ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2007Frieda Fromm-Reichmann: Tiefenpsychologische Behandlung der Schizophrenie

THEMEN DER ZEIT

Frieda Fromm-Reichmann: Tiefenpsychologische Behandlung der Schizophrenie

PP 6, Ausgabe April 2007, Seite 166

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Vor 50 Jahren starb die Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann.

Sigmund Freud wagte noch nicht, psychotisch Erkrankte analytisch zu behandeln. Er zählte die Schizophrenie zu den „narzisstischen“ Erkrankungen, bei denen der Patient nicht übertragungsfähig sei. Doch bereits Carl Gustav Jung versuchte, Ausdrucksformen und Ideen des Wahns aus der Lebensgeschichte der Betroffenen abzuleiten, und lieferte eine psychologische Interpretation der Schizophrenie. Eine neue Sichtweise auf psychotisch erkrankte Menschen entwickelte die zweite und dritte Generation der Psychoanalytiker. Zu ihnen gehört Fromm-Reichmann. Ihre Hauptleistungen liegen in der tiefenpsychologischen Behandlung der Schizophrenie und den theoretischen Konzepten.
Am 23. Oktober 1889 wird Frieda Reichmann im ostpreußischen Königsberg geboren. 1914 schließt sie dort ihr Medizinstudium ab. Anfang der 20er-Jahre lernt Reichmann die Psychoanalyse kennen und macht sie zum geistigen Mittelpunkt ihres Lebens. Die enge Zusammenarbeit mit dem elf Jahre jüngeren Erich Fromm mündet 1926 in eine Ehe. Die beiden gründen den Südwestdeutschen Studienkreis für Psychoanalyse, künftig das Zentrum für analytische Theorie und Praxis im süddeutschen Raum. Zwar wird die Ehe nach fünf Jahren wieder gelöst, doch Zusammenarbeit und Gedankenaustausch bestehen weiter. Auch Fromm wird später Mitglied der Washington School of Psychiatry und veröffentlicht in Harry Stack Sullivans Zeitschrift „Psychiatry“. Nachdem die Nationalsozialisten die Macht ergriffen haben, geht die Jüdin Fromm-Reichmann zunächst ins Elsaß, dann nach Palästina; 1935 emigriert sie in die USA, wo sie eine zweite Heimat findet. Seit den 20er-Jahren setzt sich hier zunehmend die Vorstellung des Schweizer Psychiaters Adolf Meyer von der Schizophrenie durch: Fernab jeder „Hirn- und Stoffwechselmythologie“ sieht Meyer im Schizophrenen einen Menschen, der entscheidende „Lebenstechniken“ nicht gelernt habe. Sein Zusammenbruch erfolge, wenn er Belastungen ausgesetzt sei, denen er sich nicht gewachsen fühle. Therapie muss laut Meyer demnach in einem Wiederaufbau der sozialen Anpassungs- und Leistungsfähigkeit bestehen.
In Chestnut Lodge, Maryland, trifft Fromm-Reichmann auf eine Gruppe von Analytikern, die bereit sind, ins Neuland der Psychosebehandlung vorzustoßen. Handlungsleitend ist dabei die Vorstellung, durch ein besseres Verständnis der Frühsozialisation Wahnkranke heilen zu können. Pionier auf diesem Gebiet ist Harry Stack Sullivan, Neopsychoanalytiker der Chicagoer Sociological School. Ihm zufolge gehen sowohl Psychose als auch Neurose auf Lebenserfahrungen zurück; die Übergänge zwischen beiden Störungen sind fließend. In der Behandlung geht es darum, erlernte Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster durch „teilnehmende Beobachtung“ kennenzulernen. Treffende Deutungen und eine positive Beziehung zum Kranken könnten dessen negative Sozialbeziehungen langsam korrigieren.
Fromm-Reichmann lernt von Freud und Sullivan. Melanie Kleins Auffassung von der Psychosebehandlung ergänzt sie, indem sie Gefühl und Affekt bei der Deutung hervorhebt. Denn ihr zufolge wehren schizophrene Patienten vor allem in der Kindheit erlebte große Angst ab. Die von ihr sogenannte analytisch orientierte Psychotherapie von Psychosen stellt hohe Anforderungen an Patienten und Therapeuten. Neben analytischen Kenntnissen müssen die Therapeuten ein erhebliches Maß an Geduld mitbringen, dauert eine solche Behandlung in der Regel doch einige Jahre. Heilung heißt dabei nicht, den Patienten an die konventionelle Welt anzupassen. Fromm-Reichmann formuliert das Therapieziel so: „Der Therapeut soll wissen, dass seine Rolle zu Ende ist, wenn diese Menschen imstande sind, selbst – ohne Verletzung ihrer Mitmenschen – ihre eigene Quellen der Befriedigung und Sicherheit zu finden, unabhängig von der Zustimmung ihrer Nachbarn, ihrer Familie und der öffentlichen Meinung. (. . .)
Als „Director of Psychotherapy“ an der Klinik in Chestnut Lodge widmete Fromm-Reichmann sich in erster Linie der Schizophreniebehandlung; doch ihr zufolge sind psychogenetische Aspekte auch auf Patienten mit affektiven Pychosen anwendbar. Mit Geduld, Güte, Einfühlungsvermögen und schlichter Menschlichkeit brachte sie psychotisch Erkrankte, die sich längst von ihren Mitmenschen abgewendet hatten, dazu, sich ihr gegenüber zu öffnen. Das Buch „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ legt davon Zeugnis ab. Unter dem Pseudonym Hannah Green beschreibt die Autorin ihre Erlebnisse in Chestnut Lodge und setzt ihrer Therapeutin ein eindruckvolles Denkmal. Am 28. April 1957 ist Frieda Fromm-Reichmann in Chestnut Lodge gestorben.
Christof Goddemeier
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige