ArchivDeutsches Ärzteblatt15/20073 fragen an . . . Priv.-Doz. Dr. med. Friedhelm Späh, leitender Oberarzt der Abteilung Kardiologie am Klinikum Krefeld

MEDIZINREPORT

3 fragen an . . . Priv.-Doz. Dr. med. Friedhelm Späh, leitender Oberarzt der Abteilung Kardiologie am Klinikum Krefeld

Dtsch Arztebl 2007; 104(15): A-998 / B-887 / C-844

Siegmund-Schultze, Nicola

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DÄ: Das Gesundheitsversorgungssystem wird mitverantwortlich gemacht für die Non-Compliance der Patienten. Was ließe sich in Deutschland verbessern?
Späh: Wir müssen an den verschiedenen Hebeln ansetzen, die die Therapietreue des Patienten beeinflussen. Eine Idee, um bei chronisch Kranken die Zahl der verschriebenen Medikamente zu reduzieren, ist die individuelle „Poly-Pille“, also eine vom Apotheker für den einzelnen Kranken zusammengestellte Medikation. Bei einem Patienten nach Herzinfarkt zum Beispiel könnte diese Pille einen ACE-Hemmer, einen Betablocker, ein Statin und Acetylsalicylsäure (ASS) enthalten. Der Ansatz der individuellen Poly-Pille wird bereits im Ausland konkret erprobt. Auch hat der Arzt selbst natürlich eine Bringschuld.

DÄ: Worin besteht sie?
Späh: Der Arzt ist verpflichtet, sich nicht nur in Bezug auf Medikamentwirkungen ständig auf dem aktuellen Stand zu halten, sondern auch in Bezug auf Studien zur Adhärenz. So ist bekannt, dass ein Jahr nach Myokardinfarkt nur noch die Hälfte der Patienten ihren Betablocker einnehmen. Solche Informationen sollten in die – bei chronisch Kranken regelmäßig zu führenden – Gespräche über die Medikamenteneinnahme einfließen, ohne bei dem Patienten Schuldgefühle hervorzurufen. Gerade bei Erkrankungen, die nicht unmittelbar fühlbar sind, wie Hypertonie oder Diabetes, müssen wir den Patienten eine gewisse Gesetzmäßigkeit deutlich machen, mit der das Nichteinnehmen von Arzneimitteln die Gesundheit schädigt. Zum Beispiel, indem wir eine Dopplersonographie der Halsgefäße machen und zeigen: Dort gibt es neue Ablagerungen. Die werden auf längere Sicht diese und jene Folgen haben.

DÄ: Das Picker-Institut in Oxford erforscht die Erfahrungen von Patienten in Europa mit ihren Gesundheitsversorgungssystemen. Das finanziell unabhängige Institut stellt fest, dass Patienten an den Entscheidungen des Arztes gern mehr beteiligt würden . . .
Späh: . . .womit noch nicht die Frage beantwortet wäre, ob dies auch direkt positive Effekte auf die Gesundheit hat. Aber in jedem Fall sollte das Gespräch mit dem Patienten auf Augenhöhe geführt werden, emotionale Wärme vermitteln und erkennen lassen, dass auch die Stimmung wahrgenommen wird. Ein Jahr nach einem Herzinfarkt nehmen zum Beispiel 40 Prozent der schwer depressiven Patienten kein ASS mehr ein, bei leichten Depressionen sind es 25 Prozent. Auch das muss berücksichtigt werden.

Die Fragen stellte Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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