ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2007Medikamentenabhängigkeit: Hilfe für die Verordner

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Medikamentenabhängigkeit: Hilfe für die Verordner

Dtsch Arztebl 2007; 104(15): A-985 / B-877 / C-835

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Bundes­ärzte­kammer will Ärzte mit einem Leitfaden unterstützen, suchtgefährdete Patienten frühzeitig zu erkennen und Medikamentenabhängigkeit richtig zu behandeln.

Stellen den Leitfaden der Öffentlichkeit vor: Prof. Markus Gastpar, Dr. Constanze Jacobowski und Dr. Astrid Bühren (von links nach rechts). Foto: Georg Lopata
Stellen den Leitfaden der Öffentlichkeit vor: Prof. Markus Gastpar, Dr. Constanze Jacobowski und Dr. Astrid Bühren (von links nach rechts). Foto: Georg Lopata
Die Zahlen sind erschreckend: 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind von psychotropen Medikamenten abhängig, weitere 1,7 Millionen werden als gefährdet eingestuft. Statistisch betrachtet begegnet jeder niedergelassene Arzt mindestens einmal am Tag einem Patienten mit einer manifesten Abhängigkeit. Mit dem Alter steigt die Gefährdung, besonders bei über 60-Jährigen. Frauen sind doppelt so häufig betroffen. Weil der schleichende Prozess der Abhängigkeit von der Außenwelt oft nicht bemerkt wird, ist auch von der „stillen Sucht“ die Rede.
Medikamentenabhängigkeit ist aber auch eine „Sucht auf Rezept“: 80 Prozent der Betroffenen sind von Benzodiazepinen abhängig, die vor allem bei unspezifischen Symptomen wie Niedergeschlagenheit, Unausgeglichenheit sowie Angst- und Stresssymptomen ärztlich verordnet werden. Gerade dabei bestehe die Gefahr, dass nach der Devise „eine Tablette heilt alles“, eine exakte Diagnostik und indikationsgerechte Therapie verhindert werde, kritisierte Dr. med. Astrid Bühren, Vorsitzende des Ausschusses Sucht und Drogen der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Oftmals seien gerade die unspezifischen Symptome Ausdruck einer somatoformen Störung, die langfristig anders behandelt werden müsse.
Die Bundes­ärzte­kammer will niedergelassene Ärzte unterstützen, ihr eigenes Verschreibungsverhalten zu reflektieren, suchtgefährdete Patienten frühzeitig zu erkennen und sachgerechte Behandlung anzubieten. Dazu wurde, zusammen mit der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Fachleuten des Suchthilfesystems und Vertretern von Patientenorganisationen, der Leitfaden „Medikamente – schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit“ entwickelt.
Die Gründe für das verbesserungswürdige Verschreibungsverhalten liegen nach Ansicht von Prof. Dr. med. Markus Gaspar, Chefarzt der Fliedner Kliniken in Berlin, auch im „zunehmenden Zeitdruck“ der Ärzte, verbunden mit dem Wunsch der Patienten nach einer „schnellen Behandlung in einer konsumorientierten Zeit“. Hinzu komme, dass bereits suchtkranke Patienten oftmals mehrere Ärzte parallel aufsuchen und wissen, wie sie ihre Verschreibungswünsche wirksam vorbringen – oder sich frei verkäufliche Medikamente besorgen. Psychosoziale Zusammenhänge wahrzunehmen und vor allem Kommunikation mit dem Patienten seien hilfreich, um „dem verführerischen Griff zum Rezeptblock zu widerstehen“, heißt es in dem Leitfaden.
Ein weiteres Problem ist der unübersichtliche Markt mit mehr als 10 000 verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Vier bis fünf Prozent aller häufig verordneten Medikamente besitzen ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Nach den Benzodiazepinen sind dies quantitativ Analgetika und Barbiturate, aber auch Antidepressiva, Opiate und Psychostimulanzien. Gastpar warnte jedoch davor, diese Medikamente generell zu verdammen: „Bei falscher Anwendung haben die Substanzen ein Gefährdungspotenzial – bei richtiger Indikation sind sie sehr hilfreich.“ Antidepressiva beispielsweise könnten über Jahre verordnet werden, ohne abhängig zu machen – Benzodiazepine hingegen nur kurzfristig.
Darauf, dass es für Ärzte „nicht einfach ist“, Patienten mit einer Medikamentenabhängigkeit zu erkennen, wies Dr. med. Constanze Jacobowski, Fachärztin für Innere Medizin und Psychotherapie, hin. Der Arzt solle hellhörig werden, wenn Patienten immer wieder nach Schlaf- und Beruhigungsmitteln fragen. Die Betroffenen selbst verlören ihre Kritikfähigkeit: Sie realisieren ihre eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten nicht. Manche wiesen Muskelschwäche auf oder auch Scheindemenzen. Um den Patienten zu motivieren, von den Medikamenten loszukommen, brauche es von beiden Seiten „viel Geduld“, betonte Jacobowski. Wichtig für den Arzt sei zudem, sich mit anderen Berufsgruppen zu vernetzen: Unterstützung bieten Suchtberatungsstellen, Selbsthilfegruppen und Psychotherapeuten.
Petra Bühring

Der Leitfaden im Internet:
www.aerzteblatt.de/plus1507
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