unterkunft: Wer sich im Zentrum Lissabons einquartieren möchte, für den empfiehlt sich das Hotel Lisboa Tejo, Rua dos Condes de Monsanto, 2, Tel. +3 51/2 18 86 61 82, E-Mail: hotellisboatejo.re servas@evidenciagrupo.com, Internet: www.evidenciagrupo.com.
Auskunft: Portugiesisches Handels- und Touristikamt, Schäfergasse 17, 60313 Frankfurt/Main, Telefon: 01 80/5 00 49 30, E-Mail: dir@ice pfra.de, Internet: www.portugalinsite.de.
Sidecar-Tours: Rundfahrten im Beiwagen bietet Sidecar touring Co., Av. dos Bombeiros Voluntários, 49 – 8º Esq., 1495-025 Algés, Telefon: +3 51/9 63 96 51 05, E-Mail: sidecartouring@netcabo.pt, Internet: www.sidecartouring.co.pt. Die Preise der Touren liegen zwischen 50 Euro (Halbtagestour für eine Person) und 130 Euro (Ganztagestour für zwei Personen).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema