ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2007Die dissoziative Identitätsstörung – häufig fehldiagnostiziert: Fehlende Objektivierbarkeit
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LNSLNS Die Diagnose DIS wird eher zu häufig als zu selten gestellt. Das Kernproblem ist gerade die von den Autoren geforderte „aktive Erfragung“ der Symptome. Dahinter verbirgt sich ein riskanter Indoktrinationsvorgang, dem hochsuggestible Personen – Patienten wie Therapeuten – zum Opfer fallen.
In meiner 20-jährigen Berufstätigkeit im psychiatrischen Feld entpuppten sich alle DIS-Fälle als Irrtümer. Angefangen von der simulierten DIS nach einem Tötungsversuch an der Ehefrau; weiter über 2 Fälle, in denen histrionische Patientinnen bei der „therapeutischen Aufdeckung“ unzähliger Persönlichkeiten in eine fatale Abhängigkeit von ihren Therapeuten gerieten, sich letztendlich selbst als Opfer von Manipulationen erkannten und schwere Vorwürfe gegen ihre Therapeuten erhoben. Bei einer Benzodiazepin-abhängigen Patientin bestand eine unübersichtliche Gemengelage aus toxisch bedingten Amnesien, appellativem Craving-Verhalten und infantiler Beziehungsmanipulation. „DIS“ wurde hier willkürlich diagnostiziert. Eine sehr junge Patientin hatte sich in die Thematik „eingelesen“. In einem Fall bestand eine fehlgedeutete Temporallappenepilepsie.
Fazit: Die Diagnose DIS ist bestenfalls Forschungsdiagnose, schlimmstenfalls Modediagnose. Ihr inflationärer Einbruch in die Klinik könnte Patienten und Therapeuten mehr schaden als nutzen. Mehr als andere psychiatrische Diagnosen entbehrt sie der Objektivierbarkeit. Die von den Autoren beschworene „neurobiologische Basis“ mit mehr plakativen als repräsentativen Befunden ist sehr fragwürdig. Die DIS ist meines Erachtens kein Produkt der Amygdala, sondern Emanation des Zeitgeistes mit seinen wiederkehrenden Krisen des Individualismus, namentlich der deutschen Romantik, des Fin de siècle oder der globalen Postmoderne.

Jürgen Horn
Königstraße 19a
66578 Schiffweiler

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