SUPPLEMENT: Reisemagazin

Polen: Mit dem Westwind im Rücken

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): [16]

Goddemeier, Christof

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LNSLNS Mit Ausnahme der Hohen Tatra im Süden ist Polen flach oder hügelig – warum also das Land nicht bequem mit dem Fahrrad erkunden?

Fähranleger zwischen Kazimierz Dolny und Sandomierz: Auf einer Tour de Pologne stößt man immer wieder auf die Wisla (Weichsel). Fotos: Ursula Hörner
Fähranleger zwischen Kazimierz Dolny und Sandomierz: Auf einer Tour de Pologne stößt man immer wieder auf die Wisla (Weichsel). Fotos: Ursula Hörner
Zly – schlecht“, wiederholt der kräftige Mann hoch oben auf seiner Mähmaschine. Es klingt wie „schläh“. Wir befinden uns mit unseren Rädern auf einem Feldweg zwischen Gdánsk und Elblag. Unserem Gefühl und unserer zuverlässigen Karte zufolge müssten wir jeden Moment auf eine asphaltierte Straße stoßen. Der Mann auf seinem Sitz zwei Meter über uns ist anderer Ansicht. Er rät uns, umzukehren und auf der Hauptstraße in den nächsten Ort zu fahren. Wir zögern. Einige Meter vor uns reiht sich zwar Schlagloch an Schlagloch, durchzogen von breiten Traktor- und Mähdrescherspuren, doch zurück auf die Hauptstraße wollen wir auf keinen Fall. Weil es in Polen kaum Autobahnen gibt, bewegt sich nämlich fast der gesamte Verkehr auf den in der Karte rot eingezeichneten Fernstraßen. Die sollte man als Radfahrer unbedingt meiden. Wir beschließen also weiterzufahren und stoßen nach einigen Kilometern tatsächlich wieder auf eine asphaltierte Straße. Als wir in Elblag eintreffen, ist es bereits dunkel.
Vor gut einer Woche sind wir von Usedom nach Osten aufgebrochen. Gut zu wissen: Der Wind kommt hier praktisch immer aus westlicher Richtung. In den ersten Tagen erreicht er acht Windstärken. In Kamien Pomorski an der Camminer Bucht bläst er uns fast vom Fahrrad.
Spätsommer in Pommern ist Pilzezeit. In jedem der zahlreichen Mischwälder stapfen Männer mit gesenktem Kopf und einem Eimer in der Hand durchs Unterholz. Manchmal sitzen ganze Familien am Straßenrand und bieten ihre Ernte zum Verkauf an. Waldpilze (grzyby) sind in Polen sehr beliebt, meist isst man sie gebraten oder sautiert. Als Radfahrer lohnt es sich, gelegentlich einen Blick auf die Straße zu werfen. Sonst fährt man auf den kleinen, oft mit zahllosen Asphaltflicken ausgebesserten Straßen unversehens in ein Schlagloch. Dennoch: Das Fahren ist hier ein Genuss. Auf den kleinen Straßen ist wenig Verkehr, sodass man immer wieder nebeneinander radeln kann.
Mit Ausnahme der Altstadt ist das heutige Bild Elblags von gleichförmigen, ockerfarbenen Mietshäusern geprägt. Dabei war Elblag im Mittelalter eine der reichsten Städte des baltischen Raums und ebenbürtige Rivalin Danzigs. Der gleichnamige Fluss ist Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen Schiffsreise. Frühmorgens nimmt die Besatzung der „Marabut“ uns und unsere Räder in Empfang. In elf Stunden wollen wir den Oberländischen Kanal bis Ostróda hinauffahren. Mittels fünf schiefer Ebenen bewältigt die „Marabut“ einen Höhenunterschied von 99 Metern. Dieses Wunder der Technik wurde Mitte des 19. Jahrhunderts nach Plänen eines Königsberger Ingenieurs gebaut und funktioniert einwandfrei. Unser Schiff fährt auf einen unter Wasser parkenden Leiterwagen, auf Schienen werden wir quietschend eine Etage höher gezogen und oben wieder ins Wasser gelassen.
Selbst im abgelegensten Weiler findet man ein kleines Lebensmittelgeschäft. So sind wir mit den Grundnahrungsmitteln Brot, Käse, Wurst, Äpfel, Tomaten, Gurken, Wasser – Lody (Eis) nicht zu vergessen – bestens versorgt. Wenn man nicht organisiert nach Polen reist, ist es nützlich zu wissen, dass Englischkenntnisse abseits der großen Städte nicht sehr verbreitet sind. Ein paar Grundkenntnisse in polnischer Grammatik und ein Wörterbuch sind deshalb unverzichtbar. Dabei erweist sich das Polnische mit seinen zahlreichen Zisch- und Nasallauten und einer komplexen Grammatik nicht gerade als anfängerfreundlich. Doch sparen die Einheimischen nicht mit überschwänglichem Lob, wenn man zum Beispiel im Restaurant einige der Zungenbrecher halbwegs verständlich über die Lippen bringt. Viele halten die Suppen für die stärkste Seite der polnischen Küche, etwa die Rote-Rüben-Suppe mit fleischgefüllten Teigtaschen (Barszcz z uszkami). Beim Hauptgang munden Piroggen (Pierogi), mit Fleisch, Kohl, Pilzen oder Quark gefüllte Mehltaschen. Polnischen Wodka gibt es in zahlreichen Versionen, etwa den legendären Zubrówka mit dem Geschmack von Büffelgras.
Polens Geschichte ist untrennbar mit der Geschichte seiner jüdischen Bevölkerung verbunden. Mit drei Millionen Menschen lebte hier vor dem Zweiten Weltkrieg die größte jüdische Gemeinde Europas. In der Hauptstadt Warschau erinnern zahlreiche Mahnmale an die brutale Besatzungsmacht der Nationalsozialisten. Vielleicht am ergreifendsten ist das Denkmal des kleinen Aufständischen: Die Bronzeskulptur eines kleinen Jungen, der einen viel zu großen Helm trägt und ein Maschinengewehr in der Hand hält, erinnert an die Kinder und Jugendlichen, die während des Warschauer Aufstandes 1944 ermordet wurden. Das Jüdische Historische Institut dokumentiert Leben und Leiden im Getto während des Krieges. 300 000 Menschen wurden von hier in das Vernichtungslager Treblinka deportiert – unvergessen der Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Denkmal der Helden des Gettos im Dezember 1970. Unfassbar bleibt, dass Warschau 25 Jahre zuvor praktisch nicht mehr existierte: Als die Rote Armee die Stadt 1945 einnahm, hausten in der Trümmerwüste noch einige Hundert Menschen. Heute findet man sich in einer pulsierenden und kosmopolitischen Großstadt wieder, die mit 1,7 Millionen Einwohnern größer ist als vor dem Krieg. 1980 setzte die UNESCO die wieder aufgebaute Altstadt auf die Liste des Weltkulturerbes.
Von allen polnischen Künstlern ist Frédéric Chopin der international bekannteste. Geboren wurde er in Zelazowa Wola, einem kleinen Dorf 50 Kilometer westlich von Warschau. Das Geburtshaus ist heute ein Museum. Zwar lebte die Familie nach der Geburt ihres Sohnes nur noch ein Jahr in diesem Haus; doch in den Ferien kehrte der junge Chopin immer wieder an seinen Lieblingsort zurück. Hier lernte er die masowische Volksmusik kennen, die später seine Kompositionen beeinflusste. Von Mai bis September organisiert die Warschauer Chopin-Gesellschaft im Geburtshaus Konzerte.
Auf einer Tour de Pologne stößt man immer wieder auf die Wisla (Weichsel). Als wir in Janowiec südöstlich von Warschau auf die kleine Fähre rollen, schüttelt der Fährmann den Kopf. Auf unsere fragenden Blicke weist er auf den Fluss. Eine Folge des spätsommerlich warmen, trockenen Wetters: Der Wasserstand ist zu niedrig für die Überfahrt. Die nächste Brücke ist ein ganzes Stück weiter nördlich. Wenn man in Polen unterwegs ist und morgens noch nicht weiß, wo man die Nacht verbringen wird, ist es nützlich zu wissen, wo die Polen gern ihre Wochenenden verbringen. Zudem wird samstags geheiratet, Hotels sind dann oft ausgebucht. Kazimierz Dolny mit seinen reich verzierten Bürgerhäusern aus dem 14. Jahrhundert ist so ein Ort. Nach einigen Stunden Nachtfahrt finden wir erst in der übernächsten Stadt eine Bleibe. Christof Goddemeier


Informationen:

Anreise mit dem Rad: zum Beispiel mit CityNightLine täglich von Zürich nach Dresden oder Berlin, Fahrradmitnahme nach vorheriger Reservierung problemlos möglich. In Polen reist das Rad gegen eine kleine Gebühr meist im Gepäckwagen mit. Zwischen Krakau und Hamburg verkehrt täglich ein Intercity, in dem ebenfalls Fahrräder mitgenommen werden können.
Unterkunft: In Sternehotels mit entsprechendem Standard Preise ähnlich wie in westlichen Ländern. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl preiswerter Übernachtungsmöglichkeiten mit meistens gemeinschaftlichem Bad, häufig an den Häusern durch Schilder mit der Aufschrift „Pokoje“– Zimmer – oder „Noclegi“ – Übernachtung – gekennzeichnet. Für Fahrräder steht oft ein abschließbarer Raum zur Verfügung.
Reisezeit: Für Radtouren günstig ist die Zeit von Mitte April bis Mitte Oktober. Nach Osten hin wird das Klima zunehmend kontinental. Hochdrucklagen aus Russland sorgen im Sommerhalbjahr für lange Schönwetterperioden. Besonders regenarm ist das mittlere Polen.
Karten: EuroCart Polen, RV-Verlag, 1 : 300 000, vier Blätter je 7,50 Euro.
Literatur: Polen, Michael Müller Verlag, 2003; Polen, DUMONT-Kunstreiseführer, 2005; BikeBuch Europa, Reise Know-How Verlag, 2003. Spezielle Radtourenführer (Kettler-Verlag, Trescher-Verlag).
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