ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2007Prävention psychischer Störungen: Die Forschung ist weiter als die Politik

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Prävention psychischer Störungen: Die Forschung ist weiter als die Politik

PP 6, Ausgabe April 2007, Seite 155

Rabbata, Samir

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LNSLNS Psychische Störungen werden mehr und mehr zu einem volkswirtschaftlichen Problem. Erfolg versprechende und wissenschaftlich fundierte Präventionsprogramme gibt es. Doch sie werden nicht ausreichend flächendeckend gefördert.

Dass die Prävention von Krankheiten stärker ausgebaut werden muss, wird Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) nicht müde zu betonen. Doch auch nach jahrelangen Debatten steht ein eigenständiges Präventionsgesetz aus. So wurde ein bereits 2005 erarbeiteter Gesetzentwurf wegen der vorgezogenen Bundestagswahlen auf Eis gelegt.
Wie wichtig ein umfangreiches Präventionsgesetz auch mit Blick auf die psychische Gesundheit ist, wurde bei einem Präventionskongress der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) in Berlin deutlich. Psychische Störungen seien längst keine Einzelfälle mehr. „Sie sind inzwischen ein volkswirtschaftlich relevanter Faktor“, erklärte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der BPtK. Ihre Früherkennung verlange höchste politische Priorität, ergänzte Dr. Lothar Wittmann, Präsident der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen.
Hohe Kosten durch Ausfalltage und vorzeitige Berentung
Dies belegen auch Zahlen nationaler und internationaler Untersuchungen. So ist nach dem Bundes-Gesundheitssurvey von 1998/99 (Zusatzsurvey „Psychische Störungen“) etwa jeder dritte bis vierte Erwachsene in Deutschland innerhalb eines Jahres von einer psychischen Störung betroffen. Wie aus Ergebnissen des Projekts „Size and Burden of Mental Disorder in Europe“ hervorgeht, entsprechen Häufigkeit und Verteilung psychischer Störungen in Deutschland in etwa den Daten in den anderen Staaten der Europäischen Union (EU).
Gleiches gilt für die durch psychische Störungen hervorgerufenen Kosten. Dr. Frank Jacobi, Epidemiologe an der Technischen Universität Chemnitz, beziffert sie europaweit auf jährlich rund 400 Milliarden Euro. Dabei fielen Behandlungskosten weniger stark ins Gewicht als Ausgaben für krankheitsbedingte Arbeitsausfalltage oder Frühberentung.
Als „Epidemie des 21. Jahrhunderts“ sieht Jacobi psychische Störungen jedoch nicht. Es gebe in Wiederholungsstudien kaum dramatische Zunahme-Effekte. Insbesondere bei den jüngeren Bevölkerungsgruppen seien Hinweise auf ein verstärktes Auftreten psychischer Störungen zu schwach, um von einer „dramatischen“ oder „epidemischen“ Zunahme zu sprechen. Verharmlosen will er die Lage jedoch nicht: „Die große Verbreitung psychischer Störungen bietet trotz allem genügend Anlass für eine verstärkte Prävention“, so Jacobi.
Profitieren könnten davon vor allem sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen. So wies Prof. Dr. Johannes Siegrist, Medizinsoziologe der Universität Düsseldorf, darauf hin, dass die Gefahr körperlich oder psychisch zu erkranken nach wie vor von der gesellschaftlichen Stellung abhänge. Als erfolgreiches Beispiel für ein präventives Eltern-Kind-Programm nannte Siegrist unter anderem das Projekt „STEEP“ (Steps Toward Effective Enjoyable Parenting; Egeland and Erickson, 1985) zur frühen Intervention bei Hochrisikofamilien.
Dass in Deutschland trotz Erfolg versprechender Modelle nach wie vor zu wenig für die Früherkennung getan wird, erklärte Siegrist mit einem gestörten Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik. Wissenschaftliche Evidenz werde immer noch zu wenig ernst genommen, bemängelte er.
Auch Prof. Dr. Siegfried Lösel, Direktor des Kriminologischen Instituts der Universität Cambridge bestätigte, dass insbesondere im Bereich der kind- und familienbezogenen Prävention viele positiv evaluierte Maßnahmen vorliegen. Als Beispiel nannte er das Programm „EFFEKT“ (Entwicklungsförderung in Familien: Eltern- und Kinder-Training), das Lösel an der Universität Erlangen entwickelte. Es besteht aus einem Eltern- und einem spielerischen Kinderkurs, die sowohl einzeln als auch in Kombination angewendet werden können. Lösel merkte an, dass Programme nur dann erfolgreich seien, wenn sie qualitätsgesichert implementiert werden.
Präventionsprojekte müssen praxistauglich sein
Dass die Programme dabei sorgfältig in die entsprechenden Lebenswelten eingepasst werden müssen, forderte Prof. Dr. Peter Paulus. Mit seinem Team vom Zentrum für angewandte Gesundheitswissenschaften an der Universität Lüneburg adaptierte Paulus für den deutschsprachigen Raum das australische Programm „Mind Matters“ – ein ganzheitliches Projekt zur Förderung der psychischen Gesundheit an Schulen. Das Programm soll die Entwicklung und Förderung von Schlüsselkompetenzen zum Erhalt und zur Förderung der psychischen Gesundheit unterstützen. Wichtig sei dabei, dass die Gesund­heits­förder­ung „in den Dienst der Schule“ gestellt werde, und nicht „die Schule in den Dienst der Gesundheit“. Denn generell gebe es bislang zwar eine Reihe von „evidence based practice“, aber kaum „practice based evidence“, kritisierte Paulus.
Samir Rabbata
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