SUPPLEMENT: Reisemagazin

Mongolei: Zum Kumys in die Jurte

Dtsch Arztebl 2007; 104(14): [26]

Sturmhoebel, Elke

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Schovo und seine Frau Dulamsuren leben bei der jüngsten Tochter Gündej und ihrer Familie.
Schovo und seine Frau Dulamsuren leben bei der jüngsten Tochter Gündej und ihrer Familie.
Zu Fuß zwischen Taiga und Gobi

Bloß nicht auf die Türschwelle treten. Schließlich will keiner von uns Unglück über die Familie bringen, nachdem wir so freundlich in ihre Jurte gebeten wurden. Sie ist sparsam möbliert. Zwei Betten, Tisch und Hocker, ein Regal mit ein paar Töpfen und wenig Geschirr, eine Kommode mit Familienfotos, ein Hausaltar mit einer bronzenen Buddhastatue. In der Mitte der eiserne Ofen. Wenn man alle zwei Wochen die Weide wechseln, samt Hausstand und Dach über dem Kopf umziehen muss, kann man sich nutzlose Dinge nicht leisten. In der Jurte ist nichts überflüssig, und somit fügt sie sich perfekt in die karge Landschaft ein. Denn weder Mauern noch Zäune zerteilen die Steppe. Weder Fabrikschlote noch Hochspannungsmasten streben in den blauen Himmel. Es ragt höchstens ein qualmendes Ofenrohr aus einer Jurte.
Wie Pilze wachsen die Jurten aus der Steppe. Mehr als die Hälfte der Mongolen leben in der traditionellen Behausung aus Holz und Filz.
Wie Pilze wachsen die Jurten aus der Steppe. Mehr als die Hälfte der Mongolen leben in der traditionellen Behausung aus Holz und Filz.
Schovo, der Pferde und Yaks züchtet, zückt sein Schnupftabakfläschchen und reicht es weiter – ein Ritual unter Männern. Dann setzt er zu einer kleinen Begrüßungsrede an. Er betrachte es als gutes Omen für seine Familie, dass Menschen aus einem so fernen Land seine Jurte besuchen, übersetzt Tunga, unsere mongolische Begleiterin. Die Nomadenfamilie hat nicht weit vom Touristencamp ihr Lager aufgeschlagen. Da bot es sich an, dort einmal einzukehren.
Gerade einmal 2,5 Millionen Einwohner leben auf einer Fläche, die 4,5-mal so groß wie Deutschland ist. Neben der unverbauten Natur – der Gebirgstaiga im Norden, der grünen Steppe und der Wüste Gobi im Süden – sind es vor allem das traditionelle Leben und die unglaubliche Gastfreundschaft der Nomaden, die uns in der Mongolei faszinieren. Dass Fremde so offen aufgenommen werden, wird auch an ihrer geringen Zahl liegen. Nicht mehr als 80 000 bis 100 000 Touristen pro Jahr besuchen das zentralasiatische Hochland zwischen Sibirien und China. Die Passagiere der Transsibirischen Eisenbahn auf dem Weg nach Peking sind schon eingerechnet.
Reisen ins Land beginnen immer in Ulan-Bator. Manchmal sieht man dort Nomaden im traditionellen Deel, dem wadenlangen seitlich geknöpften Mantel mit Seidenschärpe um den Bauch, auf ihren stämmigen Pferden über Plätze reiten. Unbeachtet von Kindern und Jugendlichen, die sich im Ringen üben. Am Straßenrand wird aus großen Kübeln Kumys, gegorene Stutenmilch, verkauft. Klapprige, überfüllte Busse kreischen an Oberleitungen und rumpeln über die Straßen, vorbei an monumentalen Palästen und Plätzen, an Plattenbauten und Jurtensiedlungen und an bunten Reklametafeln, die für Telefon und Bier werben.
Im Gandan-Kloster meditieren und singen Mönche, verbreiten Tamburine, Becken, Zimbeln und Schellen einen Höllenlärm. Gläubige bringen Gebetsmühlen in Schwung, um Wünsche und Gebete zu vertausendfachen. Der Duft von Räucherstäbchen durchdringt die Tempel. Das Gandan-Kloster wurde 1838 gegründet und ist heute die bedeutendste Stätte des Lamaismus in der Mongolei. Wie durch ein Wunder blieb es von der Säuberungswelle in den 1930er-Jahren verschont, als Klöster zerstört, Mönche verfolgt und ermordet wurden. Der 30 Meter hohe Große Buddha, aus Kupfer gegossen und mit Blattgold belegt, wurde vom Volk gespendet und vom Dalai Lama geweiht. Er ist ein Ersatz für das Original, das verschollen ist, seit es damals zersägt und in Einzelteilen nach Russland geschafft wurde.
Seit der Wende 1990 und dem Übergang zur Marktwirtschaft sind die Verhältnisse nicht gerade einfacher geworden. Korruption und die schlechte Wirtschaftslage sind die beherrschenden Themen der Innenpolitik. Die Kontraste im Land haben sich verschärft. Im Biergarten von Khan-Bräu, schräg gegenüber der Hauptpost, dudeln die Handys. Im Radius der Kneipe lungern Straßenkinder. Vor den großen Hotels warten blutjunge Prostituierte auf Dollarkundschaft. Einer amtlichen Untersuchung zufolge lebt mehr als ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Wahrsager und Astrologen haben Hochkonjunktur. 200 000 Mongolen sind nomadische Viehzüchter. Unter der ländlichen Bevölkerung ist Armut zumindest nicht erkennbar. An den Hauptnahrungsmitteln, Milch und Fleisch, mangelt es nicht.
Ringkämpfer genießen in der Mongolei ein hohes Ansehen.
Ringkämpfer genießen in der Mongolei ein hohes Ansehen.
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Schovo und seine Frau Dulamsuren leben bei der jüngsten Tochter Gündej und ihrer Familie. Nachdem Gündej die Stuten gemolken hat, bewirtet sie uns mit süßer Yaksahne, Kumys und Aaruul, steinhartem Quark. An Gündejs Rockzipfel hängt ihr Jüngster. Ob auch seine Eltern ihm den Namen nur ins Ohr geflüstert haben, um böse Geister nicht auf den neuen Erdenbürger aufmerksam zu machen?
Inzwischen hat Dulamsuren ein Album hervorgeholt. Fotos zeigen Schovo hoch dekoriert mit vielen Orden an der Brust. In den Zeiten, als die Mongolei noch ein Satellit der Sowjetunion war, war Schovo Polizist. Stolz zeigt Dulamsuren auf die Urkunde, die sie als verdienstvolle Mutter von 15 Kindern auszeichnet. Vor der Wende gab es erst nach dem dritten Kind Verhütungsmittel. Inzwischen zahle der Staat nicht einmal mehr Kindergeld, sagt Tunga. Aber alleinstehende Mütter genießen in der Gesellschaft immer noch mehr Ansehen als verheiratete kinderlose Frauen.
Reisen im Land wird durch die unzulängliche Infrastruktur erschwert. Schlaglöcher übersäen die wenigen asphaltierten Straßen. Nach Erdene Zuu, Hauptsehenswürdigkeit des Landes und nur 280 Kilometer von Ulan-Bator entfernt, braucht der Bus zehn Stunden. Das lamaistische Kloster entstand im 16. Jahrhundert, die Tempel und Pagoden wurden aus den Trümmern von Karakorum errichtet. Nichts ist mehr zu sehen von der Pracht der einstigen Hauptstadt, in der Dschingis Khan und seine Nachfahren Hof hielten.
Im letzten Jahr wurde der 800. Geburtstag des mongolischen Staates gefeiert. Im Jahr 1206 wurde Dschingis Khan vom Reichstag aller mongolischen, türkischen und tatarischen Steppenvölker Zentralasiens zum Herrscher ausgerufen. Sein Ziel war kein geringeres als die Eroberung der Welt. Mongolische Reiterhorden zogen aus, verbreiteten Angst und Schrecken und drangen bis an das heutige Polen vor. Von China bis ans Schwarze Meer erstreckte sich das größte je existierende Weltreich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts.
Mit der Urga, einem langen Stock mit Schlinge, wird das Vieh eingefangen. Fotos: Elke Sturmhoebel
Mit der Urga, einem langen Stock mit Schlinge, wird das Vieh eingefangen. Fotos: Elke Sturmhoebel
Jeder Weg in der Mongolei, so beschwerlich er auch ist, lohnt sich. Mit jedem Schritt sieht man Bilder, die sich einprägen: Rinderherden und Pferde an silbrig-glänzenden Flussläufen. Berittene Hirten mit der Urga in der Hand, der langen Holzstange und der Schlinge am Ende. Zweihöckrige Kamele, die wiegenden Schrittes durch die Gobi trotten. Der Vollmond über der Wüste. Und Jurten, die wie Pilze aus dem grünen Boden wachsen. Dass wir freiwillig zu Fuß gehen, können die Mongolen, die seit Kindesbeinen fest im Sattel sitzen, kaum fassen. Aber für uns gibt es nichts Schöneres, als durch die Edelweißwiesen zu laufen, den Duft von Salbei und Wermut einzuatmen, die Murmeltiere zu beobachten und die Greifvögel, die am Himmel kreisen.
An Wegkreuzungen stehen Owoos, mit Gebetsfahnen gespickte Steinsetzungen, die mit Getränkedosen, Geldscheinen, Tierschädeln oder auch Krücken bestückt wurden. Aberglaube scheint ansteckend zu sein, denn schon bald machen wir es wie die Mongolen: Einen Opferstein dazulegen, dreimal im Uhrzeigersinn herumgehen und die geneigten Geister um eine gute Weiterreise bitten. Elke Sturmhoebel


Informationen:

Klima: In der Mongolei herrscht ein extrem kontinentales Klima mit langen, trockenen Wintern und kurzen Sommern. Die Temperaturen
im Sommer liegen bei durchschnittlich 16 Grad Celsius. In der Wüste Gobi steigt die Quecksilbersäule im Sommer leicht auf 40 Grad Celsius.
Schlafen und Essen: Hotels gibt es nur in Ulan-Bator. Auf dem Land wird man in Jurtencamps untergebracht. Die landestypischen runden Behausungen aus Filz sind bequem und mit Betten, Tisch und Hockern eingerichtet. Das Essen ist schmackhaft und der Speiseplan recht abwechslungsreich.
Angebote: Nur wenige Veranstalter haben die Mongolei im Programm, oft in Verbindung mit China. Wikinger Reisen (www.wikin ger.de) bieten zwischen Juni und September Reisen mit ausgedehnten Wanderungen an. Die 18-tägigen Reisen ab Deutschland kosten ab 2 598 Euro einschließlich Vollverpflegung.
Auskünfte: Ein staatliches Fremdenverkehrsamt gibt es in Deutschland nicht. Infos im Internet unter www.mongolei.de.

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