SUPPLEMENT: Reisemagazin

Irland: König ohne Krone

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): [20]

Willenberg, Ulrich

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LNSLNS Tory Island – sturmgepeitschtes Eiland vor der Küste Donegals: Hier „herrscht“ Patsy Dan Rogers über 160 Insulaner.

Verloren im Atlantik: Bei Sturm ist Tory Island oft tagelang vom Festland abgeschnitten. Fotos: Ulrich Willenberg
Verloren im Atlantik: Bei Sturm ist Tory Island oft tagelang vom Festland abgeschnitten. Fotos: Ulrich Willenberg
Soll ich Sie mit Majestät anreden?“ Patsy Dan Rodgers lacht. Der König von Tory Island legt keinen Wert auf Etikette. Der 57-jährige „Herrscher“ über 160 Insulaner besitzt keinen Hofstaat und lebt in keinem Palast. Von einer Apanage kann er nur träumen. Statt einer Krone ziert eine schwarze Fischermütze sein wettergegerbtes Haupt.
Die Geschichte des Königreiches vor der Küste der irischen Grafschaft Donegal reicht angeblich bis in das sechste Jahrhundert zurück. Nach einer Legende hat St. Columbcille damals dort ein Kloster errichtet. Aus Dankbarkeit für dessen Hilfe soll er einen Einheimischen namens Duggan zum König des Eilands gekrönt haben, eine Tradition, die bis zum heutigen Tag gepflegt wird.
Patsys Privatleben bietet indes keinen Stoff für die Regenbogenpresse. Für Schlagzeilen sorgte er bisher nur durch sein Engagement für sein kleines Reich, das sich elf Kilometer vom Festland entfernt, im Atlantik verliert. Eigentlich wollte die irische Regierung des Königs „Untertanen“ von der sturmumtosten Felsinsel evakuieren. Doch ohne Erfolg. Zu sehr sind die meisten Bewohner mit ihrer Heimat verwurzelt, die bereits in prähistorischer Zeit besiedelt wurde.
Ob er sich vorstellen kann, auf dem Festland zu leben? Entschlossen ballt Patsy seine Faust. „Never“, bricht es aus ihm heraus. Während im Hotelpub zum dritten Mal das Lied „King of Hollywood“ dudelt, nippt er an seinem Energy Drink und fängt an zu erzählen. Von der tiefen Liebe zu Tory Island und seinem Kampf für das Bleiberecht der Bewohner, die verstreut auf wenigen Quadratkilometern siedeln.
Im Winter 1974 wurden die Menschen auf eine besonders harte Probe gestellt. Ganze acht Wochen lang war die Insel durch einen Orkan vom Festland abgeschnitten. Nicht einmal Hubschrauber konnten landen. „Dann verfluchen die Bewohner den Atlantik wegen seiner Grausamkeit“, sagt Patsy. Zermürbt entschlossen sich zehn Familien nach dem Sturm, Tory Island den Rücken zu kehren. Noch heute zeugen mit Brettern vernagelte, verfallene Cottages von dieser Entwicklung.
Doch inzwischen sind einige gebürtige Insulaner zurückgekehrt. Mit dem Leben auf dem Festland konnten sie sich nicht anfreunden. Rund 160 Menschen leben derzeit auf Tory, 40 mehr als noch vor acht Jahren. Die Einwohnerzahl von 400, wie vor 150 Jahren, wird wohl nie mehr erreicht werden.
Besucher aus aller Welt sind dem Reiz des von Wiesen und Mooren durchzogenen Königreiches schon erlegen. Die rund vier Kilometer lange und bis zu zweieinhalb Kilometer schmale Insel ist ein idealer Ort, um sich zu entspannen.
Abwechslung bietet nur das launische Wetter. Faszinierend zu beobachten ist das Spiel des ständig wechselnden Lichts und der schnell dahinfliegenden Wolken.
König, Maler, Musiker: Multitalent Patsy Dan Rogers liegt das Wohl Tory Islands am Herzen. Die winzige Insel hängt finanziell am Tropf der irischen Regierung und der Europäischen Union.
König, Maler, Musiker: Multitalent Patsy Dan Rogers liegt das Wohl Tory Islands am Herzen. Die winzige Insel hängt finanziell am Tropf der irischen Regierung und der Europäischen Union.
Der Lebensrhythmus der Bewohner wird maßgeblich bestimmt durch die Jahreszeiten und den Fahrplan der Fähre. Wenn die „Turasmara“ am Pier anlegt, versammelt sich das halbe Dorf, um die Heimkehrer zu empfangen und Waren abzuladen. Meist steht auch Patsy am Kai und schüttelt jedem Touristen persönlich die Hand.
Als sein Vorgänger nach Jahrzehnten die Regentschaft niederlegte, bestimmte dieser eigentlich seinen Sohn als Nachfolger. Der hatte jedoch keine Lust, und so fiel die Wahl auf Patsy. Der neue King nimmt seine ehrenvolle Aufgabe überaus ernst, denn das Wohl seines Völkchens ist ihm eine Herzensangelegenheit. Ständig wuselt er im Dorf herum, um nach dem Rechten zusehen. Doch über wirkliche Macht verfügt Patsy im republikanischen Irland natürlich nicht. Auch seine Untertanen zeigen sich alles andere als unterwürfig. „Ich würde mir nichts von ihm vorschreiben lassen“, meint ein junger Mann. Dass Patsy es jedoch versteht, als liebenswerter Repräsentant der Insel Gäste anzulocken, finden die meisten Mitbürger in Ordnung. Rund 10 000 Touristen setzen jedes Jahr über und helfen, die bescheidenen Finanzen des Dorfes aufzubessern.
Ein paar Tausend Besucher mehr dürften es sein, findet der König. Massentourismus will jedoch niemand. Wenn es im Sommer doch mal zu eng wird, dann kündigt er einen Sturm an. Das wirkt. Die meisten Touristen streben dann sogleich dem Hafen zu, um mit der nächsten Fähre nach Bunbeg oder Magheroarty zu entkommen. „Zu oft kann man das natürlich nicht machen“, grinst Patsy. Doch zuweilen braucht er nicht zu flunkern. Wenn der berüchtigte Gaelforce mit bis zu 200 Stundenkilometer über den Atlantik tobt, ist die Insel manchmal für Tage vom Festland abgeschnitten. Der Orkan deckt Dächer ab und reist Türen aus der Verankerung. Ein salziger Sprühnebel legt sich dann über die Insel und droht das hinter Mauern gepflanzte Gemüse und Korn zu vernichten. Bäume dürfen auf Tory nicht gepflanzt werden, zu groß ist die Gefahr, von einem entwurzelten Stamm getroffen zu werden.
Der wirtschaftliche Aufschwung Irlands ist an den meisten Bewohnern Torys fast spurlos vorübergegangen. Die wenigen Kühe und kleinen Äcker ernähren ihre Besitzer nicht. Auch der Fischfang liegt angesichts der Konkurrenz der modernen Trawler danieder. Und so hängt die Insel am Tropf der irischen Regierung und der EU. Millionen Euro fließen derzeit in die Infrastruktur des Eilandes. Vor Kurzem wurde der Hafen ausgebaut und eine neue Schule mit einer Sekundarstufe eröffnet, in der vier Lehrer 20 Schüler unterrichten. Wer schwer erkrankt, wird mit einem Helikopter ausgeflogen. Doch ein staatlich subventioniertes Luxusleben führen die Bewohner dennoch nicht. Dies zeigen viele marode Wohnhäuser, für deren Renovierung das Geld fehlt. Private Investitionen sind rar, einzig die Eheleute Pat und Berney Doohan haben den Schritt gewagt. Nur wenige Schritte vom Hafen entfernt betreiben sie ein neu erbautes gemütliches Hotel mit Restaurant und einem Pub.
Wenn im Spätherbst die letzten Touristen abreisen, sind die Insulaner wieder unter sich. Viel bleibt dann nicht zu tun. Doch Patsy Dan Rodgers lässt auch im Winter keine Langeweile aufkommen. Als Maler beginnt nun seine produktivste Phase. Zusammen mit drei einheimischen Künstlern betreibt er die „Tory Primitive School of Art“. Diese wurde von dem bekannten Maler Derek Hill ins Leben gerufen, der gern zum Zeichnen vom Festland herüberkam. Dorfbewohner Jimmy Dixon zeigte wenig Ehrerbietung für dessen Schaffen. Als er Hill beim Malen über die Schulter schaute, meinte er: „Das kann ich auch.“ Der Künstler nahm die Herausforderung an und reichte ihm Farben und Pinsel. Hill war von Dixons erstem Gemälde beeindruckt. Mithilfe des berühmten Malers gelangte dieser zu Weltruhm und begründete die primitive Kunst auf der Insel. Patsy Dan Rodgers führt jetzt zusammen mit den jüngeren Malern Anton Meenan, Michael Finbarr Rodgers und Ruari Rodgers diese Tradition fort. Ihre Bilder, die vor allem Motive ihrer Heimat darstellen, wurden bereits in Chicago, Paris, Edinburg und Dublin ausgestellt.
Die Samstagnacht stellt für die Insulaner den Höhepunkt des sozialen und kulturellen Lebens dar. Dann füllt sich gegen Mitternacht das Gemeindezentrum, und Patsy spielt zum Tanz auf. Rasend schnell drückt er die Tasten seines Akkordeons und stampft mit seinen schwarzen Schnallenschuhen den Takt. Eine CD mit traditionellen irischen Liedern hat das Multitalent schon eingespielt.
Bis in den Morgen klingt die Musik über die erleuchtete Dorfstraße. Das trübe, gelbliche Licht der Laternen taucht die einfachen Häuschen in ein fahles, unwirkliches Licht. In kurzen Abständen bestreicht der Leuchtturm die Insel mit gleißendem Licht. Das Rauschen des anbrandenden Meeres vermischt sich mit dem Brummen des Generators, der den Strom für das Dorf liefert. Ulrich Willenberg


Informationen:

Allgemein: Irland Information, Telefon: 0 69/ 66 80 09 50, Internet: www.irland-ferien.de.
Veranstalter: Wolters Reisen bietet individuelle Reisen nach Irland mit Mietwagen (Telefon: 04 21/89 99-0; www.woltersreisen.de).
Anreise: Flug bis Dublin von mehreren Flughäfen mit Aer Lingus (www.aerlingus.com). Tägliche Anschlussflüge nach Donegal mit Aer Aerann (www.aeraerann.ie). Im Sommer tägliche Fährverbindung nach Tory Island ab Bunbeg (circa eineinhalb Stunden Fahrzeit) und Magheroarty (circa eine Stunde Fahrzeit).
Übernachtung: Hotel Tory (14 Zimmer), Telefon: +3 53/7 49 13 59 20, Fax: +3 53/7 4 9 13 56 13, Internet: www.toryhotel.com, E-Mail: info@toryhotel.com. Es gibt zudem mehrere Bed&Breakfast-Pensionen.
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