ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2007Dr. med. Regine Esch-Hamacher, Medizinischer Dienst im Europaparlament: Von der Praxis ins Parlament

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Dr. med. Regine Esch-Hamacher, Medizinischer Dienst im Europaparlament: Von der Praxis ins Parlament

Dtsch Arztebl 2007; 104(15): A-1006 / B-892 / C-849

Spielberg, Petra

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Regine Esch kann sich eine Rückkehr in die Praxis nicht vorstellen. „Im Medizinischen Dienst habe ich einfach mehr Möglichkeiten als in einer Niederlassung“, sagt sie. Foto: Thierry Monasse
Regine Esch kann sich eine Rückkehr in die Praxis nicht vorstellen. „Im Medizinischen Dienst habe ich einfach mehr Möglichkeiten als in einer Niederlassung“, sagt sie. Foto: Thierry Monasse
Sie liebt die Abwechslung und die internationalen Patienten. Seit sieben Jahren arbeitet die deutsche Allgemeinärztin für den Medizinischen Dienst des Europaparlaments.

Mindestens zwölfmal im Jahr heißt es für Dr. Regine Esch Koffer packen. Denn jeden Monat, wenn der Tross von Europaabgeordneten samt Assistenten und Journalisten von Brüssel nach Straßburg reist, ist die blonde Allgemeinärztin mit von der Partie. Ihre Aufgabe ist dabei ebenso bedeutsam wie die der Volksvertreter. Esch arbeitet für das Europaparlament (EP) als Médecin conseil, wie die Ärzte des Medizinischen Dienstes (MD) im Französischen heißen. Deswegen muss sie wie die 785 Abgeordneten immer zwischen Brüssel und Straßburg – den beiden Sitzungsorten des EP – hin- und herpendeln, um im Fall der Fälle sofortige medizinische Hilfe leisten zu können.
Vielfältige Tätigkeit
Den Aufwand, den die dauernde Fahrerei zwischen ihren mehr als 450 Kilometer voneinander entfernten Arbeitsplätzen mit sich bringt, nimmt Esch gelassen hin. „Das stört mich überhaupt nicht“, sagt sie. Sie genießt vielmehr die Abwechslung, die die jeweils unterschiedlichen Tätigkeitsschwerpunkte mit sich bringen. Denn während in Brüssel Routineaufgaben, wie Einstellungsuntersuchungen, reisemedizinische Beratungen, Impfungen und arbeitsmedizinische Leistungen das Tagesgeschäft bilden, steht in Straßburg der Notfalldienst im Vordergrund. Hier ist die Ärztin vor allem bei Herzkreislaufproblemen, Sturzverletzungen, akuten Infektionen oder allergischen Reaktionen gefragt.
Entsprechend gut ist der Behandlungsbereich im Kellergeschoss des Parlamentsgebäudes in Straßburg ausgestattet. Die Ärzte verfügen über ein EKG, Ruheräume sowie einen Rollstuhl mit Defibrillator, Sauerstoffflasche und Blutzuckermessgerät. Esch könnte sich auch nicht mehr vorstellen, in einer Praxis zu arbeiten: „Im Medizinischen Dienst habe ich einfach mehr Möglichkeiten als in einer Niederlassung, und da ich vom EP bezahlt werde, muss ich auch nicht ständig darauf achten, ob sich die Zeit, die ich für eine Behandlung benötige, rechnet. Somit kann ich mich, wenn es erforderlich ist, auch mal etwas länger einem Patienten widmen.“
Interessant macht ihr den Job außerdem die internationale Klientel. Vier Sprachen beherrscht Esch inzwischen fließend. Manchmal kommt es vor, dass sie im Minutentakt zwischen Englisch, Französisch, Deutsch und Flämisch hin- und herwechseln muss. „Dann“, berichtet sie lachend, „kann es schon mal sein, dass mir selbst deutsche Begriffe nicht mehr einfallen.“
20 Jahre lebt die gebürtige Deutsche schon in Brüssel. Die Liebe hat sie in die belgische Hauptstadt verschlagen. Als sie 1982 ihren heutigen Ehemann, ebenfalls ein Deutscher, kennen lernte, war Esch noch Assistentin am Klinikum Kalkweg in Duisburg. Da ihr Mann bei der Europäischen Kommission arbeitete, musste die junge Frau ständig zwischen dem Ruhrgebiet und Brüssel hin- und herfahren. „Auf Dauer war das kein Zustand, zumal wir eine Familie gründen wollten“, berichtet die Ärztin. Deshalb beantragte sie nach ihrer Ausbildung eine Gleichwertigkeitsbescheinigung, um auch in Belgien arbeiten zu können. Das war im Januar 1986.
„Heute bekommen Ärzte ihre Berufsanerkennung in der Regel ja recht schnell. Aber damals hat das ewig gedauert“, erinnert sie sich. Erst im November 1986, eine Woche nach der Geburt ihres Sohnes und zehn Monate nach ihrer Anfrage, erteilten ihr die belgischen Behörden die ersehnte Zulassung.
Daraufhin ging es jedoch nicht sofort zum Parlament, sondern erst einmal in eine Allgemeinarztpraxis nach Saint Gilles, einem Stadtteil von Brüssel. Da sie dort nur halbtags arbeitete, blieb ihr noch Zeit, sich nebenher in der Umweltmedizin zu engagieren. Vor zehn Jahren gründete sie zudem eine Organisation zur palliativmedizinischen Betreuung von Angehörigen in Brüssel lebender Deutscher.
Das Engagement und die Vielsprachigkeit der jungen Ärztin blieben auch der Verwaltung des EP nicht verborgen, die im Jahr 2000 Verstärkung für ihren MD suchte. So kam es, dass Esch schließlich von der Praxis ins Parlament wechselte, zunächst als Vertretungsärztin, später als Vollzeitkraft.
Einzig in einer Männerdomäne
Stolz verweist sie darauf, dass sie bislang die erste und einzige Ärztin in dieser Männerdomäne ist. Neben ihren drei männlichen belgischen Kollegen stehen ihr fünf Sekretärinnen, fünf Krankenschwestern, eine Psychologin und ein Kardiologe zur Seite. Sie alle arbeiten grundsätzlich im Schichtdienst. „In Straßburg beispielsweise sind wir an den beiden wichtigsten Plenartagen, dienstags und mittwochs, zwischen 8.30 Uhr und Sitzungsende immer in zwei Schichten im Einsatz“, erklärt Esch. Bei besonders langen Plenardebatten kann es schon mal ein Uhr nachts werden, bis die Ärzte Feierabend haben. „Wenn die Sitzung beendet ist, erfahren wir dies durch einen Gong. Dann müssen wir noch eine Viertelstunde warten, für den Fall, dass noch ein Patient kommt, und können dann gehen.“
50 bis 60 Stunden Arbeit pro Woche sind für Esch keine Seltenheit. Letztes Jahr im Hochsommer waren sie und ihre Kollegen jedoch fast im Dauereinsatz tätig. „Wegen der Hitze hatten wir manchmal bis zu drei Notfälle gleichzeitig“, berichtet die resolute Ärztin.
Dass es in den sieben Jahren ihrer Tätigkeit beim EP bislang nie zu einem tödlichen Zwischenfall gekommen ist, führt sie auch auf das gute Zusammenspiel mit der hauseigenen Feuerwehr des EP zurück, die während der Sitzungswochen rund um die Uhr unter der 8 51 12, der Notrufnummer des Parlaments, erreichbar ist.
Petra Spielberg
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