SUPPLEMENT: Reisemagazin

Arktis: Holiday on Ice

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): [18]

Motz, Roland

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LNSLNS Mit dem Eisbrecher in Richtung Nordpol

Fotos: Roland Motz
Fotos: Roland Motz
80 Grad 32 Nord – alle sechs Dieselgeneratoren arbeiten am Limit, trotzdem kommt die „Kapitan Dranitsyn“ kaum gegen die Packeisbarrieren an. Zwölf Stunden Fahrt für die letzten 40 Seemeilen. Erst im Zickzackkurs durch gigantische Treibeisfelder, begleitet von kleinen Eisbergen vor dem wolkenverhangenen Hintergrund, danach immer wieder das gleiche Spiel: 150 Meter volle Kraft voraus, dann 100 Meter zurück zum Anlaufnehmen – der Eisbrecher schiebt sich auf das knisternde Packeis, drückt mit seinem Gewicht die dicken Platten auseinander und bricht sich eine Bahn. 1 000 Kilometer unterhalb des Nordpols: Das Schiff stöhnt, knirscht und ächzt. Auf einmal Land. Land in Sicht. Endlich!
40 Touristen und ein Kamerateam nehmen teil an einer ungewöhnlichen Reise zur nördlichsten Inselgruppe der Welt. Unser Schiff, „Kapitan Dranitsyn“, ist ein vom russischen Staat gecharterter Eisbrecher, der normalerweise an der sibirischen Polarküste eine Fahrrinne eisfrei halten soll. Mit seinen 24 000 PS kann er meterdickes Packeis durchdringen. Das ist auch nötig, denn unser Ziel, das oberhalb des 80. Breitengrads im Polarmeer gelegene Franz-Josef-Land, ist auch im Hochsommer wie jetzt von einem dicken Eispanzer umgeben. Drei lange Tage und ebenso helle Mittsommernächte sind wir von Murmansk aus in der Barentssee unterwegs gewesen, um den 1926 von der Sowjetunion annektierten Archipel zu erreichen.
Durchdringt auch meterdickes Packeis: Kapitan Dranitsyn
Durchdringt auch meterdickes Packeis: Kapitan Dranitsyn
Kapitän Saliev hält mit dem Fernglas von der Brücke über die geschlossene Eisdecke Ausschau nach einer offenen Wasserrinne. Stattdessen hat er den unumstrittenen Herrscher der Arktis dösend vor einem dunklen Wasserloch entdeckt. „Polar bear, polar bear“, hallt es durch die Bordlautsprecher. Es ist nicht unser erster Eisbäralarm. Das Tier trottet verwundert vor den Bug unseres Schiffes, blickt neugierig in die klickenden Kameras über sich auf dem Vordeck und beginnt, sich nach minutenlanger fotogener Pose theatralisch auf dem Eis herumzuwälzen. Schließlich entdeckt der Eisbär in der Ferne eine schwarz glänzende Robbe, galoppiert unprofessionell auf diese zu und schleicht sich erst nach deren Abtauchen an das Atemloch heran – vergeblich.
Alger Island: erster Landgang. Seit Jahren von keinem Menschen mehr betreten. Mit wendigen Zodiac-Schlauchbooten nähern wir uns der Insel über eine offene Wasserrinne.
Die letzten Meter bis zum Strand müssen zu Fuß im sulzigen Ufereis zurückgelegt werden. „Es liegt etwas Erhabenes in der Einsamkeit eines noch unbetretenen Landes, wenngleich dieses Gefühl nur durch unsere Einbildung und den Reiz des Ungewöhnlichen geschaffen wird“, schrieben die unfreiwilligen Entdecker von der österreichisch-ungarischen Polarexpedition 1874, die den Inselarchipel nach ihrem Kaiser Franz-Josef-Land tauften und nur mit viel Glück überlebten. Man glaubt, sich in einem Film zu befinden, dem Rot-, Gelb- und Grüntöne entzogen sind. Ein unwirklicher, leicht blaustichiger Film, der in einer minimalistischen Landschaft spielt, die vor Ewigkeiten geschaffen wurde; ein menschenleerer Film, in dem Steine und Eis die Hauptrolle spielen.
Zurück an Bord läuft wieder der Hauptfilm mit dem 360-Grad-Rundumblick über das Eis. Die Entdeckung des Nichts könnte er heißen. Treibeis, Packeis, Pfannkucheneis, aufgetürmte Eisschollen, schwarze Löcher und Rinnen im bleigrauen Wasser des von dichtem Nebel eingehüllten Polarmeers, der wie ein zäher Brei über allem liegt. Plötzlich ein bizarr geformter Rieseneisberg vor uns – auch das gehört zum Polarfilm. Kapitän Saliev manövriert sein Schiff so nahe heran, bis wir mit dem Bug das blauweiße Eis berühren.
Das Schlauchboot wird zum Spielball der Walrösser.
Das Schlauchboot wird zum Spielball der Walrösser.
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Die „Kapitan Dranitsyn“ kämpft sich weiter durch die eineinhalb Meter dicke Eiswüste zum Kap Heller vor, dem nördlichsten Punkt unserer Reise am 81. Breitengrad. Vor der von Bärenpranken zerkratzten russischen Gedenktafel berichtet unser Expeditionsleiter Victor Boyarsky von der unglaublichen Überwinterung zweier Mitglieder der Wellmann-Expedition 1899. Einer von beiden starb. Zwei dunkle Polarmonate verbrachte der Überlebende mit dem toten Kameraden neben sich in einer primitiven, mit Walrosshaut abgedeckten Erdhütte bei minus 20 Grad Celsius. Sie hatten sich gegenseitig versprochen, den anderen im Fall des Todes nicht den Eisbären zum Fraß zu überlassen.
Bei der Weiterfahrt durch den Austria Sund bricht über Kap Frankfurt zum ersten Mal die Sonne durch die geschlossene Wolkendecke. Die Lichtstimmung ist überwältigend. Beim Abendessen reißt der Himmel ganz auf. Niemanden hält es mehr an den russischen Fleischtöpfen. Alle verbringen die Nacht bei strahlendem Sonnenschein an Deck, fest eingehüllt in warme Jacken.
In den frühen Morgenstunden erreichen wir die markanten Basaltklippen von Kap Tegetthoff. Hinter dem kilometerlangen, halbvereisten Sandstrand türmt sich dunkler Frostschutt auf. Doch in geschützten Mulden hat sich eine geschlossene Tundra-Vegetationsdecke herausgebildet. Intensive Düngung durch die in den Felstürmen brütenden Vögel haben arktischen Pflanzen einen Lebensraum eröffnet. In den endlosen Tagen des kurzen Polarsommers blühen winziger roter Steinbrech, gelber und weißer Gletschermohn, Rosenwurz und Skorbutkraut neben leuchtenden Moosen und Flechten. An die 50 verschiedene Pflanzenarten, alle im Miniaturformat, nehmen den Kampf gegen das Eis auf. Selbst Bäume wachsen auf dem Dauerfrostboden – bis zu einer Höhe von fünf Zentimetern.
Noch einen letzten Höhepunkt hält Franz-Josef-Land für uns bereit. Auf dem Weg zu einer Walrosskolonie werden wir zum Spielball einer anderen Herde, die plötzlich aus dem offenen Wasser auftaucht. Mit Mund und Nase stoßen die Eintonner unsere Schlauchboote hin und her, duschen sich im Kühlwasserstrahl der Außenbordmotoren und prusten auf uns los.
In wenigen Wochen wird die „Dranitsyn“ wieder ihre Arbeit an der sibirischen Küste tun; der Expeditionsleiter wird seinem Job als Direktor des arktischen Museums in St. Petersburg nachgehen und sich auf die Nordpolschlittenreise im nächsten Sommer vorbereiten. Auf die Frage nach dem „Wie“ hat Victor Boyarsky eine überzeugende Antwort parat: „Life in Russia is training enough.“ Roland Motz

Infos: Hurtigruten, Kleine Johannisstraße 10, 20457 Hamburg, Telefon: 0 40/37 69 30, Fax: 0 40/36 41 77, Internet: www.hurtigruten.de.

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