ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1997Hörstörungen bei Kindern: Früherkennung zweigleisig verbessern

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Hörstörungen bei Kindern: Früherkennung zweigleisig verbessern

Wübben, Josy

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LNSLNS Rund 1 000 Kinder kommen jährlich in Deutschland mit Schwerhörigkeit zur Welt. Entdeckt werden Hörstörungen oft zu spät, meist erst nach zwei bis drei Jahren.
Eine für die Sprachentwicklung, intellektuelle und soziale Entfaltung des hörgeschädigten Kindes wichtige Therapie sollte bereits im ersten Lebensjahr beginnen.


Die Frühdiagnose von Hörstörungen bei Kindern zu verbessern ist Anliegen des Projektverbundes der Medizinischen Hochschule Hannover, der Ludwig-Maximilians-Universität München und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, Köln. Für die bestmögliche Entwicklung hörgeschädigter Kinder müsse eine Therapie bereits im ersten Lebensjahr beginnen. "Durch zu späte Diagnosen verlorene Zeit kann ein Kind nicht wieder aufholen", erklärte Prof. Dr. med. Thomas Lenarz, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik Hannover, auf einer Tagung des Projektverbundes Ende Februar in Köln. 50 Wissenschaftler, Ärzte, Eltern betroffener Kinder, Vertreter der Krankenkassen und der Politik diskutierten die Ergebnisse des 1996 gestarteten Projekts.

Zwei Ansätze
Zwei Wege stellte der Projektverbund vor, um den Diagnosezeitpunkt von Schwerhörigkeit bei Kindern entscheidend vorzuverlegen: ein flächendeckendes apparatives Screening bei Neugeborenen und den Einsatz eines Fragebogens für Eltern. Für das apparative Screening hält der Verbund die Methode der evozierten otoakustischen Emissionen (OAE) besonders geeignet. Dieser objektive Test ermögliche es, bereits unter Neugeborenen diejenigen auszusieben, bei denen der Verdacht auf eine Hörstörung bestünde. Prof. Dr. Lenarz wies auf sehr gute Ergebnisse der Pilotstudien in Hannover und München hin. Das OAE-Verfahren habe außerdem den Vorteil, daß die neuen Screening-Geräte leicht zu handhaben seien. Medizinisches Assistenzpersonal könnte die Untersuchungen übernehmen. Kinder mit erhöhtem Risiko einer Innenohrschwerhörigkeit glaubt der Verbund durch den Einsatz eines Fragebogen für Eltern früher als bisher erfassen zu können. Dieser soll Eltern von Kindern im Alter von vier Wochen bis zu einem Jahr nach eigenen Beobachtungen und Risikofaktoren fragen. Beide Ansätze hält der Verbund für erfolgversprechend. Ein Vergleich neuer Testdaten mit den Informationen des Deutschen Zentralregisters für kindliche Hörstörungen in Berlin gebe Aufschluß über die Wirksamkeit beider Verfahren. Derzeit stehe der Nutzen der Fragebögen in den Regionen München und Niederbayern auf dem Prüfstand. Finanziert sei diese Untersuchung jedoch nur noch bis Ende dieses Jahres. Auch für eine geplante Feldstudie zum apparativen Hörscreening in sechs Hannoveraner Kliniken fehlten bislang die Mittel. "Wir haben viele Steuermänner, aber keinen Ruderer. Der Kahn bewegt sich nicht", umschreibt Prof. Dr. Lenarz die Situation. Drei Millionen DM kosteten beide Studien, 12,8 Millionen DM die flächendeckende Einführung der Fragebögen und des apparativen Hörscreenings. Diesen Ausgaben stellte Dr. med. Agnes Hildmann, Chefärztin des Instituts für Phoniatrie und Pädaudiologie der Vestischen Kinderklinik in Datteln, Einsparungen über 40 Millionen DM gegenüber. Vor allem Kosten für heilpädagogische Erziehung und für Therapie fielen weg.
Josy Wübben

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