EDITORIAL

Geschlechtsspezifische Aspekte der Depression: Schutzfaktor Berufstätigkeit

PP 6, Ausgabe April 2007, Seite 145

Bühring, Petra

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Die ideologischen Wogen, die Ursula von der Leyens familienpolitischer Vorstoß nach Ausbau von Krippenplätzen hervorgerufen hatte, haben sich ein wenig geglättet. Die Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin will zumindest jedem dritten Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz anbieten können, um damit jungen Familien – besser: jungen Müttern, denn Väter können das meist sowieso – die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Das ist gut so. Vieles ist zu dem Thema schon gesagt worden, deshalb wird einmal der Zusammenhang mit der„Volkskrankheit“ Depression betrachtet – zu einer solchen hat sie sich insbesondere für Frauen ausgeweitet.
Mehr als doppelt so häufig erkranken Frauen an einer Depression: 25 Prozent im Gegensatz zu zwölf Prozent der Männer. Auf die Suche nach Ursachen und Risikofaktoren hat sich Dr. Christine Kühner vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim begeben*. Demnach lassen sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede nicht einfach mit genetischen Faktoren erklären. Auch die gehäuften depressiven Episoden in Zeiten hormoneller Umstellungsphasen wie Wochenbett oder Menopause sind epidemiologisch betrachtet nicht relevant. Als Ursachen diskutiert werden allerdings höhere diagnostische Erkennungsraten bei Frauen sowie generell deren höhere Bereitschaft, ärztliche und psychologische Hilfe zu suchen und Symptome zuzugeben.
Doch das allein kann den großen Unterschied nicht erklären. Spannender wird es bei den Risikofaktoren: Berufstätigkeit schützt vor Depression, zeigen aktuelle Studien, die Kühner ausgewertet hat. Berufstätigkeit wirkt bei Frauen als Stresspuffer, der Belastungen in anderen Rollen abmildern kann. Junge, bislang berufstätige Mütter, die nach der Geburt des ersten Kindes drei Jahre lang wegen fehlender Kinderbetreuung zu Hause bleiben, müssen psychisch sehr stabil sein. Plötzlich bricht nicht nur die Selbstbestätigung durch den Job weg, der junge Vater verbringt meist weniger Zeit zu Hause, weil er eine Familie ernähren muss. Die Großeltern sind heutzutage selten in der Nähe.
Doch Berufstätigkeit dient nur bis zu einem gewissen Grad als Puffer: Bei Rollenüberlastung, beispielsweise bei mehreren kleinen Kindern oder auch bei der Pflege bedürftiger Familienangehöriger, erhöht sich das Depressionsrisiko wieder. Kühner verweist auf die „Cost-of-Caring“-Hypothese, die besagt, dass Männer und Frauen grundsätzlich dasselbe Risiko haben, bei belastenden Lebensereignissen mit Depressionen zu reagieren. Frauen sind den Belastungen jedoch aufgrund ihrer Geschlechterrolle häufiger ausgesetzt – und reagieren empfindsamer.
Es gibt weitere Risikofaktoren für Depressionen, die immer noch häufiger Frauen betreffen: Armut sowie geringere Macht und Handlungskontrolle. Auch hier lässt sich ein Zusammenhang zur mangelhaften Kinderbetreuung herstellen. Es ist schwierig, nach drei Jahren Auszeit wieder in einen qualifizierten Job einzusteigen, geschweige denn einen zu bekommen. Nicht ohne Grund entscheiden sich so viele Akademikerinnen gegen Kinder. Kommt ein zweites Kind zur Welt und verlängert sich die Elternzeit entsprechend, sind Bewerberinnen häufig chancenlos. Steht kein gut verdienender Mann an ihrer Seite, ist Armut programmmiert. Macht- und Handlungskontrollverlust sowieso.
Von der Leyens Aufbruch in ein neues Krippenzeitalter kann sicherlich nicht alle geschlechtsspezifischen Ungleichheiten aus dem Weg räumen. Doch wenn die Mütter, die es wollen, durch ihre Initiative mehr Selbstbestimmung erhalten, ist frau einen Schritt weiter.

* Der Beitrag „Frauen“ ist erschienen in: Volkskrankheit Depression? Stoppe, Bramesfeld, Schwartz (Hrsg.). Springer-Verlag Berlin Heidelberg, 2006.
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