ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2007Die dissoziative Identitätsstörung – häufig fehldiagnostiziert: Tatsächliche Prävalenz eventuell niedriger
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LNSLNS Das Ausmaß soziokultureller und iatrogener Einflüsse auf die Entstehung der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) wird unverändert kontrovers diskutiert.
Nachdem früher Einzelfälle eher alternierender Persönlichkeiten berichtet wurden, stieg vor allem nach der Buchveröffentlichung des Falls „Sybil“ 1973 in den USA die Anzahl sowohl der Fälle insgesamt als auch der Identitäten innerhalb eines Individuums sprunghaft an. 1976 erfolgreich verfilmt, wurde der Fall „Sybil“ erst 1998 als iatrogene DIS und Pseudologia phantastica aufgedeckt: Sowohl das seinerzeit rätselhafte Krankheitsbild als auch die Erinnerungen der Patientin an frühkindliche Traumata beruhten auf Suggestionen der Psychotherapeutin (1).
In der wissenschaftlichen Diskussion wird neben einer Unterdiagnostizierung ebenso eine Überdiagnostizierung angenommen. Auffallend ist, dass die DIS überwiegend in Nordamerika und einigen westeuropäischen Staaten diagnostiziert wird, in den meisten anderen Staaten, darunter auch Frankreich und Großbritannien, hingegen nicht oder nur selten. Hohe Prävalenzangaben wie im vorliegenden Artikel sind vor diesem Hintergrund kritisch zu hinterfragen und keineswegs zu verallgemeinern. Bei der iatrogenen DIS muss, wie bei anderen psychotherapeutischen Kunstfehlern auch, von einer Dunkelziffer ausgegangen werden.
Der Zusammenhang zwischen Trauma und Dissoziation ist viel weniger eindeutig als dargestellt (2). Retrospektive Studien bergen in sich die Gefahr, Scheinkorrelationen zu konstruieren, solange die Echtheit der retrospektiv berichteten Traumata nicht verifiziert ist. Es existiert kein psychopathologisches Symptom, von dem aus spezifisch auf ein Ereignis in der Vergangenheit geschlossen werden kann.
Die dargestellten ersten Ergebnisse neurobiologischer Untersuchungen zeigen psychophysiologische Korrelate auf. Spezifische ätiologische Implikationen ergeben sich hieraus nicht. So sind auch die Ergebnisse prospektiver Längsschnittuntersuchungen und einer Untersuchung an eineiigen Zwillingen mit der These einer traumabedingten Hippocampus-Atrophie nicht vereinbar (3).


Dr. med. Ulrike Straeter
Dipl.-Psych. Ivonne Schürmann
Dr. med. Wolf Braun
Landesversorgungsamt Nordrhein-Westfalen/Bezirksregierung Münster
Albrecht-Thaer-Straße 9
48147 Münster
E-Mail: Ulrike.Straeter@bezreg-muenster.nrw.de
1.
Stoffels H, Ernst C: Erinnerung und Pseudoerinnerung: Über die Sehnsucht, Traumaopfer zu sein. Nervenarzt 2002; 73: 445–51. MEDLINE
2.
Giesbrecht T, Merckelbach H: Über die kausale Beziehung zwischen Dissoziation und Trauma. Ein kritischer Überblick. Nervenarzt 2005; 76: 20–7. MEDLINE
3.
Volbert R: Sind Traumaerinnerungen spezifisch? Konsequenzen für die aussagepsychologische Begutachtung. Praxis der Rechtsspsychologie 2006; 16: 249–69.
1. Stoffels H, Ernst C: Erinnerung und Pseudoerinnerung: Über die Sehnsucht, Traumaopfer zu sein. Nervenarzt 2002; 73: 445–51. MEDLINE
2. Giesbrecht T, Merckelbach H: Über die kausale Beziehung zwischen Dissoziation und Trauma. Ein kritischer Überblick. Nervenarzt 2005; 76: 20–7. MEDLINE
3. Volbert R: Sind Traumaerinnerungen spezifisch? Konsequenzen für die aussagepsychologische Begutachtung. Praxis der Rechtsspsychologie 2006; 16: 249–69.

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