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Weltgesundheitstag 2007: Vernunft einimpfen

Dtsch Arztebl 2007; 104(15): A-977 / B-869 / C-829

Blöß, Timo

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Vernunft lässt sich leider immer noch nicht spritzen. Impfungen schützen zwar vor vielen schweren Infektionskrankheiten – bei verantwortungslosem Verhalten sind aber auch sie machtlos. Darum ist die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) bemüht, der Menschheit mit dem Weltgesundheitstag 2007 zumindest intellektuell ein wenig Vernunft einzuimpfen. Entsprechend lautet das diesjährige Motto „Gesund bleiben – sich vor Infektionskrankheiten schützen“. Wiederholt weist die WHO damit auf das Problem von bisher unzureichenden Impfraten hin.
Das Motto des Weltgesundheitstages ist dabei nicht nur als Appell für die Menschen in der Dritten Welt zu verstehen. Dort müssen die Impfprogramme ausgeweitet werden, um vor allem Kinder vor Infektionskrankheiten zu schützen und die nach wie vor hohe Kindersterblichkeitsrate zu senken. Das Motto richtet sich auch an die sogenannte Erste Welt. Denn auch dort kann man mit den Impfraten bei vielen Infektionskrankheiten nicht zufrieden sein.
Glücklicherweise sind den meisten Menschen schwere Infektionskrankheiten hierzulande nur noch aus Arzt-Serien im Vorabendprogramm bekannt. Dadurch aber sind Infektionskrankheiten zu einem Gespenst geworden, das dem Empfinden nach – wenn überhaupt – nur in anderen Ländern spukt. Eben jenes Empfinden aber macht leichtsinnig. Ausbrüche wie die der Masern im vergangenen Jahr zeigen, dass neben HIV/Aids auch die vermeintlich einfachen Infektionskrankheiten nach wie vor eine reale Gesundheitsgefahr darstellen. Rund 1 700 Menschen hatten sich in Nordrhein-Westfalen mit Masern infiziert. Knapp 90 Prozent von ihnen waren nicht geimpft, 263 Kinder mussten stationär behandelt werden. Das ließe sich durch Impfungen verhindern. Nicht nur deswegen sind sie auch aus ökonomischer Sicht zu begrüßen. Allein bei den Masern ließen sich mit der derzeitigen Durchimpfungsrate von knapp über 90 Prozent (die zur Ausrottung der Masern nicht ausreichend ist) jährlich 189 Millionen Euro einsparen, heißt es beim Robert-Koch-Institut. Nicht berücksichtigt dabei seien volkswirtschaftliche Schäden wie etwa durch Arbeitsunfähigkeit. Die Impfkosten hingegen lägen nur bei rund 20 Millionen Euro.
Ein Zeichen setzen wollte die Bundesregierung mit der Gesundheitsreform. Impfungen werden fortan von den Kassen als Pflichtleistung übernommen. Das war wohl gut gemeint – ob es aber das gewünschte Resultat bringen wird, ist fraglich. Schon bisher haben die Krankenkassen Impfungen als freiwillige Satzungsleistungen flächendeckend übernommen. Ein Ausscheren war aus Wettbewerbsgründen nicht möglich. Mit der Neuregelung aber wird jegliches Rühren der Werbetrommel von der Aufgabenliste der Kassen gestrichen. Zu begrüßen ist jedoch, dass Impfungen auch als Kassenregelleistung weiterhin extrabudgetär vergütet werden. Ärzte leisten bei ihren Patienten wertvolle Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit für die Impfprävention. Dafür dürfen sie finanziell nicht bestraft werden.
Dass die Kosten von den Kassen bereits als Satzungsleistung übernommen wurden, verdeutlicht zudem, dass auf Impfungen nicht aus ökonomischen Gründen verzichtet wird. Anders als in den Ländern der Dritten Welt werden die notwendigen Impfraten hier vor allem aufgrund von unbegründeten Ängsten und Nachlässigkeit nicht erreicht. Zu Recht gibt es in Deutschland anstelle eines Impfprogramms nicht verpflichtende Impfempfehlungen. Umso wichtiger jedoch ist es, über die Notwendigkeit der Impfungen aufzuklären. Dazu gehört auch, seltene, aber mögliche Komplikationen zu thematisieren. Denn bei vielen ist die Angst vor Impfkomplikationen mittlerweile größer als vor den statistisch wahrscheinlicheren Komplikationen bei Ausbruch der Infektionskrankheit. Jene gezielten Aufklärungskampagnen sind nur möglich, wenn bekannt ist, wer aus welchen Gründen auf Impfungen verzichtet. Die Daten darüber aber lassen zu wünschen übrig. Gibt es über den Impfstatus von Kleinstkindern noch ein klares Bild, verklärt sich die Statistik mit zunehmendem Alter. Ausführlichere und regelmäßigere Analysen sind darum notwendig.


Timo Blöß
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
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