ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2007Die dissoziative Identitätsstörung – häufig fehldiagnostiziert: Therapieempfehlungen fragwürdig
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LNSLNS In den letzten Jahren war es ruhig um diese Diagnose geworden, entsprechend der Formulierung im ICD-10: „Diese Störung ist selten, und es wird kontrovers diskutiert, in welchem Ausmaß sie iatrogen oder kulturspezifisch ist“. So gesehen kommt der Artikel etwas überraschend.
Dass es das Phänomen multiple Persönlichkeit gibt, soll gar nicht bestritten werden, weil es im Seelischen nichts gibt, was es nicht gibt. Nur kommen mir die Zahlen der Autoren über die Häufigkeit maßlos übertrieben vor. In meiner über zwanzigjährigen Arbeit als psychotherapeutischer Supervisor – häufig in Einrichtungen, deren Klientel für das beschriebene Krankheitsbild disponieren müsste – gab es einen einzigen Fall, bei dem eine Patientin durchgängig das Phänomen multiple Persönlichkeit zeigte, wobei sie lediglich zwischen zwei Persönlichkeitszuständen hin und her pendelte.
Fragwürdig an dem Artikel sind die Therapieempfehlungen, die allgemeiner nicht sein könnten und keinen Unterschied machen. Neben der Empfehlung „Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung“, was grundsätzlich immer gilt, wird ein sogenanntes „phasenorientiertes Vorgehen“ empfohlen, „bei dem zunächst eine Stabilisierung der Patienten angestrebt wird, bevor man sich gezielt der Bearbeitung traumatischen Materials zuwendet“. Was immer die Autoren unter Stabilisierung verstehen, so ist es eigentlich in den meisten Therapien üblich, zunächst die Patienten zur Aktivierung ihrer Ressourcen zu motivieren und erst nach einer gewissen Zeit die Bearbeitung der Defizite anzubieten. Das als phasenorientiertes Vorgehen zu beschreiben erscheint sprachlich ziemlich hypertroph. Das gilt gleichermaßen für den letzten Teil der Therapieempfehlung der „störungspezifischen Techniken“, „die darauf abzielen, die dissoziierten Selbstzustände in die Therapie einzubeziehen, um somit einen Integrationsprozess … einzuleiten“. In der Psychotherapieforschung hieß dieses Vorgehen allgemein „Problemaktualisierung“ und ist einer der vier grundlegenden Wirkmechanismen einer jeden Psychotherapie.

Rolf Heinzmann
Indianaring 45
76149 Karlsruhe

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